À tout de suiteTräumerin, DieJacquot, Benoît Frankreich 2004Romanze/Krimi; Road; Meer; Migration; Künstler; - Schwarz-WeißParis, 1975: eine 19-Jährige mit langen blonden Haaren versehene Kunststudentin (Isild Le Besco) sitzt nach der Beendigung ihrer Beziehung mit ihrer Freundin in einem Café. Sie wird von Gerard, der mit Immobilien zu tun hat, angesprochen, und dieser lädt beide Frauen in die Disco ein. Dort verliebt sich die Studentin augenblicklich in dessen Freund, einen Marokkaner (Ouassini Embarek). Das Glück der beiden scheint perfekt, bis der junge Mann sie eines Abends anruft und ihr mitteilt, dass er mit Gerard und einem Anderen (Nicolas Duvauchelle) eine Bank überfallen hat, Gerard und ein Schalterbeamter tot seien, und sie sich mit Geiseln auf die Flucht befinden. Beide Gangster gelangen zu ihr, nehmen noch die Freundin des einen (Laurence Cordier) mit und ohne ein Wort des Abschieds verlassen die beiden Mädchen aus gutem Hause ihre Familien für ein Leben in der Illegalität. Die Flucht führt die vier Liebenden nach Spanien über Marokko schließlich nach Griechenland. Dort gibt es Probleme bei der Einreise, die 19-Jährige wird von den Zollbeamten festgehalten. Als man sie gehen lässt, sind ihre Freunde verschwunden. Allein und ohne Geld muss sie sich in Athen durchschlagen, wo sie auf die Rückkehr ihres Geliebten wartet. Wahrscheinlich wäre Godot eher gekommen und hätte eine kleinere Enttäuschung bereitet. Sie kehrt zurück nach Paris, wo sie in den Nachrichten vom Tod des (in Abwesenheit zum Tode verurteilten) Geliebten erfährt, ein Schuss mitten durchs Herz, aber nicht von ihr. Sie zieht zur Schwester, unternimmt zahlreiche Suizidversuche, hat Angstattacken, aber am Ende gelingt ihr der Ausbruch, sie kommt über die Suche nach Arbeit zu ihrer Insel, sogar einer tropischen, wo sie sich in die Psyche der Touristen hineinzuversetzen hat. Jacqout schuf einen ungewöhnlichen Film allein schon durch die Verwendung von Schwarz-Weiß, dazu mit einer Atmosphäre, die eher an die 1960er Jahre erinnert. Ferner mit dem nur viermaligen Einsatz von extradiegetischer Musik (um die 14. und 35. Minute nur ein kurzes Pochen, um die 81. und 91. Minute länger und variierter, Tangerine Dreams Richochet Pt. 1) mit längeren Passagen ohne Dialog, vielen Close-Ups der Gesichter, die für sich stehen; nicht grundsätzlichen Handlungen, die vorwärts treiben, trotz einer linearen Erzählstruktur. Alle zentralen Personen tragen keine Namen, Fragen Anderer danach werden nicht beantwortet oder es wird abgelenkt. Das entspricht, dass niemand eine gefestigte Identität hat, orientierungslos herumtreibt. Der Marokkaner hat schwere Gewissensbisse ob des Überfalls. Er findet, dass Töten generell etwas Schlechtes sei, wobei es egal wäre, wer den tödlichen Schuss abgab, sie seien Killer. Diese Meinung scheint ebenso die Justiz zu haben, die die Todesstrafe ausspricht, vielleicht nur weil er ein Ausländer ist. Er wirkt sehr orientierungslos, isst nicht, hat Angst und kotzt. Er ist fest im Familienverband, seine Eltern würden ihn abgöttisch lieben und er sie, aber trotzdem macht er sich auf und davon. Sie lebt mit ihrem Vater und ihrer Schwester zusammen, die Mutter ist irgendwo anders und meidet den Kontakt mit ihnen. Dennoch kann sie sich verlassen auf die Familie, denn diese holen sie ab in Griechenland, wo sie sich umarmen und später kann sie bei ihrer Schwester wohnen. Die Familie des Marokkaners lädt sie ein und die Mutter zeigt traurig das verlassene Zimmer ihres Sohnes. Aber in Marokko zeigt er sich kaum heimisch, wie die Migration kaum thematisiert wird wenn nicht ihre Umkehrung darunter verstanden wird und die Grenzen zwischen Tourismus, Flucht und Emigration vermischt. Zum Teil wird englisch oder griechisch gesprochen. Die Kunststudentin, die von Anfang an als sehnsuchtsvoll und melancholisch gezeigt wird und ihren Seelenzuständen durch Zeichnungen einen Ausdruck verleiht, kann sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen, sie ist völlig besessen von ihm. Schon die Nachricht des Verbrechens ändert kein Jota an ihrer Einstellung. Als sie nach dem Discobesuch heimkommen, legen sich alle drei ins Bett, um zu schlafen, aber die Kunststudentin legt sich nahe an den Marokkaner und blickt ihn begierig an. Am