Derniers jours du monde, Les

Larrieu, Arnaud & Larrieu, Jean-Marie

Frankreich/Spanien/Taiwan 2009

Sci-Fi/Apokalypse; Romanze; Surrealismus; Dekadenz; Politik; Erotik; Suizid; Amour Fou; Migration;


Irgendwann in der nahen, aber unbestimmten Zukunft, ist die Welt aus den Fugen geraten, es kommt zu einer Ballung von Katastrophen: terroristische Anschläge, eine Ökokatastrophe und ein Weltkrieg plagt die Menschheit, Anomie ist verbreitet, aber die Menschen lassen sich nichts anmerken. So macht Robinson (Mathieu Amalric) mit Tochter Mélanie (Manon Beaucoin) und Frau Chloé (Karin Viard) in Biarritz im Haus der Eltern Urlaub. Da es Chloé mehr ums Reden geht und Robinson seinem Namen entsprechend die Einsamkeit sucht, setzt sich letzterer an die Strandpromenade und begegnet dabei Lae (Omahrya Mota), die ihn direkt gefangen nimmt. Robinson verliebt sich in die Prostituierte und verbringt Tage und Nächte mit ihr. Doch sie verschwindet plötzlich und zu Chloe kann er nicht zurück. Da wendet sich ihm Ombeline (Catherine Frot) zu, die einen kleinen Papierhandel führt und ihm wegen der Papierknappheit ein Kochbuch verkauft, damit Robinson ein Tagebuch führen kann. Robinson stellt fest, dass er sehr begehrt ist: auch sein Freund, der bisexuelle Tenor Théo (Sergi López) sowie dessen Tochter Iris (Clotilde Hesme), die der Vater vorher eine Nacht durchvögelte.
  LDJDM ist im Wesentlichen ein Kaleidoskop der Beziehungen, die Robinson hat, der ganz im Gegenteil zu seinem Namensvetter aus dem Roman nicht allein auf einer Insel lebt, sondern umgeben ist von Menschen, die ihm wohlgesinnt sind. Mit Chloé gibt es anfangs relativ wenige Szenen, Robinson scheint auch mehr seiner Tochter zugeneigt zu sein. Robinson wirkt oftmals hilflos und er fragt Chloé nach einem Rat. Ohne Umschweife gesteht er nach einer längeren Abwesenheit Chloé den Seitensprung ziemlich offen und sie reagiert ziemlich cool darauf, aber ihren Liebhaber bekommen wir eigentlich nicht zu Gesicht. Dafür einen Blick auf ihren Bauch, als wenn sie schwanger wäre. Wenn alles in die Brüche geht, kommt es nicht mehr auf Vorrechte oder herkömmliche Bindungen an. In Toulouse sind beide ganz heiß aufeinander, sie treiben es in ihrem Büro auf dem Boden, kommen aber nicht weit.
  Mit Ombeline, mit der Robinson eine Zufallsbekanntschaft hat, die sich ihm gegenüber aber zuvorkommend verhielt, reist er herum. Sie ist beschämt und will sich gar verstecken, als sie ihren Mann antrifft, aber jener hat weniger Mühe mit Robinson. Ombeline ist die ruhige Variante – und damit eine gewisse Hoffnung, sie tritt in blau auf - und sie offenbart Robinson, dass der einzige Mann, den sie je geliebt hat, sein Vater war. Mit ihr wandert er und veranstaltet ein Picknick, eine Art alternatives Leben. Ormeline schneidet sich im Theater von Toulouse die Kehle auf, nachdem sie vorher schon für Unruhe sorgte, weil sie mitten im Stück Robinson alles andere als leise sucht. Robinsons Abwendung von ihr und die Zuwendung zu Cleo mögen diesen Entschluss begründet haben. Theo ist ein Lebemensch par excellence, der vorher Robinsons Seitensprünge deckte: „je ne resiste rien“, sagt er zu seiner Bisexualität und betont, dass er auf den Moment gewartet habe, wo alles möglich ist: Nicht nur pausenloser Inzest, sondern auch Sex mit seinem besten Freund. Ob das die Lösung ist, ist fraglich, denn Théo springt aus dem Fenster und auch Iris nimmt sich das Leben. Théo beging Selbstmord, um den Höhepunkt seines Lebens festzuhalten, Iris hingegen, um einem beschämenden Moment auszuweichen.
