Tout un hiver sans feu Kein Feuer im WinterZglinski, GregSchweiz/Belgien/Polen 2004Drama/Ehekonflikt; Depression; Pastoral; Kindestod; Migration; Nachdem im Neuenburger Jura vor rund einem halben Jahr ihre 5-Jährige Tochter Marie im elterlichen Stall den Feuertod starb, überschatten Trauer und Schuldgefühle die Beziehung von Jean (Aurélien Recoing) und Laure (Marie Matheron) – jeder versucht auf seine/ihre Weise, mit dem Verlust umzugehen. Als Laure ihren Körper mit blauer Farbe bemalt, begibt sie sich auf Jeans Drängen in die Psychiatrie, während Jean nach La Chaux-de-Fonds in die Gießerei arbeiten geht, ein Job, der ihm sein Schulfreund Roger Mabillard (Michel Voïta) verschaffte. Dort sucht der kosovarische Arbeitskollege Kastriot (Blerim Gjoci) direkt Kontakt zu ihm, seine Schwester Labinota (Gabriela Muskala), deren Ehemann seit sechs Jahren verschollen ist, gibt in der Kantine Essen aus. Während Laures Schwester Valérie (Nathalie Boulin) immer mehr in deren Leben interferiert, geht Jean näher auf Labinota ein und ist mit ihr zusammen. In der Mischung dieser schweizerisch-belgischen Koproduktion eines Regisseur mit polnischen Wurzeln zeigen sich ziemlich Betrübnis und Niedergeschlagenheit, unterstützt durch den permanenten Schnee und Nebel in einem der kältesten Gebiete der Schweiz, dass man sich fast den Pelzmantel während des Filmschauens anziehen muss. Obwohl viel einander geholfen und unterstützt wird, ist alles in der Schwebe und die Sprachlosigkeit und Kommunikationsschwierigkeiten sind evident. Dazwischen fährt Jean immer wieder Auto, meist aus seiner Perspektive gefilmt, dass fast ein Roadmovie rausschaut, aber so von Bedeutung wie in Lost Highway ist es nicht. Vielmehr sieht das nach mangelnder Erfahrung des Regisseurs aus. Auch die Arbeit bei den Hochöfen, deren Hitze mit dem Schnee kontrastiert, während es an die Flammen des Brandes erinnert und Jeans Blick von der Klippe auf das Tal und die gegenüberliegende Felswand, sowohl Scheideweg als auch Abgrund symbolisierend. Silvester ist Jean bei Labinota, sie stehen sich gegenüber, es gibt von ihm initiierte flüchtige Küsse, eine gute Unterhaltung. Später gehen beide zusammen in die Stadt, Laure beobachtet beide, sie will zu seinem Bauernhof, sie lehnt sich an ihn, sie schlafen nebeneinander. Jean kann sogar das im Haus auf dem Boden gemachte Feuer akzeptieren, worüber er bei seinem Knecht noch fuchsteufelswild war. Jean erzählt ihr alles, kann sich ausweinen, meist in weniger angemessenen Situationen – sie begegnen Roger, Kastriot trifft sie in Umarmung und macht ein entsetztes Gesicht -, beide kommen sich näher, ohne sich richtig nahe zu sein. In dem letzten Filmdrittel gibt es etliche emotional angespannte Situationen. Valeri kommentiert, Jean hätte keine Zeit verloren, sie zu ersetzen und bezeichnet Jean als Mörder der Nichte, worauf Laure extrem gereizt reagiert, Valeri angreift und von der Schuld aller spricht, auch von Valeri. Als ein Arbeiter sich abfällig über das Balkanblut Labinotas äußert und meint, Jean könne sie abtreten, wenn er sie nicht mehr wolle, schlägt Jean diesen zusammen. Das Trauma bricht sich Bahn, lässt sich nicht verdrängen. Kastriot sagt nichts, Jean macht einen Bogen um ihn herum. Vorher half Jean ihr immer, verteidigte sie gegen den Zudringlichen (worauf Labinota zuerst abweisend reagiert, da sie nicht merkt, dass es Jean