Fräulein, Das

Staka, Andrea

Deutschland/Schweiz 2006

Drama/Migration; Frauen;

DF erzählt von zwei eigenwilligen Frauen unterschiedlicher Generationen, die in Zürich leben und deren Lebenswege sich für einen kurzen Zeitraum kreuzen. Ruza (Mirjana Karanovic) verliess vor 25 Jahren Serbien und lebt nun in Zürich. Ihr Leben als Leiterin einer Betriebskantine besteht nur aus sich wiederholenden Routinen, bis sie auf Ana (Marija Skaricic) trifft. Diese springt spontan ein, als in der Kantine die Bedienung Mila sich verletzt. Ana verarztet Mila und gibt Essen aus, was Ruza beeindruckt. Ruza stellt sie ein, Ana bringt Ruzas Leben gehörig durcheinander, aber auch Freundschaft entsteht.

Der Film beginnt mit dem Schneiden von Ästen, wie auch den Migrantinnen die Beziehung zur Wurzel gekappt wurde.  Ein Vorhang, Ruza mit Top Shot auf dem Bett, ihre Morgentoilette, dann die graue Stadtansicht, signifikante Ansichten sind gesetzt. Ruza kommt beim Betrieb an, beachtet eine wartende Frau mit Tochter nicht groß, weist jene zurecht. Als allein und ungeliebt wird Ruza eingeführt, etabliert, aber doch nicht zu hause. Ganz anders Ana, durch Trampen nach Zürich gebracht, es ist Nacht, Impressionen des Ankommens. Jemand bettelt um Kleingeld und Ana, die selbst nichts hat, ist die einzige, die was gibt. Als sie Anderen Feuer für Zigaretten gibt, nehmen diese sie mit und kiffen zusammen. Obwohl Ana Leukämie hat, klammert sie sich an das Leben und genießt es in vollen Zügen. Ein junger Mann beobachtet sie beim tanzen, sie unterhalten sich, aber als Ana vom Suizid ihres Bruders nach dem Krieg erzählt, wendet sich dieser plötzlich ab. Es geht auch anders herum: ein anderer junger Mann, dessen Einrichtung auf einen gewissen Standard und Geschmack hinweist, kümmert sich um sie und hilft ihr. Ana schläft in vielen Betten und hier zeigt Staka vielleicht zu viel Sex, ohne Sex zu zeigen.

Ana versucht, Anderen Gutes zu tun, Menschlichkeit zu zeigen, die sie wohl vermisst hat. So organisiert Ana eine Geburtstagsfeier für Ruza, was Mila als unrealistisch einstuft. Zwar ist Ruza entsetzt, befiehlt den Abbau der Dekoration, aber langsam taut sie auf und legt den Mantel ab, stößt mit Sekt an, tanzt mit und dann am längsten. Ein Mann interessiert sich für sie, zuerst nach der Feier eine Übernachtung, später gibt es Sex, Ruza geht von sich aus auf ihn zu. Ruza wird zu einer sozial verträglichen Person, erfährt das Leben. Ruza weiß, was Verantwortung bedeutet, selbst nach der Ernüchterung am anderen Morgen steht sie ihre Frau im Betrieb. Ihr strenger Gesichtsausdruck lockert sich auf, bei einem Ausflug in die verschneiten Berge hat sie Spaß, es kommt zu einer Schneeballschlacht. Sie ist jene Karriereperson, die mit 22 Jahren in die Schweiz kam, um zu arbeiten, Geld zu verdienen und vielleicht sogar Karriere zu machen, kurzum um besser zu leben. Ruza hat was aufgebaut und braucht niemanden mehr. Das sagt sie Ana in einer Tiefgarage und es hätte kein besserer Ort gewählt werden können. Ruza verfügt über eine andere Perspektive  und andere Ziele als Ana sie hat. Ana hat zwar Glück, als sie im Spielcasino spielt, aber sie setzt ihren Gewinn ein, damit Ruza gewinnen kann. Geld bedeutet Ana nichts. In Ruza findet aber aufgrund dessen ein Umdenken statt. Trotzdem wird jenem Kontrast unzureichend auf den Grund gegangen, auf die Inkompatibilitäten im Alltag wird fokussiert.

