Wild Side Wild SideLifshitz, SébastienFrankreich/Belgien/Großbritannien 2004Drama/Migration; Erotik; Außenseiter; Pastoral; Menage á trois; Prostitution; Stéphanie (Stéphanie Michelini) ist eine Transsexuelle, die sich in Paris prostitutiert. Als sie hört, dass ihre Mutter (Josiane Stoléru) todkrank ist, macht sie sich in den rund 200 km entfernten, irgendwo an der Somme in Nordfrankreich gelegenen Heimatort auf, um sich um ihre Mutter zu kümmern. Begleitet wird sie von ihrem russischen Liebhaber Mikhail (Edouard Nikitine), der kellnert und gerne ein Boxer wäre. Dritter im Bund und nachkommend ist der Nordafrikaner Djamel (Yasmine Belmadi), der Strichjunge und Liebhaber von Mikhail ist. Während Stéphanie mit der Mutter involviert ist, frönen die anderen beiden dem Müßiggang, da sie nicht offen sich lieben können. Als die Mutter stirbt heißt es Abschied nehmen, aber es schweißt die drei zusammen. Den Film prägt das ständige Einspielen von Erinnerungen, beginnend mit der kleinen Pierre auf einem Feld, einmal mit einem Berg ähnlich Ayers Rock, ein anderes Mal fast wie ein Zuckerhut. Beim jungen Pierre (Corentin Carinos) ist schwer entscheidbar, ob er ein Junge oder ein Mädchen ist, die Frisur passt zu letzterem. Pierre erhält die Nachricht, dass er/sie Vater und Schwester nie wieder sehen wird, wir erfahren aber nicht, wieso. Jedenfalls geht er/sie in die Kirche und betet, auch sonst sucht er/sie Trost in der Kirche. Der Vater wollte immer einen Jungen und wäre bestürzt gewesen, hätte er das gewusst, aber er wird gezeigt, wie er Pierre streichelt. Bei Besuchen ist natürlich die Vergangenheit immer präsent, besonders wenn der Tod naht. Jetzt sucht er/sie eine Verständigung mit der Mutter, von der wir nicht erfahren, an was sie erkrankt ist. Stéphanie blickt die Mutter beim Nägelschneiden nicht an, sondern fast unterwürfig auf den Boden, was diese kritisiert, denn Trotz hätte Stéphanie nie weitergebracht. Die Mutter bezeichnet sie als „mon petite garcon“. Von Stéphanie werden einige positive Erinnerungen gezeigt, so wie sie mit einem Schwellkopf herumläuft und wie sie in einem Spiel in die Rolle der Königin schlüpft. Oftmals ist sie allein, mit der Familie sind frühere Begegnungen selten. Sprache spielt eine wichtige Rolle, neben französisch ebenso russisch und englisch. Mikhail kann kein französisch, seine Unterhaltung mit der Mutter ist sehr schwierig, während Stéphanie mit ihm die Körperteile durchgeht. Eine dritte diesbezügliche Szene ist jene, als Djamel ankommt und beide reden, ohne viel voneinander zu verstehen. Es gibt einen Anruf, wo niemand im Raum den am Telefon verlangten Pierre kennt. Generell wird wenig geredet im Film. Worte sind nicht so bedeutend, Berührungen schon eher, so hält und küsst sie Mikhail, ohne das sie sprechen will. Von der sexuellen Konstellation her ist der Film in allem ungewöhnlich, ein Strichjunge, eine Transsexuelle und Homosexuelle, dazu bei allem die französische Sensibilität im offeneren Umgang damit. Mikhail und Djamel sitzen in der Badewanne, seifen sich ein, streichen über die Körperstellen, küssen sich, eine wirklich erotische Szene. Andere Sexszenen sind zwar konkret ohne in den Geruch der Pornografie zu kommen, sind aber nur kurz zu sehen. Nur der Sex zwischen Stéphanie und Mikhail ist explizit, wird aber konventionell gefilmt, selbst wenn Godard das besser macht als üblich. Mit einer Frau fickt Djamel auf der Toilette (diese denkt, es wäre umsonst) und es gibt einen Schwulenfick. Ferner werden Impressionen vom Autostrich gezeigt, insgesamt gibt es kurze Facetten Sex, wie der Film mit einer Kamerafahrt über den Körper beginnt. Sex steht bei diesen Beziehungen immer im Raum. Immer wieder werden sonst die weiten Landschaften auf dem Land, wo das Haus der Mutter allein steht, mit den gedrängten Stadtansichten von