ist) oder hilft ihr gegen das Gelächter der Anderen, die heruntergefallenen Paprika aufzuheben. Das erste Bild sind zwei Raben, dann Berge, vom Nebel eingehüllt, wechselnde Ansichten, dann wird ein Baum gefällt, Jean steht dabei und wird gefragt, was er da mache. Es würde schneien, meint er, eine lapidare Antwort, die seinen pragmatischen, an den einfachen Gegebenheiten geschulten Charakter belegt. Am Ende wird das Bild von den zwei Raben noch einmal aufgenommen, Marie malte ein Bild mit diesen nach Laure Boten des Todes, es wechselt im Voice-Over Kommentar darüber zwischen der von Laure gestrichenen Wohnung und jener von Labinota und bezieht sich auf lebenslange Liebe und lebenslanges Zusammenbleiben, was eher auf Laure hindeutet. Danach fährt Jean wieder auf der Straße, aus dem Dunst kommend scheint wenigstens die Sonne, das Bild wird schwarz, es ist Flattern zu hören. Nicht nur wird hier Mystizismus ins Spiel gebracht, sondern das Ende ist hoch ambivalent. Laure scheint wieder so weit auf dem Damm zu sein, sie bleibt auf dem Hof, aber Jean ist hin- und her gerissen zwischen den zwei Frauen. Am Hof sind die Brandschäden sichtbar, verkohlt sind Dreirad und Auto, das Unglück selbst wird nicht gezeigt, man muss es aus dem Kontext schließen. Auf dem Friedhof putzt er das Bild auf dem Kreuz seiner Tochter, später hält er dort, Laure sieht man nicht dort. Als Jean Labinota das erste Mal davon erzählt, macht er ein zu positives, sogar leicht lächelndes Gesicht. Überhaupt ist er zwar schweigsam, lehnt Einladungen ab, sucht nicht den Kontakt, aber zeigt nach außen nicht seine Trauer. Jean scheint mit sich zufrieden, scheint Frieden gefunden zu haben. Er hat seine Arbeit, macht ihr das Essen, aber Laure wendet sich ab, liegt später in ihrem Bett und verdeckt mit dem Arm ihr Gesicht. Valeri nimmt Laure zu sich, obwohl sie noch gar nicht gesund ist. Jean sagen sie nichts davon. Vielmehr lügt Valeri, Laure wäre am schlafen, als Jean an der Wohnungstür steht, während Laure drin einen Teller fallen lässt. Silvester ruft Jean erneut an und bekommt das gleiche von Valeri zu hören, aber hier greift Laure selbst zum Telefon, sie sprechen, aber das Gespräch endet in Disharmonie. Valeri ist kein guter Einfluss, gezeigt werden die engen Familienbande, auch dass Laure bei ihr wohnen kann, aber vielleicht hat Valeri nicht überwunden, dass sie nicht Jean bekam, um den beide buhlten. Dies belegt den Einfluss des sozialen Umfeldes, wo vieles auch sonst nicht stimmt. Es gibt Probleme mit dem geschniegelten und somit schmierigen Versicherungsvertreter (Gilles Tschudi), der nicht alles zahlen will, auf einen Verkauf des Hofes drängt, Jean Vorwürfe wegen Fahrlässigkeit macht und sie kritisiert, den Alpgasthof nicht auch im Sommer zu führen. In dem individuellen Trauerfall geht es jenem nur ums Geschäft, die Hintergründe spart der Film allerdings aus (war Laure vorher bereits depressiv, dass sie den Gasthof nicht weiterführen konnte, immerhin schien sie nie den Hof zu verlassen, außer dem einen Mal, wo die Katastrophe passierte?). Die Krankenkasse will den Klinikaufenthalt nicht zahlen und Valeri hat Angst, dass Laure unter die Irren gerät. Roger, der zusammen mit Jean das Klassenschlusslicht war, ist zum Direktor aufgestiegen. Bei dem ersten Wiedersehen ist Roger sichtbar verlegen, gibt ihm aber die Adresse, falls Jean Hilfe benötigt. In der