Dirty Pretty Things

Kleine schmutzige Tricks

Frears, Stephen

Großbritannien 2002

Thriller/Migration; Unerfüllte Liebe; Medizin;

Nachdem sein Haus bombardiert wurde und seine Frau darin umkam, er aber absichtlich des Mordes verdächtigt wurde, floh der Arzt Okwe (Chiwetel Ejiofor) illegal nach Grossbritannien. Jetzt verdingt er sich an der Rezeption des Baltic Hotels und als Taxifahrer, schlafen tut er kaum. Im gleichen Hotel arbeitet die Türkin Senay Gelik (Audrey Tautou), die keine Arbeitsbewilligung hat. Über all dem thront Sneaky alias Juan (Sergi López), der in ein ganz anderes Business seine dreckigen Finger steckt. Das erfährt Okwe, als er von der tätowierten, aufgetakelten, lasziven Juliette (Sophie Okonedo) gerufen wird, deren Klo verstopft ist. Im Ausguss befindet sich nämlich ein menschliches gesundes Herz. Juan ist nämlich im Organhandel tätig, er nimmt illegale Immigranten, entfernt denen die Niere und gibt ihnen dafür einen neuen Pass, alle seien glücklich, „my whole business is based on happiness“. Senay, die von Amerika träumt, ist mittlerweile verzweifelt, als ihr die Einwanderungsbehörde auf die Pelle rückt. Sie wechselt den Job, aber auch da wird sie nur ausgenutzt. Schliesslich entschliesst sie sich, selbst ein Organ zu spenden, um den begehrten Pass zu bekommen. Okwe kann das im letzten Moment verhindern, nicht zuletzt mit der Hilfe seines Schachpartners Guo Yi (Benedict Wong), der in einem Krankenhaus arbeitet und von Juliette sowie vom Portier Ivan (Zlatko Buric), der zumindest Schmiere steht.
Frears geht an diesen Film ganz speziell heran. Die Themen, die er behandelt und die Welten, die er darstellt, sind ziemlich trüb: illegale Immigration, sexuelle Ausbeutung, illegaler Organhandel, Heimat- und Lieblosigkeit, aber er tut das, auf eine Art und Weise, die Sympathie mit den Figuren schafft, eine äusserst subtile Art von Humor verwendet und ein Ende schafft, in dem die Sympathieträger zwar gewinnen und die negativste Figur eine Schlappe einfährt, aber trotzdem kein bedingungsloses Happyend erfolgt. Vielmehr fliegt Senay nach New York, Okwe nach Lagos, obwohl sich beide emotional so nah kamen wie sonst nie. Ganz nah dran ist Senay am Gesicht von Okwe, um ihn zu küssen, aber am Ende gibt es nur den Kuss auf die Backe, viele Tränen (es bleiben bei weitem nicht die einzigen im Film) und Blicke, die andeuten, was ihnen da durch die Lappen geht. Okwe ruft seine Tochter Valerie vor einem orangenen Himmel im Hintergrund (ein Hoffnungsschimmer) an und kann sagen „At last, I’m coming home“.
Man kann den Film als Sozialmärchen ansehen, so gut klappt alles. Juan ist noch nicht einmal misstrauisch des angebotenen, mit einem Betäubungsmittel versehenen Getränks wegen, fühlt sich wohl zu sicher oder zu gierig, das er trinkt, der Einsatz eines alten filmisches Mittels, aber es zeigt, dass Juan kein ausgekochter Krimineller ist. Die Absprachen bekommen wir nicht mit, das und einiges anderes verhindern, dass der Film unter Neo Noir läuft. Zu sehr entspricht alles klassischen konventionellen Erzählmustern, selbst wenn wir uns für illegale Immigranten erwärmen. Aber wie er das macht mit leichtfüssigem Ton und doch die Hauptpersonen nicht in Schwarz-Weiss-Farben tunkt, sondern ihnen Ecken und Kanten gibt, ist lobenswert.
