Suzie Washington

Flicker, Florian

Österreich 1998

Drama/Migration; Road; Humor; Einsamkeit;

Die Georgerin Nana Iaschwili (Birgit Doll), Lehrerin für französisch und russisch,  bricht alle Brücken zu ihrem Heimatland ab (ihr Ehemann ist im Bürgerkrieg spurlos verschwunden) und begibt sich auf die Flucht aus diesem für sie unmöglich gewordenem Land. Sie will in die USA zu ihrem „Onkel“. Beim Transit in Wien wird sie als Bürgerin der ehemaligen Sowjetunion am Counter einer besonderen Überprüfung unterzogen, wobei festgestellt wird, dass ihr Visum für die USA gefälscht ist. Nana wird abgeschoben zu einer Beamtin der Einwandererkontrolle, die sie innert zwei Tagen zurückschicken will. In dieser Zeit wird sie der Obhut der Sozialarbeiterin Maria Holländer (Liliana Nelska) unterstellt. Als der Perser Resa Madani, der ohne ein Wort zu sagen, kurz vorher von ihr Zigarette und Feuer nahm,  ausgeschafft werden soll und einen Polizisten als Geisel nimmt, sieht Nana ihre Chance gekommen. Sie flieht, schliesst sich einer Reisegruppe aus New York an, wo sie sich neben eine Touristin namens Suzie Washington setzt. Da sie keinen Fahrschein hat, muss sie wiederum fliehen und trifft auf den passionierten Angler Herbert Korn (August Zirner), der sie nicht nur über den See rudert, sondern ihr schnell den Hof macht. Dessen überdrüssig und ebenso gesucht, trampt die sich jetzt Suzie Washington nennende durch Österreich, mitgenommen von einem Ehepaar, einem Fernfahrer, einem Schlepper, bis sie zur Grenze von Deutschland kommt. Da muss sie über den Berg, allen voran der komische, übergewichtige illegale Grenzgänger (Karl Ferdinand Kratzl), der wegen einer Bankgeschichte flieht. Oben trifft sie den Hüttenwirt (Wolfram Berger), einen weiteren einsamen Mann. Nana hilft ihm, aber als der Dicke nicht nur in eine Schiesserei mit Grenzbeamten verwickelt wird, sondern den Hüttenwirt als Geisel nimmt, schliesst sich Nana dem Dicken an, nur um nachdem der Dicke den Hüttenwirt aus dem Auto stiess, einen Unfall zu provozieren, der den Dicken verletzt und zum im Gras liegenden Hüttenwirt zurückzukehren. Dieser schickt sie los, nicht ohne ihr ein Geschenk in die Freiheit zu geben.
  Flicker legt eine eher positiv getönte Geschichte einer illegalen Emigrantin vor, die sich ständig bewegt und doch nicht weiterkommt, feststeckt und sich im Kreis dreht, die Unstetigkeit und die Unruhe eines Lebens in der Illegalität zeigend. Gleichzeitig ist es eine Geschichte über die Einsamkeit der Männer und die Sprachunfähigkeit der Österreicher zugleich mit der strahlenden Fassade eines wohl geordneten Lebens, welches ständig ins Chaos umzustürzen droht.
  Am Filmanfang befinden wir uns wie am Ende in der Luft. Verstohlen schaut Nana in ihren Unterlagen, dann eilt sie zum Transitschalter und ist gleich Mensch zweiter Klasse. Zwar lächelnd wird ihr Geld gezählt, und telefoniert, es hilft nichts, eine sture Beamtin, Proteste und Bitten helfen nicht – „I’m no criminal“, Maria macht keine Hoffnung, das Gesetz halt, das nicht für Menschen gemacht zu sein scheint. In einen sehr leer aussehenden Flughafen entlassen läuft sie herum, helle Farben unterstützen die Künstlichkeit. Nana schreibt eine Karte an ihren Onkel, der beste Beweis, dass er tatsächlich existiert, aber der Pessismus klingt durch „It’s been years of waiting, so a few days won’t matter“. Die Polizei kommt ein zweites Mal, eine andere Art von Gewalt, Madani wehrt sich und greift an, die Waffe an der Stirn, der Polizist am Boden. Die Szene wird mit Details und unübersichtlich gefilmt, eigentlich viel zu spektakulär und auch nicht unbedingt nötig. Blitzschnell reagiert Nana, entflieht durch die Tür, die heran stürmende Polizisten offen ließen, verkleidet sich als Reinigungsfrau – da