hässlichen Hochhäusern oder stark befahrenen Straßen in Beziehung gesetzt. Die Personen werden häufig allein gezeigt. Jene, die sonst immer zusammen schlafen, sollen bei der Mutter erst einmal alleine schlafen, aber das lässt sich nicht durchhalten. Es strebt letzthin alles zur Gemeinsamkeit. Mikhail ist es, der die tote Mutter entdeckt, nachdem er vorher bereits einen toten Vogel fand, ein mögliches Omen. Der Grund seiner Flucht bleibt im Unklaren, er will den Neffen besuchen, der sich aber vom Onkel losgesagt hat und seit über einem Jahr nicht mehr an der Mikhail bekannten Adresse wohnt. Zumindest später nimmt Mikhail an einem Essen teil bei der Frau, die dort wohnt. Es sind auch Fotografien zu sehen, die ihn in Soldatenuniform zeigen, eine Desertion ist nicht auszuschließen. Mikhail hat ebenfalls Familienfotos, er vermisst seine Eltern. Er wandert sehr viel allein herum, hockt sich in die Landschaft, wird als introvertiert beschrieben, sucht Ruhe und Abgeschiedenheit. Fotos spielen auch sonst eine prominente Rolle. Am Ende zerreißt Stéphanie alle Fotos von daheim und sie lässt sich nicht davon abhalten, dass noch nicht einmal ein Blick drauf geworfen werden kann. Bewusst werden Fotografien eingesetzt, bei jenem älteren Mann, der mit ihr Analverkehr hat, schweift die Kamera über seine Familienfotos, unbekannt bleibt, ob er homosexuelle Neigungen spürt, ob es ein Seitensprung vorliegt oder ob er Witwer ist. Mit dem Tod der Mutter stirbt auch ihre Vergangenheit, mit der sie sowieso ihre Mühe hatte, weil sie zuerst mit ihrer geschlechtlichen Identität und dann mit der Reaktion der Anderen darauf nur schwer klar kam. Bewusst sucht sie Orte dieser auf und kann damit abschließen. So besucht sie Nicholas, ihren Geliebten aus Jugendtagen, der zuerst sie erkennt. Die Wohnung wird aufgelöst und sieht nachher kahl und schäbig aus, man merkt, dass da lange nichts mehr gemacht wurde. Am Ende sitzen die drei um Zug, lehnen sich aneinander und als letzte Einstellung scheint die Sonne auf sie. Vielleicht wendet sich ihr Leben zum besseren, wobei sie es bereits vorher lustig miteinander hatten und sie unbeschwert waren. Ihre eigentlich schwierige Situation wird nie klar ersichtlich, der Film betont, dass Außenseiter zusammen halten müssen, die Sorge um den/die Andere ist groß, verschiedene Ethnien, sexuelle Orientierungen und Geschlechter kommen zusammen. Die superbe Kamera von Agnes Godard schafft einen eigenen Raum, da ihre Bilder manchmal dissoziiert wirken von der Geschichte, wenn sie auch einen Kontrast schaffen zwischen der Stadt und dem Land, der Hektik und der Ruhe, dem Fortschrittlichen und dem Rückschrittlichen. Zum einen die Natur wie Äste, zum anderen Körperteile wie die Augen. Bezug nehmend auf Lou Reeds Lied macht der Film nicht den Eindruck eines „Walk on the wild side“. Vielleicht ist nur der Kontrast gemeint, denn deren Leben ist sonst wild genug, zumindest nach geheuchelten bürgerlichen Maßstäben. Zu Beginn singt eine sehr männlich aussehende Person ein Lied von „ I fell in love with a dead boy, o such a beautiful boy“, Stéphanie hockt unter den Gästen, danach steht sie an der Strasse in aufreizenden Kleidern. Deplaziert wirkt ein eingespieltes Manga, aber den darin vorkommenden Vögeln kommt als Todesboten spezielle Bedeutung zu. Der Film springt wild in Raum und Zeit umher, bietet vor allem Impressionen und beruht stark auf dem Visuellen. Zu viel Szenen gibt es wie das Boxen oder der Boule, die wenig anderes oder neues liefern. Sie strecken den Film unnötig, man hätte diese sich sparen können. Stéphanies Probleme, die sonst bei Transsexuellen ziemlich groß sind, werden freilich nur gestreift, womit der Film vielleicht eine zu indifferente Haltung hat, die bis zum beschönigen neigt.
Achim Hättich
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