Revanche

Spielmann, Götz

Österreich 2008

Drama/Romanze; Rache; Pastoral; Heist; Krimi;

  Ex-Häftling Alex (Johannes Krisch) arbeitet im Bordell von Konecny (Hanno Pöschl), wo seine ukrainische Freundin Tamara (Irina Potapenko) anschaffen geht. Aber Konecny ist überzeugt, dass die intelligente und zielgerichtete Tamara zu mehr taugt und will ihr eine luxuriöse Wohnung verschaffen, wo sie die Honoratioren des Landes diskret empfangen kann. Aus einem unerfindlichen Grund will Tamara nicht und Alex meint, dass Konecny Schläger schickt, um sie einzuschüchtern, jedenfalls verprügelt Alex einen. Beide fliehen und um zu Geld zu kommen, plant Alex die Bank in dem Dorf zu überfallen, wo sein Großvater Hasner (Johannes Thanheiser) einen kleinen Bauernhof bewirtschaftet. Alex stiehlt einen BMW und Tamara will unbedingt mit bei dieser „todsicheren Sache“. Während Alex das Geld einpacken lässt, fällt dem Polizisten Robert (Andreas Lust) das fremde Mädchen auf, das weder Auto fahren kann noch Ausweispapiere bei sich hat. Alex sieht das und befiehlt Robert sich auf den Boden zu legen, bevor er mit Auto abbraust. Robert rappelt sich auf und kniend gibt er Schüsse ab. Diese treffen Tamara tödlich (s. Chinatown). Das stürzt Robert in eine Sinnkrise und Alex verzweifelt fast über den Tod seiner Freundin.  Rachegedanken wuchern in ihm, als er Roberts Frau Susanne (Ursula Strauss) nicht nur kennen lernt. Beide fangen eine Liaison an und Alex lernt auch Robert kennen, was seinen Entschluss verändert, diesen zu töten. Stattdessen kann er Robert vergeben.
  Wie sehen als erste Einstellung einen See in der Dämmerung, in dem sich Tannen spiegeln, dann wird etwas hineingeworfen, das Kreise zieht, aber dennoch eine Korona belässt, Vögel sind zu hören. Dies nimmt jene Szene auf, wo sich Alex der Pistole entledigt, obwohl dort heller Tag ist, seine Aktion aus einer positiveren Perspektive zeigend. Als nächstes sehen wir durch ein Fenster mit Querverstrebungen, wie Robert Rasen mäht. Szenenwechsel zu Tamara, zu der Alex kommt, sie reden russisch zusammen (ohne Untertitel), es gibt Sex unter der Dusche, danach essen sie auf dem Bett Pizza. Als sie sich anzieht, wird ihr Bild unscharf, Alex seines dagegen nicht, auf das weitere vorgreifend. Die ganze Umgebung ist trostlos, das Zimmer zwar hell, aber billig. Dazu gelangt Alex über eine Mauer, über Schleichwege, ein Leben in der möglichen Illegalität, aber ebenso Alex Agilität belegend, er kann Hindernisse überwinden.
  Die gleiche Ambivalenz legt Alex auch sonst an den Tag. Er geht grob mit Tamara um, kann allerdings zärtlich sein. Er hat gerne Spaß, hält die Pistole hin oder weckt sie mit Gesichtsmaske. Tamara wendet sich gegen den Überfall, rät davon ab, fällt aber Stück für Stück um, weil Alex alles beschönigt, er hat ein gutes Gefühl, nur Idioten ohne Planung würden erwischt. Sie  will dann sogar mit. Alex ist hier ein ziemlicher Träumer, der vielleicht nie was anderes erfahren hat. Seine Garantie ist, dass die Pistole nicht geladen ist. Und wie der Zufall schon jetzt reinspielt und alles anders läuft, als einige Leute in die Bank treten. Und wie Alex schlecht plant, denn er hält im Halteverbot und auch seine Entscheidung, als er Robert erblickt, sich nicht davonzustehlen, ist nicht sehr weise. Nach ihrem Tod ist er am Boden zerstört, völlig entnervt, tief traurig, verzweifelt, aber er kaschiert etliches.  Im Dunkeln geht er mit Taschenlampe durch den Wald, was der Großvater mit schlechtem assoziiert.  