fällt sie als Migrantin nicht auf -, begegnet der Polizei, draussen gliedert sie sich in den Strom der Touristen ein. Im Bus trifft sie auf eine besonders schlimme Spezies, blond, lächelnd, mit gelben Sweatshirts, schmalzigen Reden werden Süssigkeiten und Prospekte verteilt, „Im Herzen Europas“. Verwunderlich ist, dass gleich eine Sightseeingtour gemacht wird, es spricht für ein gesundes Bewusstsein für Marketing und die Schönheiten der Landschaft, obwohl spektakuläres nicht gezeigt wird. Bei einer Pinkelpause mit langen Schlangen vor den Klos – was auf Mängel in der Infrastruktur hinweist - sperrt sie den penetranten Blondling im Kofferraum ein, als jener ihren Koffer sucht. Das punktet an Komik und Sympathie.
  Dann begibt sie sich durch Wald und Wiesen, - vorher passierte der Bus ähnliches -, findet eine gelbe Puppe (kein Voodoo), trifft auf Schafe, gelangt ans Seeufer, erstmals scheint Frieden eingekehrt. Herbert im Boot winkt sie mit Dollar, die jener befingert (ein unerwarteter Nebenverdienst?), aber er bringt sie umsonst nach drüben und trotz Wasser hat er Feuer gefangen und trotz Kommunikationsschwierigkeiten ist er an einem weiteren Kontakt interessiert. Nana zieht im Strandbad die Blicke neugieriger alter Männer auf sich, nimmt ein Zimmer im teuersten Hotel. Hier bereits merkt sie die völlig andere Lebensweise, den Luxus. Herbert klopft mit den Fischen im Anglernetz, ein Hinweis auf eine schlüpfrig sich anbahnende Sache. Nana macht sich jedenfalls schön, zieht ein rosanes Kleid an, streift den Ehering ab. Sie scheint die Codes zu kennen. Obwohl Herbert nur ein paar Brocken Englisch kann, klappt die minimale Verständigung. Sie essen gediegen, mit Forellen, Rotwein, der österreichischen Spezialität aus Ungarn (schon hier der ethnische Mix) Palatschinken sowie Kaiserschmarrn, der zerteilt wird, was bald deren Beziehung passiert. Herbert macht ihr Komplimente und gibt ihr ein Geschenk, das allzu offensichtlich und plump ist, einen hässlichen Badeanzug, Nana reagiert bestürzt „I don’t like it. Awful“, für ihn ist er praktisch, was belegt, dass er sein Gegenüber nicht wahrnimmt, sondern nur sich selbst sieht. Herbert beugt sich nach vorne, ist mega verlegen, Nana reagiert entsetzt und gesteht ihm die Wahrheit. Entweder versteht er das nicht oder will es nicht, jedenfalls will er auch danach mit ihr schwimmen gehen, was sie ablehnt. Herbert will ihr sogar helfen, aber ausser der Abwimmelung der Wirtin Susie Haberl (Brigitte Kren) kommt er nicht mehr dazu. Am anderen Morgen entdeckt Nana ihr Bild in der Zeitung, eine eher überzogene und wenig realistische Reaktion. Sie ruft Maria an und fragt um Hilfe an, betont, „I’m no criminal“, aber Maria „But thta’s the law“ kennt nur die Abschiebung mit oder ohne Gefängnis. Also heisst es weiter, durch andere Hotelgäste kommt sie auf die Idee, dass auch Deutschland drin liegt, ihnen ist aber der Umweg zu weit. Hier wird Nana fast unhöflich, als sie die Zeitung an sich nimmt, es ist Selbstschutz. Die Angst sitzt ihr doppelt im Nacken. Sie muss trampen, als sie sich ins Unterholt begibt, kommt wiederum die Polizei, nimmt ihre am Strassenrand stehende Tasche mit, die letzte Klammer an ihr vorheriges Leben, aber auch all ihr Geld. Sie trifft auf einen Fernfahrer, der ihr gleich in der Raststätte einen Obstler hinschiebt. Er nimmt sie mit, sie strahlt. Möglicherweise kommt es in der Nacht zum Sex, auf das der gefühlvolle Umgang am morgen und die 700 Euro hinweisen, die er ihr gibt. Freilich lässt er sie stehen, will wohl kein Risiko eingehen. Das Einveständnis mit dem Tankwart spricht dafür, dass der Fernfahrer das nicht das erste Mal tat. Jener hat Kontakte zu Schleppern, sie kommt weiter, muss mit der Sesselbahn den Berg hoch, alle starren sich