Angst essen Seele auf Fassbinder, Rainer WernerDeutschland 1974Romanze/Nonkonforme Liebe; Migration; Rassismus; Einsamkeit; Soziologie; Als es ihr zu viel regnet, begibt sich die verwitwete Putzfrau Emmi Kurowski (Brigitte Mira) in die Kneipe von Barbara (ihr Name wird nie ausgesprochen, gespielt von Barbara Valentin). Dort hält sich außer ihr auch der Berber und Automechaniker El Hedi ben Salem M'Barek Mohammed Mustapha (El Hedi ben Salem) genannt Ali mit seinen arabischen Freunden auf. Bei einem alten Schlager aus der Musikbox fordert Ali auf Drängen seiner Kollegen Emmi zum tanzen auf, es bleibt nicht bei diesem Tanz, Ali setzt sich zu ihr, bezahlt ihr die Cola, lässt die ältere Frau nicht allein im Dunkeln nach hause gehen. Sie wiederum will nicht, dass er beim nicht nachlassenden Regen noch so lange bis zu seiner Unterkunft braucht, wo er mit zwei anderen ein Zimmer bewohnt. Ein Kaffee wäre auch noch gut. Ali wird die Couch bereitet, aber er kann nicht schlafen, zu viel geht ihm durch den Kopf. Er begibt sich zu Emmi ins Bett, eine Umarmung, der Anfang ist gemacht. Als der Sohn des Hauswartes Gruber (Marquard Bohm) sich wegen des Untermieters beschwert, sagt Emmi spontan, sie würde Ali heiraten. Konsterniert ihres Mutes wegen macht Emmi gegenüber Ali einen Rückzieher, aber dieser ist hocherfreut. Gesagt, getan, die ältere Frau mit dem ausgegrenzten Ausländer scheint keine schlechte Partie zu sein, zwei die sich brauchen, um ihre Einsamkeit zu überwinden. Aber sie können nicht in Frieden leben, wenn es der böse Nachbar nicht will. Und derer gibt es viele in AESA. Allen voran Frau Kargus (Elma Karlowa), die ständig hinter ihrem vergitterten Fenster hockt und das Treppenhaus beobachtet oder aus dem Fenster schaut, alles mit giftigem Blick. Ihre Kinder Krista (Irm Hermann), Albert (Karl Scheydt) und Bruno sind entsetzt, als ihnen die Mutter ihren Entschluss mitteilt, der Besitzer des Lebensmittelladens Anton Angermayer (Walter Sedlmayr) will weder sie noch Ali bedienen, ihre Putzfrauenkolleginnen schneiden sie und auch sonst werden sie angestarrt oder ignoriert. Die Beziehung ist ziemlichen Belastungen ausgesetzt, Ali wird zunehmend unzufrieden, geht allein weg und will allein sein. Der attraktive Mann hat sexuelle Bedürfnisse, die er lieber bei Barbara befriedigt, die ihm zudem sein heiß geliebtes Couscous zubereitet, wobei Emmi sich beharrlich weigert, es wenigstens versuchen zu kochen. Für Ali ist es ein Stück Heimat sowie eine Portion Erinnerung und damit wichtig. Ali bleibt von daheim weg, er geht Emmi aus dem Weg. Wieder zurück in der Kneipe, wo er hochverlustreichen Kartenspielen frönt, knüpft Ali an alte Zeiten an, er fordert Emmi bei ihrem Lied zum Tanz auf. Dabei bricht Ali zusammen, ein Magengeschwür, laut Auskunft der Ärzte eine bei Gastarbeitern aufgrund deren Situation häufig vorkommende Krankheit. Mit Emmi am Krankenbett von Ali endet dieser Film. Man kann als Filmscredo behaupten, dass die Diskriminierung von Ausländern nicht nur Beziehungen zerstört, sondern auch krank macht. Es überzeugt, wie ausgewogen Fassbinder alles schildert. Es sind eher die Personen, von denen man es nicht erwartet, dass sie sich für Ali einsetzen oder die Angriffe und Diffamierungen abschwächen. Gruber findet im Gegensatz zu einer Nachbarin das Zusammenleben von Ali und Emmi nicht unanständig und gönnt den beiden im Gegensatz zu