  Anderen geht es nicht besser. Susanne hatte eine Totgeburt, aber dass sie nicht schwanger wird, schiebt sie gänzlich auf Robert zu. Die Schwiegermutter wundert sich, er sei doch so sportlich. Susanne fühlt sich isoliert und unausgelastet trotz des großen, aber sterilen Hauses, dass sie peinlich sauber hält. Die Beziehung zu Robert ist eingeschränkt, sie diskutieren kaum das entscheidende. Er wirft ihr vor ihn nicht zu verstehen, unterstellt ihr, sie würde bei ihm von Absicht beim Tod von Tamara ausgehen. Sie merkt, dass es ihm nicht gut geht, spricht das an und kritisiert, dass er mit seinen Kollegen darüber redet, aber nicht mit ihr. Besser tun ihm seine Joggingrunden, wo er sich zum Teich begibt und sich dort auf die Bank setzt (um dann das Bild der toten Tatjana zu studieren).  Als sie einmal Sex haben (den wir nicht sehen), kommt er aus dem Bad und ihre Interaktion sieht ziemlich leidenschaftslos, fast resignierend aus. Roberts Vater findet es himmelschreiend ungerecht, dass sein Sohn sein Leben gefährdet und dann noch angezeigt wird, und meint, dass es auf die möglichen Täter Russen oder Polen nicht ankomme, ein Fall von Vorurteilen. Bei einer Gelegenheit entfernt sich Robert von dem Biertrinken seiner Kollegen, geht in einen Nebenraum, wo er fast heulend zusammenbricht. Er wird vom Dienst suspendiert, ihm würde es nichts ausmachen, wenn Alex ihn erschießen würde. Robert hat fast übertrieben Gewissensbisse, obwohl es sicher ein Unfall war oder Pech und er es sich nicht erklären kann, wie es passieren konnte. Vor allem macht es für ihn keinen Sinn, dass Tamara im Auto saß, da sie keine Funktion hatte beim Überfall. Robert ist hier der Gegenpol zu Alex: ein Versager nicht nur im Bett, auch im Beruf: nicht nur werden seine Schiessübungen korrigiert, wenn er dermaßen auf den Tod eines Menschen reagiert, dann ist der Polizistenberuf für ihn ungeeignet. Die vage Botschaft der Schwangerschaft nimmt er kühl und gelassen entgegen, aber er öffnet sich, als er früher heimkommt, erkennt an, dass er fremde Hilfe braucht das, auf dem mittleren Stockwerk wie auch ihr Haus wie eine Zwischenwelt zwischen Land und Stadt erscheint. Von dem Bauzustand gleichen sich des Großvaters Haus und die Wohnungen in Wien, vom Scheincharakter das Puff (jene schäbigen Umkleidekabinen und die tristen Gänge) und Susannes Haus, insgesamt unwirtliche Orte.
  Anfangs ist Alex immer sehr kurz angebunden gegenüber Susanne, verlässt den Raum, zum Teil weil er sich nicht verraten will. Dann gibt er ihr zu verstehen, sie solle nicht mehr zu ihnen kommen, er würde sich jetzt um den Opa kümmern. Sie entgegnet, wenn sie nicht mehr zu ihm komme, solle er doch zu ihr kommen, was er prompt macht. Zuerst gibt es Wein, weißen oder roten, beides oder egal. Alex fragt, „Warum du denn mit mir ficken?“, trotz ihres Zögerns darauf nimmt er sie dann auf dem Küchentisch wie im Remake von The Postman always rings twice. Dabei fällt ein Glas zu Boden. Während sie die Scherben aufliest, geht er nach oben zum duschen. Er reinigt sich innerlich, sie ist für das Äußere zuständig. Auch bei ihm, dem einsamen Wolf, merkt Susanne, dass er Probleme hat („Was ist mit dir passiert?“), aber nach dem ersten Mal sagt sie, dass er wieder kommen kann, später erzählt es Alex mit zitternden Händen, dass seine Freundin ermordet wurde. Ihr gefällt das kalte, brutale, rohe, abweisende von Alex gegenüber dem weichlichen Robert. Es kann gut sein, dass sie ihn missbrauchte, um schwanger zu werden, aber sicher trägt auch ihre Einsamkeit dazu bei. Alex schwankt, ob er ein zweites Mal kommen soll. Am Ende, als sie schwanger ist, will sie keine Treffen mehr, was Alex gleichgültig hinnimmt. Das Foto von Tatjana liegt auf dem Tisch, weshalb sie sagt „Du hast die Bank überfallen?“, was Alex bereitwillig zugibt. Sie geht weg, schließt die Tür, der Film findet ein abruptes Ende, nachdem die Kamera vorher auf seinem Gesicht verweilte. Alex kann zu sich stehen, macht reinen Tisch. Ob ihr Bündnis des Schweigens hält, bleibt offen.  
  Als Alex zum Großvater kommt, ist der gar nicht erfreut, zu selten habe er sich blicken lassen und wo war er bei der Beerdigung der Großmutter? Für Hasner sind die Leute aus der Stadt arrogant oder Lumpen, Alex ist für ihn ein Lump. Sein Auto, der markante gelbe Käfer, leiht er Alex nicht gerne, ein Ausdruck von Misstrauen. Alex fühlt sich nicht dazu gehörig. Zuerst gibt es nur wenig Kommunikation zwischen Hasner und dem Enkel, aber Hasner sieht, wie Alex effektiv das Holz sägt und spaltet und lobt ihn deswegen. Er meint, er solle heiraten, seine Arbeitsmoral wäre eine gute Voraussetzung. Beide kommen sich näher, Alex interessiert sich für ihn als Person, ausgedrückt durch Sorge, es ist mehr als die Abreaktion mit dem Holz. Alex bringt ihn ins Krankenhaus, als der Großvater zunehmend schwindelig wird und er sich hinlegen muss, obwohl er weder ins Krankenhaus will noch von Ärzten etwas hält. Als Alex beginnt, die Äpfel aufzuheben, ist er häuslich geworden.  