Im Hintergrund schwingt die Religion mit und es wird auf einige Widersprüche aufmerksam gemacht. Okwe kommt in die Taxizentrale und sagt zu Mohammed, der ein Kreuz um den Hals trägt „Your name is now Mohammed“. Senay ist Muslimin, aber nimmt dies locker, sie trinkt Wein mit Okwe, ist bei Juan aber über dessen Sekt verärgert und schüttet diesen aus, wenn auch nicht aus religiösen Gründen. Nach ihrem ersten Blowjob ruft sie stockend unter Tränen an, tanzt dann wie verrückt mit offenen Haaren, was Okwe kritisiert und sie gesteht „My god doesn’t speak with me anymore“.  Später sagt Okwe „I have no religion“.
Senay floh aus der Türkei, weil sie nicht wie ihre Mutter leben will und Okwe wohnt nun bei ihr, kocht vor allem für sie, was sie sehr schätzt. Da kann schon Liebe – die auch durch den Magen geht - oder zumindest Zuneigung entstehen. Okwe bringt sie zu Guo ohne dessen Wissen, was für Irritationen sorgt und sie geht wütend und schimpfend auf Okwe los, aber Guo sagt ihm, dass er schon nach 20 Minuten gemerkt hätte, wie Senay in Okwe verliebt ist. Sehnsüchtig blickt sie ihn an, kann sein Herz hören. Kurze Zeit darauf gesteht er, er sei verheiratet, um ihre Avancen zu bremsen. Sie fragt wohlwissend, ob er seine Frau liebe und er negiert dies, aber zugleich „For you and me there is only survival“, um sie dann nie wieder sehen zu wollen. Aber bald kehrt er wieder zu ihr zurück, sucht sie. Sein Gewissen lässt dem Unbestechlichen keine Ruhe. Auch Semay fällt seine Differenzierung auf „I've noticed you never answer yes or no. You are very strange.”, aber das macht ihre Passung fast perfekt.   
Juan, mit fremdländischem Akzent, der stets ein arrogantes Lächeln auf den Lippen sowie die Flasche an diesen hat und sich unbeschwert gibt, bringt ein echtes Problem auf Tablett – und das im Auto sitzend – „I’m an evil man, but I’m trying to save a life, it’s weird.“. Tatsächlich nennt er das Beispiel eines 8-Jährigen Mädchens, das ohne Niere sterben müsste. Immerhin “passports is something I do right”. Vorher gibt er Okwe Ratschläge: „Don’t concern yourself with who comes and who goes“ oder klärt ihn auf: “The hotel business is about strangers. And strangers will always surprise you, you know. They come to hotels in the night to do dirty things. And in the morning it's our job to make things look pretty again.”. Er gibt Okwe Geld, das Herz zu vergessen, droht die Polizei zu alarmieren, spielt seine Macht aus: „You're an illegal, Okwe. You don't have a position here. You have nothing. You are nothing.” Als Okme, Senay und Juliette, die die Operation durchführten,  die Niere in die Tiefgarage bringen und ein Mann im dicken Auto die Kiste abholt (Juan fährt auch einen Mercedes), fragend: „How come I've never seen you people before?“, gibt Okwe eine Antwort, die Immigranten bestens beschreibt: „Because we are the people you do not see. We are the ones who drive your cabs. We clean your rooms. And suck your cocks.”. Dies beschreibt bestens deren Status, als Arbeitskräfte hochwillkommen, aber ein Anrecht auf das sonstige Leben wird verweigert.
Okwe muss demgemäss und im Unterschied zu den Einheimischen an mehreren Fronten kämpfen, dementsprechend schwitzt er, ist unruhig und ungeduldig. Die meisten Anderen haben nämlich genauso bis gravierendere Probleme. Der Cab Controller (Jeffery Kissoon) hat eine Geschlechtskrankheit und nachdem ihm Okwe illegal Medikamente beschaffte, stehen drei weitere Männer an, „she’s just a popular lady“. Bei Senay ist er Untermieter, sie tauschen im geheimen die Schlüssel aus. Anfangs gibt es nur abschlägige Bescheide, für ihn oder durch ihn. Juliette musste sich gegen einen drängelnden Typ mit Tritten und Pfefferspray wehren, bis Okwe einschreitet. Ein Somali hat aufgrund der Nierenspende eine riesige Wunde und will nicht ins Krankenhaus, auch hier springt