Meine Mutter, mein Bruder und ichCalis, NuranDeutschland 2007Drama/Migration; Familienkonflikt; Künstler; Medizin; Kinder; Suchreise; Areg (Erhan Emre) ist in Armenien geboren. Seit über zehn Jahren lebt er in Deutschland, wo er mit seiner verwitweten Mutter Maria (Lida Zakaryan) und seinem 9-Jährigen Bruder Garnik (Kurt Ipekkaya) nicht nur auf die Anerkennung als Asylant wartet. Er möchte gerne Filmregisseur werden, wofür er sein Jurastudium aufgab. Seine Freundin Lilly (Mira Bartuschek) hat es nicht einfach mit ihm. Mit dem gemütlichen, übergewichtigen George (Christoph Franken), mit dem er das Zimmer in der WG teilt, geht es besser. Er besucht seine Mutter in Regensburg und stellt fest, dass da einiges im Argen liegt, vor allem da Maria an Diabetes erkrankt ist. Die Pechsträhne reißt nicht ab, der selber gemachte Grabstein für den Vater ist nicht erlaubt (es störe die Harmonie des Friedhofes); bei der Rückkehr nach München verliert er direkt seinen Job, die Filmhochschule lehnt die Aufnahme ab, die Asylbehörde mit der deutschen Fahne im Büro rügt, dass weder Sprachkurs noch die Scheine von der Uni vorliegen. Areg will es anpacken und bewirbt sich bei einer Produktionsfirma, wo Chefin Susanne (Corinna Harfouch) ihn für die Putzfrau hält. Doch es wird zum Sprungbrett für ihn wie sich auch sonst alles zum besseren wendet, selbst wenn es den einen oder anderen Wermutstropfen gibt. Calis ist Theaterregisseur und Sohn armenisch-jüdischer Einwanderer aus der Türkei. In seinem Erstling vollbringt er ein Werk voll Herz und Verstand, das Hollywood-Dimensionen erreicht. Es zeigt die Schwierigkeiten von Asylanten und gewährt einen Einblick in die Gefühlswelt von Migranten, für die die alte Heimat mittlerweile fremd geworden ist und die in der neuen Heimat noch immer als Fremde gesehen werden. Das spiegelt sich in der Familie wieder: So lehnt die Mutter alles Neue und Nicht-Armenische ab, will ihm eine armenische Frau verschaffen, beharrt auf Traditionen wie Beten und Essen, kann kein deutsch. Areg hat mit Armenien abgeschlossen, gibt sich voll integriert und sieht sich als deutsch, während der kleine Bruder zwischen den Fronten steht. Areg muss erkennen, dass er seine Zukunft nicht gestalten kann, wenn er seine armenischen Wurzeln fortwährend ignoriert. Ohne Vergangenheit gibt es keine Zukunft und die sieht anders aus für Migranten als für Einheimische. Für Areg ist deutsch die Sprache, in der er denkt, träumt, schweigt, liebt und hasst, aber er ist sich bewusst, dass es nicht die Sprache ist, welche die seine ist. Dies ist eine ganz fundamentale Unterscheidung, etwas Heimat bleibt immer zurück und etwas Fremdheit lässt sich nie überwinden. Areg hängt sehr stark an der Familie, setzt sich vor allem für seine Mutter ziemlich ein, gibt sogar Lilli einen Laufpass und kann auch Susannes Wünschen nicht ganz nachkommen. Es sind ziemliche Gewissenskonflikte, die durch den Wegfall der Tradition bestimmt werden, denn hier ist die Familie auf sich allein gestellt. Sein Verhalten entspricht einer tiefen Sorge für die Mitmenschen, was heute zunehmend verloren geht, und auch von den anderen nicht goutiert wird, selbst bei der heute gegebenen möglichen Flexibilisierung. Garnik liefert im Voice-Over den ersten Kommentar zu einer Kamera, die über die Landschaft hinweg fliegt, dass man an Wünsche glauben müsse. Doch was wir zu sehen bekommen ist eine bebende Erde, alles fällt herunter, vor allem auf das herabstürzende Kreuz hat es die Kamera abgesehen. Mit einem Kreuz geht es weiter, das diesmal in einem weißen Raum an der Wand hängt, zudem einzig Tisch und Stuhl. Areg dreht mit George und Lilli einen Film, um sich zu bewerben. George soll Zeitung lesen und Lilli zündet sie an, eine fürwahr blöde Idee. Areg ist da bereits auf dem Sprung, es reicht noch für einen Kuss mit Lilli, aber bestimmend und fast autoritär weist er sie vom Zug weg als Lilli mit nach Regensburg will. Dort geht er mit der Kamera vor Augen in die Wohnung, es gibt Streit mit Garnik, die Mutter zwingt ihm einen Pulli