ihr das Glück. Zwei Polizisten weisen zurück, dass alle Araber Bomben werfen, zeigen eine ausländerfreundliche Einstellung (eine Nachbarin regt sich über den langhaarigen Polizisten auf, obwohl die Haare so lange nicht sind). Frau Angermeyer (Doris Mathes) wirkt beschwichtigend auf ihren Mann ein und sagt ihm, er solle wieder freundlich zu der guten Kundin Emmi sein. Sie verbindet diese Freundlichkeit mit einem persönlichen Vorteil. Dieses Prinzip ist anwendbar für die Umkehrung der Einstellung einiger Personen, nachdem Emmi und Ali im Urlaub waren. Nachbarin Ellis ist freundlich, weil sie Platz braucht, um die Möbel ihres Sohnes unterstellen zu können. Bruno kommt, entschuldigt sich, ersetzt den von ihm kaputt getretenen Fernseher, will aber dass sich Emmi um seine Tochter kümmert. Bei den Putzfrauen sieht es etwas anders aus, da Paula (die vorher Emmi wegen eines Trauerfalles um Einspringen fragte, aber sich mit Gesichtsgrimassen abwendete, als sie Ali erblickt) und Hedwig empört sind, dass Frieda wegen wiederholten Diebstahls fristlos entlassen wurde und jetzt gibt es mit der Bosnierin Yolanda eine, die sie noch mehr meiden können, wobei Emmi das mitmacht. Fassbinder zeigt das in fast genau den gleichen Einstellungen, Yolanda hockt etwas weiter oben rechts auf der Treppe, die anderen unten links; sie begeben sich dann zur Besprechung einige Treppen nach unten, obwohl das zu beredende alle betrifft: bei Emmi die Brustkrebsvorsorge, bei Yolanda den Lohn (selbst wenn sie weniger bekommt als die Deutschen). Die jeweils allein Sitzenden werden durch viele Säulen und das Treppengeländer gefilmt, dass es aussieht, als wenn sie gefangen wären. Die Diskriminierungen nehmen unterschiedliche Form und Schwere an. Angermayer weiß genau, was Ali mit der Margarinemarke „Libelle“ meint, versteht ihn jedoch absichtlich falsch und meint, er verkaufe nur an jene, die deutsch können. Im Haus heißt es, es hätte durch Ali grundlegend andere Verhältnisse gegeben, denn jetzt wäre es überall dreckig, was alle sehen. Weder Emmi kann das feststellen noch die Kamera, es handelt sich um jene imaginären Zuschreibungen des Abjektiven, die in einer Massenhysterie von allen wahrgenommen wird. Genauso dass er als Schwarzer und Neger, sie als Hure bezeichnet werden, Zuschreibungen, die jeder objektiven Wahrnehmung widersprechen. Schande und Schweinestall sind von ihren Kindern zu hören. Die Putzfrauen, selbst am Ende der sozialen Leiter (Emmi schämt sich, ihren Beruf zu nennen), sprechen negativ über Gastarbeiter, bezeichnen diese als faul und auf ihre Kosten lebend. Fassbinder zeigt uns die Putzfrauen nur in Pausen, nie selbst bei der Arbeit. Emmi gibt die richtige Antwort, als sie von einer Kollegin erzählen, mit der niemand mehr spricht, seit sie mit einem Immigranten zusammen ist: vielleicht spricht der mit ihr und sie braucht die Anderen nicht mehr. Es wird angenommen, dass Ali dreckig ist – und mit Sippenhaftung wird das gleiche für Emmi behauptet. Fassbinder zeigt eine andere Realität: Ali beim duschen und waschen, nackt zeigt er sich im Spiegel (und auch sonst). Dreckig im Geiste sind dagegen die Anderen: Krista sagt: “Das kann ja gar nicht gut gehn Unnatürlich ist das, das ist unnatürlich, sage ich“. Neid und Eifersucht liegen dem zugrunde, das sich versagte Glück. Ali spricht nicht gut von Deutschland, was zumindest mit der Empirie korrespondiert: „Deutsch mit arabisch nicht gleicher Mensch“, „Araber ist nix Mensch“, „Deutsch Herr, Araber Hund“. In diese Kerbe schlagen ebenso die Verweise auf Hitler. Dass sie in der Partei gewesen wäre sagt Emmi wie ein Unschuldslamm, gehen sie deshalb in die Osteria Italiana (!) essen, wo Hitler gespeist haben sollte? Mit einigen Einstellungen macht Fassbinder metaphorisch klar, um was es geht, es ist negatives: nachdem sie das Standesamt verlassen, regnet es, die Kamera wartet draußen, im Vordergrund sind Dreckhaufen zu sehen, während das Paar näher kommt. Zu Beginn sehen wir eine Pfütze, im Hintergrund fahren bei Dunkelheit Autos, ein Ausblick auf tristes und trostloses, welches postwendend folgt. Es ertönt arabische Musik, mit einer Totalen gefilmt kommt Emmi in die Kneipe, im Gegenschnitt werden die Araber gezeigt, statisch fast wie Statuen. Ali wird des Weiteren wenig positiv eingeführt: „Der Ali hat ‚ne Macke“, „deine Beine sind doch nicht kaputt“, er muss motiviert werden, mit Emmi zu tanzen. Emmi ist, als sie daheim ist, die Initiativere, sie akzeptiert kein Aber, gibt die Richtung vor, handelt pragmatisch (ein Anzug stehe ihm gut), gibt ihm den Schlafanzug ihres Mannes, eine erste Parallelität. Ihr lustiger, aber alkoholkranker Mann war aus Polen, sodass sie die Affinität zum Ausland früh hatte. Emmi ist sehr gutherzig, gutmütig und freundlich, hat ein großes Herz, ist nachdenklich und weint. Ali merkt man in seiner Unstetigkeit und seinem getrieben sein seine Nomadenherkunft an, aber er ist sehr gut in körperlichen Berührungen und tröstet sie oft. Am Morgen danach blickt sie in den Spiegel, will ihre Attraktivität überprüfen. Zuerst steht Entsetzen in ihrem Gesicht, dann umarmen sie sich, es wird emotional und sie sind glücklich (durch die Tür gefilmt), wobei Ali davon spricht „Angst essen Seele auf“. Wunderschön ist inszeniert, wie sich zwei unterschiedliche Menschen näher kommen, sich akzeptieren und Zuflucht vor der Furcht finden. Sie besteht darauf, dass sie zusammen das Haus verlassen, sie blicken sich auf der Strasse nach, machen aber neues nichts ab. Am anderen Tag wartet er vor ihrer Haustür. Er will ihr Geld geben, aber sie lehnt das ab, jede Freundschaft gehe durch Geld kaputt, die Freude ist ihr wichtigster Lohn. Die fortwährenden Anschuldigungen gehen ihr schon an die Nieren, aber das ist völlig normal. Grundlegendes Thema ist Einsamkeit, von der alle Personen betroffen sind und das deren Handeln bestimmt. Ali sagt Emmi „Alleinsein macht traurig“ und „Mama allein nix gut“, mit Hinweisen darauf, dass bei den Berbern die Familie zusammenbleibt. Als Ali zu ihr ins Schlafzimmer kommt, sagt er, dass er viel allein ist und dass Denken traurig macht, darauf streichelt er sie bei melancholischer Musik. Barbaras Kollegin lehnt sich an den Bauch des Freundes von Ali. Es gibt keine eigentliche Familie im Film, alle Frauen scheinen allein zu stehen. Die einzige Ehe von Krista und Eugen zeigt diesen als Macho, der rauchend im Sessel hockt und ihr ständig Befehle gibt. Sie versucht anfangs schon, ihm zu widersprechen, gibt aber bei. Nur bei der Ablehnung der Mutter sind sie sich einig, aber die Zerrüttung ist ziemlich fortgeschritten. Als die Krise kommt und sie kommt relativ schnell, drückt dies Ali vornehmlich nonverbal aus. Er steht vor Barbaras Bett, bevor sich diese an ihn schmiegt. Ob es zum Sex kommt, ist das