Okwe helfend ein (was zeigt wie alleingelassen die Opfer werden, aber eine medizinische Versorgung würde mit der Zeit auffallen), einzig das Kind kann englisch. Dafür schmuggelt sich Okwe ins Krankenhaus ein, gesellt sich zur Putzequipe und entwendet Medikamente. Seine Weste ist also gar nicht so  weiss, aber es dient einem höheren Zweck. Ist dies nicht bei Juan genauso? Oder anders gefragt: Unter welchen Umständen heiligt der Zweck die Mittel? Juan tut es im Gegensatz zu Okwe aus Eigennutz. Okwe kann auf Andere zählen, so auf Guo, der ihm mehr hilft als umgekehrt. Senay weiss sich zu wehren und beisst dem in erotischen Träumen schwebenden Besitzer des Sweatshops in den Schwanz und klaut obendrein Kleider. Sie braucht jedes Geld und ihre Entscheidung, ihre Niere zu verkaufen entsteht aus Verzweiflung, sie fährt sich über diesen Körperteil, bewusst sich werdend, was sie verliert.
Die zwei von der Behörde sind nur Karikaturen ihrer selbst, der eine mit boshaftem Lächeln steckt er Streichholzheftchen ein, beide werden bedrohlich in Szene gesetzt. Juan nützt genau wie Ivan jede Gelegenheit zum Sex, dazu kommt der Chef der Kleiderfabrik, der sie kurz nach Besuch der Behörde (alle anderen flüchteten auf die Dachterrasse, was heisst, er beschäftigte nur Illegale) in sein Hinterzimmer bittet, aber sie nicht entjungfern will. Juliette ist das weibliche Pendant. Sie fickt mit dem Portier, aber beide sind nicht so richtig bei der Sache. Dies sind die flüchtigen Varianten zur Liebe.
Besonders in der ersten Hälfte ist der Film stark mit Dreck und Müll assoziiert, der überall herum liegt. Er liegt am Wegesrand und in Hinterhöfen, der erste Besuch bei Guo fallen Abfallsäcke durch den Schacht. Das Klo wird aus der Perspektive von unten gefilmt, die Musik wird dabei dissonant. Am Flugplatz beginnt und endet der Film (eine Reminiszenz an Michael Manns Heat/Collateral?), der Dreh- und Angelpunkt der modernen Migration. Anfangs buhlt Okwe um Kunden, am Ende wird er selbst von Guo gebracht, der im Übrigen keinen Führerschein hat. Szenen werden mit einem Orangefilter und selten mit einem Blaufilter unterlegt. Das Hotel ist in Plüsch. Anfangs wird öfters die Uhrzeit auf verschiedenen Uhren eingeblendet, obwohl es da noch nicht eilt. Es gibt Stellen, die mit Humor getränkt sind. So als Juliette auf die von Juan vergewaltigte Senay trifft, erklärt diese ihren Zustand indirekt „Before, I was a virgin.“, Juliette antwortet: „Jesus“ und Senay, bereits lachend: „Mohammed.“ Im Titel selbst scheint ein Oxymoron auf.
Überall gibt es nur Probleme, eine Gleichgültigkeit gegenüber anderen, wenn man sie nicht für eigene Zwecke einspannen kann. Somit zieht die Schlinge sich zu. Dabei geht es nur darum, wie sich Träume realisieren lassen. Er schildert das Schicksal illegaler Immigration, die ständig in Angst leben aufgegriffen und ausgewiesen zu werden und auf der Lauer liegen. Sie können sich nicht niederlassen, werden ausgebeutet und nach Strich und Faden ausgenutzt. Praktisch alle Personen sind Immigranten und Frears tat gut daran, die Rollen mit ausländischen SchauspielerInnen zu besetzen, selbst wenn sie nicht immer der Nationalität entsprechen, die ihre Rolle fordert. Mit einem sozialen Anliegen einer am Rande lebenden Gesellschaftsgruppe wird sich dem Mainstream genähert und so Empathie geweckt. Zwar steckt keine grosse Institution hinter den Machenschaften, aber so kann Frears nicht über das Ziel hinausschiessen, der andere Blickwinkel ist eine Abwechslung.


Achim Hättich

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