Klinik ist Jean erzürnt, dass er nicht zu Laure kann, die Therapiesitzung hat und knallt die Blumen auf den Rezeptionstisch. Seine Frustrationstoleranz ist gering, draußen läuft er herum und beobachtet, wie sich Laure die Seele aus dem Leib schreit. Als Jean sie das erste Mal dort besucht, kritisiert sie Kaugummi kauend und diesen aus dem Mund ziehend die Therapie, es wäre nur der Psychiater, der reden würde. Dennoch scheint es ihr gut zu tun (was ihre Selbstvorwürfe nicht ausschließt), an Weihnachten streckt sie ihr Gesicht zur Sonne. Kastriot erzählt „La guerre a changé beaucoup“, dass er Ingenieur war und sie Mathematiklehrerin, Labinota spricht von den großen Zerstörungen und Massakern, aber dem Willen der Bevölkerung, selbst wenn sie nichts haben, alles wieder aufzubauen. Hier setzt Zglinski zwei Kultursysteme gegeneinander, was jedoch bei Jean ein Umdenken bewirken kann. Die Kosovaren werden dabei nicht unbedingt positiv dargestellt, ihre Feier macht einen trostlosen Eindruck, es kommt zu einer Auseinandersetzung, als Labinota unsittlich belästigt wird, hier wie da ist sie Freiwild. Der Film stellt die Frage, welche Möglichkeiten ein Bauer heute noch hat, wenn er den Hof nicht mehr bewirtschaften kann. Kaum kann er den Knecht bezahlen, Armut ist greifbar. Sein Knecht, der bei Felix Arbeit findet, meint, dass der Job nichts für ihn wäre, er wäre mit dem Land verbunden. Selbst Roger meint, dass der Gießerjob einem im Blut liegen müsse. Doch Jean beißt sich durch, ist gewissenhaft, sondert sich von den Anderen ab. Laure selbst ist sehr ambivalent, die Idee, den Hof zu verkaufen gefällt ihr nicht, trotz allem fühlt sie sich mit der Heimaterde verbunden und kehrt dorthin zurück. Wie zerbrechlich und flüchtig Laure ist, zeigt sich als sie an die Fensterscheibe haucht. Ihr erster Satz lautet „J´ai froid“ und Jean gibt ihr seinen Pullover wie er sich auch sonst sehr um sie kümmert und sorgt. Aber irgendwann kommt der Punkt, wo er nicht mehr kann. Als er sie in die Klinik bringt, ist sie wie eine Puppe. Jean merkt, dass die Beziehung zu ihr nicht mehr seinen Bedürfnissen entspricht und mit Labinota kommt er an eine attraktive Frau, die trotzdem schlechte Erfahrungen machte und auch auf etwas wartet, was wohl nie ankommt. Allerdings bleibt ihre Beziehung für uns sichtbar eher platonisch. In der Ästhetik hält sich Zglinski an jene, die in vielen Filmen aus der Westschweiz angewendet wird, z.B. Absolut, Un autre Homme oder L´Ecart, bevorzugt in kahlen Landschaften angesiedelt und im Winter spielend. In einigem nimmt er Das Fräulein vorweg. Zglinski stattet die Personen speziell aus, Jean ist groß, hat lebhafte Augen und Halbglatze, sein Knecht eine blaue Zipfelmütze, ein anderer Arbeiter eine Art Schlafmütze, der Versicherungsvertreter kämmt sein Haar zurück, Labinota zeigt einen scheuen Blick mit nach unten geschlagenen Augen. Der Film ist mehr in Episoden eingeteilt, schreitet mit Ruhe voran, lässt die schwierige Situation wirken, denen die Hauptpersonen ausgesetzt sind. Sanfter als Antichrist erzählt er davon, wie schwierig der Verlust eines Kindes ist und wie wenig wir damit umgehen können. Wiederum verhindern in einer Situation, wo wir zusammenstehen müssten, unsere Egoismen eine Lösung des Konfliktes, selbst wenn durchaus Solidarität vorhanden ist.
Achim Hättich |
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