In kleinen Schritten taut Ruza auf und erkennt die Qualitäten, die Ana hat, selbst wenn sie in manchem unkonventionell oder renitent ist. Den umgekehrten Weg geht Mila, die von Anfang an sich für Ana einsetzt. Aber als Ruza erkennt, dass Ana kein Zuhause hat und ihr deshalb erlaubt, im Umkleideraum zu schlafen, regt sich Mila am anderen Morgen sehr darüber auf. Mila befindet sich in einer Ablösesituation: sie wird bald pensioniert und soll zurück nach Kroatien. Aber sie stellt diese Errungenschaft in Frage. Die Schweiz wurde zu ihrer zweiten Heimat, definiert über ihre Familie in Gestalt ihrer Söhne. Hingegen weiß Ruza nicht, wo sie begraben sein will, selbst im Tod wird die Zerrissenheit von Migrantinnen spürbar. Ana bringt es auf den Punkt: die Aussicht aus den Krankenhäusern sei überall anders, aber der Geruch gleich. Im Unterschied das Gemeinsame entdecken, im Gleichen das Andere sehen. Und bei allem zählt letztlich nur die Aussicht, die man selber wählt. Die Gesellschaft steht in DF im Hintergrund, neben der Arbeit punktet das Vergnügen genauso.

Karanovic (die bei Kusturica mitspielte) und Skaricic lernten ihr Deutsch phonetisch. DF ist ein Sprachengemisch aus bosnisch, serbisch, hochdeutsch und schweizerdeutsch. Ana kritisiert Ruza, warum sie deutsch mit ihr spricht. Jene Rivalität wird kaum im Film berücksichtigt, selbst wenn keine Ressentiments bestehen und beide einmal einer Nation angehörten. Überhaupt ist der Krieg nur ein fernes Echo, was fast irrelevant für das jetzige Leben ist. Staka personalisiert und belässt es bei einzelnen Aussagen wie dass Krieg krass ist  oder dass niemand mehr Jugoslawien sagt wie Ruza, was deren Vergangenheitsorientierung belegt, was ebenfalls durch die Fotos belegt wird.

Im Gegensatz dazu ist Ana ein Drifter, die es nicht lange an einem Ort oder bei einer Person aushält, die aber getrieben ist von einer Flucht nach vorne. Ihre Entwurzelung, die eher zutrifft als Ungebundenheit, kommt bei der Frage der Ärztin nach einem Knochenmarkspender zum Ausdruck. Wer durch eine tödliche Krankheit weder eine Perspektive noch eine Zukunft hat, kann nicht sagen, wie lange sie bleibt, was im doppelten Sinne zu verstehen ist. Während Mila wegwollte, aber bleibt, geht Ana weg, als sie bleiben sollte.

DF bevorzugt trotz oder wegen seiner Kürze von 77 Minuten lose Enden: Ana verdingt sich als Tramperin, Ruza holt die Kiste mit den Fotos und heftet diese an die Wand und Mila möchte am liebsten dableiben, schließlich wären ihre Kinder und ihr Leben da und der Traum vom Haus wäre sowieso zu ende. Jene Beziehung zu Ante, trotz des Alters harmonisch erscheinend, weist Parallelen und Unterschiede auf als einzige konventionelle: Ante ist am Fuß verletzt und Mila schneidet sich in den Finger. Ante ist besessen vom Haus und verwendet selbst Milas Erspartes dafür, was ihr stinkt, auch weil er dies zuerst abstreitet. Kontraste gibt es ebenso: Die Kartoffeln fallen in der Küche auf den Boden und Ana verziert das Radieschen, weil es so schöner aussieht, was Ruza rührt. Selbst auf formaler Ebene spiegelt sich das wieder: Zwischen scharfen und unscharfen Aufnahmen wird gewechselt. Als Ana beim Arzt ist und ihre schlechte Prognose erfährt, ist die ganze Szene unscharf.

Dieser mehrfach preisgekrönte (Locarno, Sarajevo, FIPRESCI) Film spielt vor der eigenen Haustür und behandelt Fragen, von denen nicht nur Migrantinnen betroffen sind, nämlich was machen wir aus und mit unserem Leben und inwieweit ist die Vergangenheit relevant? Ist bei alldem Freundschaft nicht das wichtigste?


Achim Hättich

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