  Die Personen reisen kaum mit Zielen umher, treffen aber immer aufeinander, selbst wenn es nur der allergrößte Zufall sein kann, in ein unbekanntes Haus zu gehen und dort befinden sich Theo oder Lae. Auch bei ihren Reisen begegnen sie sich an den unmöglichsten Orten, aber vielleicht ist alles schon so aussichtslos, dass nur noch ein Fluchtweg bleibt. Dass dieser ausgerechnet in Spanien liegt, kann von politischer Signifikanz sein. Dazu passt ebenfalls, dass der Film von Mittwoch, 4. Juli bis Samstag 14. Juli geht: am französischen Nationalfeiertag geht die Welt hops. Obwohl die Zeit linear voranschreitet, wird die Geschichte nicht linear erzählt, es gibt Rückblenden und manchmal springt es gar wild umher.
  Man mag LDJDM als satirische Variante von Titanic sehen, wo im Wesentlichen die Reichen dem Untergang mit grenzenlosem Sex begegnen, als wenn sie sich auf alle Fälle noch fortpflanzen müssten. Natürlich gibt es das Stierrennen in Pamplona, welches von einer riesigen Volksmenge begangen wird, aber das passt nur zur Absurdität des ganzen, als wenn der Anlass nicht so schon absurd genug wäre. Auch an der Strandpromenade ist das Leben voll im Gange, sieht unbeschwert aus, aber es ist der Kontrast des Filmes, einigermaßen versöhnliche Bilder an den Anfang zu setzen, wobei es mit einem Wald (und das bei Papierknappheit) und einer schlafenden Person beginnt, Bilder absoluter Friedlichkeit, auch jener strahlende Morgen auf der Terrasse. Lae kommt zuerst ganz in weiß, entsprechend der Madonna in der Kirche, die Robinson am Tag der finalen Katastrophe sieht, während in dem dekadenten Schloss ein Jesusbild hängt. Bis auf diese Insignien bleibt die Religion außen vor. Später feiern alle ganz in weiß in höchst bizarrer Weise. Die Mutter von Iris legt sich mit dem Kreuz in ein Bett mit weißen Laken. Wenn die Unschuld verloren ist, kann man diese wenigstens in der Kleidung zum Ausdruck bringen oder es sein lassen. Das ist immerhin noch besser als das schnulzige Karaoke in einer schummrigen Bar in Taiwan eines von Frauen umgebenen mittelalten Mannes. Es kommt noch besser, als Lae in einem öffentlichen Bad sich nicht nur nackt auszieht (vorher machte sie nackt Schiessübungen), sondern so in das Männerbad geht, worauf alle Männer entsetzt fliehen. Vielleicht ist sie schamlos, wie es Robinson heftig kritisiert, aber es geht um eine ziellose Prüderie mit der künstlichen Trennung der Geschlechter. Theo steht wenigstens nackt in der Wohnung am Fenster und blickt hinaus, während alle Gäste des Schlosses in Nacktheit sterben, so wie sie geboren wurden. Robinsons Eltern sind auf dem Boot gestorben und der erste Kontakt mit Lae ist auf dem Boot, auf das sie steigt, als er sich in eine solches begibt. Er muss sie nicht rufen, sondern sie kommt von sich aus. Kaninchen flitzen aus einem Loch, Geier hocken auf gestrandeten Autos, eine Eule im Auto. Ähnlich die Theateraufführung in Toulouse, in die Robinson flieht, wo Ombeline ihn aufsucht: die Apokalypse erscheint wie ein bizarres Ballett. Die Jagd der Stiere nach den Männern in Pamplona (meist im Topshot gefilmt) wird in Kontrast gesetzt zu Bombenexplosionen. Es gibt eine Szene im verschneiten Kanada, wo Robinson zusammengeschlagen wird, unerwünscht ist und den Mantel abzugeben hat, während Lae verschleppt wird. Solche direkt rassistischen, aber wenig politisch oder ideologisch begründete Auswürfe, werden in eine Landschaft voller Kälte verpflanzt. Autos bleiben stehen oder explodieren, taugen aber nur sehr bedingt als Fortbewegungsmittel.