erste Mal nicht klar (das zweite Mal sind sie beide nackt und er legt sich auf sie), aber danach bricht Ali vor der Wohnung von Emmi zusammen, diese lässt ihn liegen. Am Frühstückstisch wird geschwiegen, als dann Emmi´s Kolleginnen kommen und von ihm schwärmen, ihn anfassen, wird es Ali zu bunt, Ausstellungsobjekt zu sein und er verlässt das Zimmer. Ali bleibt länger weg, bei seinem Arbeitsgeber bittet Emmi „ich brauche dich, ich brauche dich sehr“, aber die Kollegen lachen nur darüber, während Ali bis auf ein kurzes Lächeln wieder stumm bleibt, eine deprimierende Szene. Danach stellt sich Ali vor einem Spiegel und ohrfeigt sich. Er verspielt viel Geld und verliert ständig. Als Emmi in die Kneipe kommt, gesteht er ihr seinen Seitensprung, aber sie toleriert das, denn er wäre ein freier Mensch und wichtig sei, dass sie beide gut zueinander seien. Ihr ist klar, dass sie nicht mehr attraktiv ist, ihre Liebe ist mehr Agape, sie plädiert, dass sie zusammen stark seien, aber just in dem Augenblick bricht Ali zusammen. Vielleicht war er überwältigt von ihrer Güte angesichts seines Verhaltens. Alis Rolle ist jedenfalls alles andere als nur positiv gezeichnet. Formale Mittel wiederholen sich: wenn es ums Weggehen geht (in Kneipe und Gartenrestaurant), entfernt sich die Kamera von den Protagonisten, personalisiert den Blick. Anfangs werden Ali und Emmi distanziert voneinander gefilmt, er ist unschärfer aufgenommen, er nur halb, sie ganz gefilmt, aber genauso ist er vorne groß, sie klein hinten. Der Gang im Haus ist schäbig, vieles ist dreckig und abgenutzt, aber nicht im Sinn von unsauber. Ein Markenzeichen von Fassbinder ist das Filmen durch Türen, das Außerhalbsein der Kamera, was hier fast penetrant kommt. Treffend ist Frau Kargus hinter einem vergitterten Fenster zu sehen, der POV-Shot aus ihrer Perspektive, viel wird auch sonst durch Fenster und Gitter gefilmt. Freilich werden die Gesichter ebenfalls abgefahren. Helle Farben dominieren, aber sie sind alle matt und gedämpft. Bei Krista hängt ein Kreuz in der Ecke, Emmi hat viele Orden aufgehängt. In der Osteria ist der Ober eine totale Farce im Sinne Kafkas mit seiner Sturheit und der Hilflosigkeit Emmis. Im Gartenrestaurant ist die starrende Bedienung nur noch peinlich. Obwohl manches wie das zuletzt genannte etwas zu überzogen scheint (Emmi ist eine Spur zu idealistisch), gelingt Fassbinder ein zentrales Werk deutschen Filmschaffens, das nichts beschönigt, aber eine falsche Sentimentalität vermeidet. Ihre Utopie, dass nach dem Urlaub alles besser wird und alle freundlich sind, bewahrheitet sich und es ist schön, wie Fassbinder das zeigt. Er kommt hier Sirks All That Heaven Allows nahe, vor allem, als Emmi schwärmt, sie wolle sich ein Stückchen Himmel kaufen, aber auch inhaltlich und der emotionalen Ebene. Dies ist Fassbinder mit seinem Film gelungen, der nicht nur die Situation in Deutschland Anfang der 1970ziger Jahre präzise wiedergibt –und doch ist es heute nicht viel anders -, sondern zudem zeigt, dass wir die Liebe gewähren lassen sollten, vor allem wenn sie mit einer solchen gegenseitigen Toleranz ausgestattet ist. Von daher ist der Film universell, denn irgendeinen Grund gibt es immer, gegen die Verbindung zweier Menschen zu sein. Die Angst vor der Einsamkeit treibt uns schließlich in die Arme anderer. Achim Hättich |
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