betreten an (später gibt es einen Schreckmoment, als zwei Grenzsoldaten unter ihr passieren, ein Schatten geht ihnen voraus. Hier nervt der Dicke, der ständig Blödsinn macht, zwar eine entspanntere Einstellung, die jedoch nichts als Verunsicherung ausdrückt. Ab dann kommt der Film wie jener ins schliddern, verliert die Konsistenz. Sie laufen allein weiter, kommen bei Dunkelheit zum Gasthof, blicken durchs Fenster, der Dicke will gehen, zeigt ihr die Pistole, deren Anblick allein zum Fürchten wäre. Besser sind da die Käuzchen, die rufen. Nana bekommt eine Erbsensuppe – etwas anderes gibt es sowiueso nicht - , kann die Nacht bleiben, alles ist schlicht.
  Der Bergwirt ist um sie besorgt, fragt ständig, ob sie Hunger hat, sie beteiligt sich, vom Persönlichen - putzt ihm den Mund -, bis zum Geschäftlichen: sie nräumt ab, spült und kann die französische Gruppe bedienen. Beide schocken sich gegenseitig. Sie geht auf den Speicher wo Socken oder sonst was herum liegen, sein Schlafzimmer ist typisch für einen Junggesellen, ein muffiges Chaos. Sie kramt in den Taschen der französischen Gäste und entwendet einen Pass, den sie in ein Buch versteckt und dies unter die Matratze legt. Endlich kann sie beruhigter einschlafen. Sie nutzt die Offensive, zeichnet ihm auf was sie braucht, etliche Kosmetika, die er besorgen will, zum Abschied gibt es einen Kuss. Kaum ist er weg, sucht sie den Pass, findet ihn nicht, dafür ihr Fahndungsfoto in einer Schublade. Er hat also von ihrer Identität gewusst und sie nicht verraten. Trotzdem und das ist nicht nachvollziehbar schliesst sie sich dem Dicken an, der angeschlagen zurückkommt und um den sie sich kümmern muss. Beide zwingen den Bergwirt, dass er sie mit dem Auto über die Grenze bringt. Vielleicht ist es des Dicken Gewaltanwendung, der sie schockiert. Jedenfalls nennt der Bergwirt beim Abschied ihren Namen und gibt ihr seine blaue Jacke, in dem sich der Pass befindet. Er hat sich in eine Konspiration eingelassen.  Am Ende im Flugzeug spricht sie im Voice-Over „This was and was not – love“, obwohl es vorher aussah wie ein Zug.
  Alle Männer, die was von ihr wollen, sind auf eine Art isoliert, Herbert ist im Urlaub (warum allein?), der Fernfahrer ist ständig unterwegs und der Bergwirt ist isoliert und kann kaum weg. Ihr Wunsch nach Sexualität ist unterschwellig vorhanden, jedoch nicht dominant, vielmehr geht es darum, der Einsamkeit zu entfliehen. Suzie, die allein herumreist und dabei verloren wirkt sowie eine gewisse Attraktivität mitbringt, kommt ihnen gelegen und vielleicht sind es ihre fehlenden Sprachkenntnisse, die ein höheres Mass an Unverbindlichkeit garantieren.   
  Manches ist an den Haaren herbeigezogen, jene Krimiszenen dienen nicht der Problemvertiefung, sollen aber ein breites Publikum locken. Die Kommunikation hadert auf allen Seiten, sie spricht englisch, viele ihr gegenüber haben davon keine Ahnung. Dennoch funktioniert es irgendwie, schliesslich erfolgen keine philosophischen Erörterungen.  Ihr Gesicht wird häufig mit dem Close-Up eingefangen, Suzie steht eindeutig im Mittelpunkt.
  SW handelt von jenen, die schon mal weg wollten, dahin wo es besser ist, die dabei aufgehalten wurden, woanders gelandet sind, als er/sie hinwollten, die daraufhin ihr Leben ändern mussten, vielleicht zum Guten, vielleicht zum Schlechten. Werden wir dabei uns selbst fremder oder kommen uns die Fremden näher? Dazu bietet der Film Gedankenanstösse. Verglichen mit anderen Filmen über illegale Migration - Fremde Haut ist hier vergleichbar – haben wir es hier mit der leichter verdaulichen Variante zu tun, die sich im Kreis dreht, aber am Ende ein Fünkchen Hoffnung lässt, eine neue Chance, mehr nicht.

Achim Hättich

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