  Alex ist fatalistisch, ein getriebener, der herum geschoben wird. Konecny sieht ihn als schwach und braucht ihn als Mädchen für alles. Dennoch gut, wie er intrigiert und es provokant nicht kommuniziert, dass er mit Tatjana befreundet ist. Die Beziehung mit Susanne geht wesentlich von ihr aus, obwohl er zu ihr geht, ihr Haus beobachtete er vorher mehrmals. Seine ungebändigte Energie lässt er genauso wie seine Wut beim Holzhacken aus. Sein zwiespältiger Charakter zeigt sich im Spalten der Holzscheite. Natürlich handelt er unüberlegt und naiv, aber vielleicht hatte er wie Tamara und Susanne auch keine andere Chance, um das zu erreichen, was für andere selbstverständlich sein sollte.  
  Die Religion kommt auf verschiedene Weise ins Spiel. Ein Jesuskreuz steht an der Weggabelung, auf dem die Kamera einen Moment verharrt, und wohin Alex den BMW nach dem Überfall steuert. Alex fragt Susanne, was Gott zu dem Ehebruch sage, sie meint, dieser verstehe das schon. Beim Hinausgehen fällt der Blick aufs Kreuz an der Wand. Susanne und der Opa gehen zur Kirche, Robert lieber Joggen. Sonst nimmt Tamara Kokain, Robert Bier, Susanne Wein und Alex raucht.  Konecny gibt sich jovial, nimmt Tamara väterlich in den Arm, fragt sie nach ihrem Freund, gaukelt Interesse vor, will sich einen blasen lassen und als Tamara bereit ist, macht er einen Rückzieher und meint, es wäre Spaß gewesen.
  Viel wird durch Spiegel gefilmt (Alex Konfrontation mit dem Boss, wo er sich entschuldigen soll), ebenso Türen und Fenster (Durchgänge, Ausblicke) und Weggabelungen (Entscheidungen) oder der enge Durchgang bei der Bank, zweimal dezent ins Blickfeld gerückt, aber ein starkes Symbol. Robert, Susanne und Alex müssen sich finden, stehen vor wichtigen Entscheidungen. Einige wenige Schwarzblenden werden eingesetzt an markanteren Punkten. Musik ist nur diegetisch, das Akkordeonspielen des Großvaters und das Singen von Tamara am Fenster. Nachdem Alex die Pistole wegwarf, kommt Wind auf, was etwas unheimliches an sich hat, später Nebel als Susanne zum entscheidenden Gespräch kommt, mit dem offenen Scheunentor und der Axt auf dem Holzblock. Als Alex die Äpfel aufhebt, schwebt ein Schatten über ihn und bei seinem Geständnis ist eine Gesichtshälfte im Schatten, die andere im Licht.  Tamara spricht mit ihrem gebrochenen Deutsch noch am deutlichsten, sonst ist es für Nichtösterreicher schwer verständlich. Die Schnitte sind hart und es besteht kein Interesse an kriminalistischen Details. Es gibt viele Totalen und Naheinstellungen, aber kaum Detailaufnahmen. Die Ausleuchtung bevorzugt das Halbdunkel, nur die Landschaft gibt einen bunten Farbtupfer.  Der Filmrhythmus ist ruhig, gibt den Personen Zeit. Manchmal sieht es aus, als wenn Bonny and Clyde mit Chinatown gekreuzt würde. Wie in Fury verzichtet die rachsüchtige Person auf die Rache und wie in Coffin Rock oder in Village of the Damned gibt es ein Kuckuckskind.  
  Um Schuld und Sühne geht es Spielmann. Unüberlegte Handlungen stürzen ins Verderben und können Taten nicht ungeschehen machen. Spielmann zeigt, wie man durch Zuhören und Erklärungen Rachegelüsten entgegenwirken kann. Er schuf damit einen der wenigen Filme, wo eine Rache nicht zur Vollendung kommt, denn Alex merkt, dass Robert schon genug gestraft ist durch seine Schuld. Gleichzeitig gelingt es Alex, sich selbst anzunehmen, so wie er ist. Das Leben ist eine Kette von Zufällen, die wir kaum steuern können, während wir merken, wie verharkt wir mit anderen Menschen sind und wie unser aller Schicksal ineinander greift.  Alex scheint sich mit sich selbst versöhnt zu haben. Eine Antwort, wer verantwortlich ist, wenn unser Leben anders läuft, als wir es wollen, gibt es nicht, wenn nicht der Zufall.
 
Achim Hättich

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