auf, wird sogar handgreiflich. Sie wird beim Schokoladenessen ertappt, hat die Schuhe falsch herum an, überall hängen Kreuze, sie klappt zusammen. Areg muss hier für die Mutter einspringend schon putzen, Garnik bestimmt. Weder der Ort noch die Umstände sind geeignet, Besuch zu imponieren. Wütend fährt Areg ab, knallt die Zugtür zu. Kaum besser ist sein Auftritt bei der Filmhochschule. Viele Dinge hätte er im Kopf, die raus müssten. Aber weiter geht es, Garnik schlägt bei der Schulreise über die Strenge, muss abgeholt werden, ein erster Anlass, wo Lilli mit seiner Familie konfrontiert wird, aber Garnik macht wiederum nicht den besten Eindruck, der das noch fördert, indem er meint „Gut, dass Papa schon tot ist“, während Areg sich mächtig aufregt. Lilli will er dann bei der Setzung des offiziellen Grabsteines, jenes Reliktes bayrischer Spießbürgerlichkeit, dabeihaben, ein Gesinnungswandel. Lilli schließt schnell Freundschaft mit Garnik, bei ihnen daheim kommt gleich eine größere Gruppe junger Leute mit dem Cousin, der vorgibt, Areg alles besorgen zu können. Beim kochen lässt die Mutter Lilli nicht helfen, sie drängt sie sogar weg, was in dieser Familie durchaus üblich scheint, ansonsten Anlass zum schmunzeln gibt. Freilich kann die Mutter vom üppigen Essen nicht lassen, ausgerechnet das Sahnetörtchen ergreift sie gegen Aregs Willen, aber bricht zusammen. Im Weiteren ignoriert Areg gegenüber dem Arzt das Ausmaß der Erkrankung, eventuell spielt Verdrängung eine Rolle. Er gibt hier der Mutter zu sehr nach, nachdem er vorher zu streng war. Er ist es, der ihr das gesunde Menu kocht, und sie nicht zurückholt, als sie von dem Hometrainer flieht. Areg meint es gut, versteht es aber falsch. Hier zeigt sich ferner Marias Abhängigkeit, die Sprache nicht zu verstehen und sich gegen alles Neue zu wehren. Es wird dann lustiger, was die Tragik abwechselt. Bei Susanne schauen die Mitarbeiterinnen neugierig hinter der Wand hervor. Susanne, für die Kultur noch was zählt, was als Idealisierung gilt wie ihr ganzes Verhalten als des Filmaspiranten Traum erscheinen mag, erweist sich mit ihren Assistentinnen als flexibel, einen Mann als Putzfrau zu nehmen, aber sie wird bestätigt „Du kannst sogar putzen, ist ja herrlich“. Areg muss ein weiteres Mal für die Mutter einspringen, diesmal getarnt durch Orangen als Brustersatz, wobei eine hinausfällt und auf den Boden kullert, wofür es die Rüge gibt, bei der Arbeit würde nicht gegessen. Solche komischen Szenen haben immer auch ihre tragische Komponente, ähnlich wie die Keilerei im Krankenhaus samt dem Arzt (Stefan Hunstein), der sich leger gebend – ständig essend und trinkend (wie es Susanne übrigens ebenso macht) - als ziemlicher Trottel entpuppt, aber in der Sache richtig liegt. Dazwischen kommen stets rührende Momente, stark geprägt vom Abschiednehmen. Areg wird idealisiert gezeichnet ist pflichtbewusst und sorgend (auf Susanne und Maria legt er Decken), ist zwar nicht sehr effizient und manchmal zu unnachgiebig, scheitert aber genauso an der Borniertheit seiner Umwelt, obwohl er weiß, wann es darauf ankommt. Beide Brüder sind sich ähnlich, da Areg vom Oscar träumt und Harvey Weinstein erwähnt, während Garnik von einem Goldschatz in Armenien träumt. Garnik versteht vieles nicht, stellt sich aber schützend vor die Mutter. Diese ging nicht reell mit Areg um, statt der Schokolade findet er unter der Bettdecke Tagebücher, die Mutter kann lesen und schreiben, Areg tappt in eine doppelte Falle. Areg tobt „ich will nur mein Leben“ und auf dem Grab konstatiert er „Am liebsten würde ich zu Papa in die Erde kriechen“, denn seine Bilanz sei erschütternd, keine armenische Frau (die schnappt sich aber George, den die Fotografien der Frauen interessierten im Gegensatz zu Lilli, die darüber verärgert ist), keinen Film und keinen Oscar. Areg wird bescheiden und besinnt sich auf die Familie, ein besseres Leben für Mama ist alles was er will. Die coole Susanne hätte ihn sehr gerne angestellt, aber er müsse verlässlich sein. Bei der Gelegenheit muss Areg ihr vom