  Es gibt eine längere Kneipenszene mit Theo, die hätte kürzer sein können. Amalric hat immer große Augen wie ein kleines Kind, das sich auf die Überraschung freut, eine grandiose Rollenbesetzung, weil er genau den Zwiespalt verkörpert. Weitgehend bleibt er Optimist, ihm fällt auch alles in den Schoß, vor allem die Frauen. Nur im Schloss trifft er auf größeren Widerstand, als er an den Computer will, verdrängt er zuerst einen Anderen, der den Platz nicht räumen will, aber dieser erholt sich vom Knockout und schlägt Robinson zusammen.
  Widersprüche bestehen: Robinson begibt sich zum Psychiater, bei dem der Wartesaal voll ist, aber er kann direkt durch und wird als einziger Patient bezeichnet. Lae taucht auf und verschwindet wieder, ohne Gründe und Nachricht, bis sie dann am Ende in der Pariser Wohnung sich befindet, wo Robinson genau auf die Richtige trifft. Dies passt zu ihrem Charakter. Was dann noch mehr verwundert: alles ist dunkel und still in Paris, Robinson kommt mit Taschenlampe vorwärts, aber nachdem er mit Lae hinausgeht, ist es hell und Autos fahren. Wenigstens kommt dann der alles vernichtende Knall. Wie in Dr. Strangelove, or how I learned to stop worrying and love the bomb und Kiss me Deadly explodiert am Ende die alles vernichtende Bombe. Die langen Autoschlangen kommt aus Panic in Year Zero!, einschließlich der leeren Straßen, in der Leichen herumliegen wie jene toten Gäste im Restaurant. Ferner bestehen Ähnlichkeiten zu I Am Legend mit den Wildtieren, die sich mitten in der Stadt aufhalten. Dieser Film macht sich aus besser als der spanische Tres dias, der ein Jahr vorher veröffentlicht wurde.
  Dieser Film hat es in sich, eine intelligente, kompromisslose Weltuntergangsgeschichte, gekoppelt mit den Konsequenzen, inwieweit die dadurch entstehenden Freiheiten dem Begehren förderlich sind. Er handelt zwar im Wesentlichen von der Liebe, die immer wieder von Bildern der Apokalypse, der Anomie, unterbrochen werden. Es ist die Rede von einer Atombombe auf Moskau mit 90000 Toten, vom massiven Angriff der Amerikaner auf Paris, von der Flucht der französischen Regierung. Es gibt in Toulouse ein Flüchtlingslager und es werden Strassen abgesperrt, aber mehr leistet die staatliche Ordnung nicht. LDJDM aber zeigt, dass selbst die freie Liebe angesichts des absoluten Schreckens versagt. Der Film, der sich an die Katastrophenfilme Hollywoods anlehnt, kann selbst wenn er die Bedrohung diffus und multikausal hält, eine Vorahnung zur Schweinegrippe liefern. Bei der Weltpremiere des Filmes auf der Piazza Grande beim Filmfestival Locarno lieferte er sich ein Duell mit einem Gewitter, eine beängstigende Atmosphäre. Wieder einmal ein SF-Film, über den sich zu diskutieren lohnt und der sich nicht in Spezialeffekten verliert.

Achim Hättich

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