Asylverfahren erzählen, das bei positivem Ausgang in einer Reise münden würde, also ihn so oder so nicht greifbar macht. Allerdings hilft Susanne, für die nun fast blinde Mutter eine Oscar-Verleihung zu inszenieren, was einen ersten Eindruck vom Märchenhaften vermittelt. Lilli ist hier schon nicht dabei, sie treffen sich fast wie zwei Fremde. Sie anerkennt seine Unterstützung für seine Mutter, meint aber für sie hätte es keinen Platz mehr. Es gibt irritierende Blicke, keinen Abschiedskuss und als Lilli sich von ihm abwendet, sehen wir kurz, dass ein Mann an der Straßenecke steht. Ob er auf Lilli wartet und gar ein neuer Partner ist, erfahren wir nicht. Diese Belastungen hält keine Beziehung auf die Dauer aus, obwohl Lilli sicherlich besonders tolerant ist, was auch ihr Engagement bei Amnesty belegt. Mit einem Mal ist Areg verwandelt und der Film, der die Komik verliert und an Tragik zunimmt mit der gesundheitlichen Verschlechterung der Mutter, wendet sich zu einer Farce, die zum Phantastischen neigt. Er gräbt auf dem Friedhof, nimmt die Asche seines Vaters, packt Mutter und Bruder und macht sich auf nach Armenien. Mit einem Rollstuhl entsteigen sie einem Bus, machen sich über das unwegsame Gelände auf den Weg einen Berg hoch, der Rollstuhl wird die Böschung herunter gestoßen, Areg nimmt sie auf den Buckel. Ein wenig ist dies ein Kreuzweg, der die Verbundenheit mit der Erde zeigt. Die Asche wird zerstreut, die Mutter hockt da, greift auf den Boden, der Sonnenuntergang ist wie ein Schwanengesang für sie, bald wird sie beerdigt. Als sie aus einem Brunnen Wasser holen bebt die Erde. Beide Brüder halten sich fest, aber das Beben hat sein gutes, legt den Schatz frei, gibt dem Jüngsten Recht. Dieser hat die letzten Worte „Wunder werden wahr wenn man nur fest genug dran glaubt.“ Ein weißes Kreuz taucht wieder auf, Flimmern, Wasser, lebensnotwendig, aber nicht ganz eindeutig. Die zwei Brüder wandern mit einer großen goldenen Vase im Rucksack ins Ungewisse, träumen davon nach Hamburg zu gehen, wohin sich Lilli begab, um dann berühmt zu werden, ein offenes, aber optimistisches Ende. Manches im Film ist vielleicht des Guten zu viel, so das tadellos gute Zeugnis von Garnik, wo eine Abweichung von lauter "Sehr gut" nicht verkehrt oder zumindest realistischer gewesen wäre (bei seinen Verpflichtungen oder ist das auf dessen religiösen Mentor zurückzuführen?). Vielleicht ist es Aussage des Filmes, dass den Erschwernissen der Migranten nur durch die Flucht ins Irreale beizukommen ist, der Glauben an den Traum. Gleichermaßen betont er jedoch die Wichtigkeit der Verwurzelung in der Heimat, nur dort kann die Seele Frieden finden, wo der Same der eigenen Existenz gesprossen ist. Damit sind wir nicht so weit weg von The Wizard of Oz mit „There’s no place like home“, während sich sonst MMMBUI im Ton mit Günese yolculuk trifft. Subtil wird auf Missstände verwiesen. Bei Amnesty rauchen sie zuviel, Areg weist auf die zu fettreiche Ernährung hin. Bei Susanne hängt ein Plakat von Der kalte Finger, an einer Wand steht etwas von einem Nazi geschrieben. Der Soundtrack ist sehr sehnsuchtsvoll, setzt die Weite der Landschaft gut um. Maria spricht fast nur armenisch, welches ohne Untertitel wiedergegeben wird, aber es entsteht nie der Eindruck, wir würden was verpassen. Von den Schauspielleistungen machen Lilli und George einen gelangweilten, uninspirierten Eindruck. Rot scheint eine gewisse Signalfarbe zu sein, insbesondere bei Lilli. Gut wird die Bürde von Familie und Tradition wiedergegeben, der die Mobilität im Großen und Kleinen gegenübersteht. Migration ist stets eine Reise ins Ungewisse. Wo die Wurzeln stets drohen, ausgerissen zu werden (z.B. schlechtere Jobaussichten, Aufenthaltsbewilligung), macht es keinen Sinn, sich niederzulassen. Der Film zeigt das in seinen Auswirkungen auf die Familie, belegend, dass es individuelle Anpassungen sind, die entscheidend sind, inwieweit eine Verwurzelung überhaupt möglich erscheint.
Achim Hättich |
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