Morgen nachdem die Freundin gegangen ist, befragt sie ihn über sein Leben, bevor sie Hose und Slip fallen lässt, was er als Aufforderung versteht, sich selbst auszuziehen. Ohne Bewusstsein von der Gefahr und ohne mit der Wimper zu zucken, nimmt sie die Gangster auf, versteckt sie und als der Marokkaner fragt, ob sie ebenfalls fliehen will, ist für sie der Fall klar, wenn es so ist, dass er es will, kommt sie mit. Sie braucht jemand, um den sie sich kümmern und für den sie sorgen kann, der sich passiv verhält. Sie übernimmt die Führung und unternimmt viele Botengänge, die meisten freiwillig. Gleichfalls hat sie was Bemutterndes an sich, wie „bitte iss mein Liebling“. Dennoch ist sie total abhängig von ihm, fragt was passiert, wenn sie sich nicht sehen. Vorher schickte sie ihren Verehrer resolut und schimpfend nach Hause und genauso schnell lässt sie sich auf eine neue Beziehung ein, selbst wenn die beiden Männer schlechte Tänzer sind. Sie beschreibt diese Beziehung als tolles Leben, aber weiß nicht, ob es das Wahre war (später sagt die Mutter, man habe mehrere Leben und die Tochter entgegnet, aber vielleicht nur ein wahres). Es gibt etliche Male, wo sie lacht, was nicht häufig vorkommt. Nach der Hälfte des Filmes gibt es den ersten Streit, wo sie wie die Beute zu verstecken hat (während bei dem anderen Pärchen öfters die Gewalt herrscht). Zunehmend übernimmt sie das Verhalten des Marokkaners, dass sie Angst hat oder nichts isst, zunehmend ihre Linie verliert. Sie nähert sich auch immer mehr dessen Lebenswelten an. Immer findet sie Leute, die ihr helfen, vor allem in Griechenland. Als sie von den Anderen im Stich gelassen wird, steht sie allein, konsterniert und verloren am Flughafen als der Libanese George sie anspricht, ob sie allein sei, was sie verneint. Er vermittelt ihr ein Hotelzimmer und einen Freund, wo sie Babysitterin sein sollte, aber unklar ist, ob der Sohn nun 5 Jahre oder 7 ist. Dann stellt sich heraus, dass der Sohn nur am Wochenende bei ihm ist. Mit seinem weiteren Verhalten wie einsperren macht er sich weiter verdächtig und es wird nicht klar, wer wie viel Sex von wem will. Jedenfalls flieht sie und trifft auf eine Einheimische, der sie ohne Preisgabe ihres Namens gesteht „I´m alone but I´m not lost“ (der Film vermittelt einen anderen Eindruck), die ihr einen Job im Laden verschafft und gleichfalls ein Zimmer, aber von Anfang an einen lesbischen Eindruck macht, verstärkt durch das Rückeneinreiben nach dem Strandbad. Hier scheinen sozialen Beziehungen sehr auf den Nutzenaspekt reduziert. das ändert sich, als sie wieder in Paris ist und die Bekannte des Marokkaners, Laurence (Emmanuelle Bercot), aufsucht, die ihr ohne Hintergedanken ihre Unterstützung zukommen lässt. Der Marokkaner lässt Pässe mit einer gefälschten Identität herstellen, aber wer keine hat, dem kommt es entgegen, ob er eine nicht existente hat. Als sie in der Metro stehen, wird sie vor einer zerbrochenen Scheibe gezeigt, was auf das Ende der Beziehung verweist, ihre gespaltene Empfindung für den Marokkaner. Ebenso sind beide im Spiegel zu erkennen, wobei dieser in der Mitte durch einen schwarzen Balken getrennt ist. Andererseits liegen sie Kopf an Kopf im Bett, beide in verschiedene Richtungen gedreht. Oft treibt die Kunststudentin durch Strassen oder durch Hotelgänge, ein Beleg für ihre Suche, nicht nur nach dem Marokkaner, sondern nach einer Person, die ihr Geborgenheit und Leidenschaft gibt. Nach der Todesnachricht entflieht sie in die Nacht, aber sie fängt sich wieder. Anfänglich sitzen sie und ihre Schwester auf dem Boden, sie verlassen am Morgen das Haus und werden dabei von hinten gefilmt, ebenso als sie in Griechenland auf dem Bett sitzt. Sie gehen zur Schule und in Parallelmontage sind sitzende Leute in verschiedenen Lokalitäten zu sehen. Einmal erzählt sie im Voice Over, eine erste Innensicht, wobei der ganze Film aus ihrer Perspektive geschildert wird. Wie in Bonny and Clyde oder Badlands schliddern die Frauen aus Liebe in die Kriminalität, so ziellos treiben sie dann herum wie in Exils. Der Film ist nicht vorhersagbar, selbst wenn verschiedene Verkehrmittel zur Flucht verwendet werden wie Auto, Zug, Flugzeug und Schiff und die Reise aus verschiedenen Übergängen im Sinne von Meeresüberquerungen besteht. Ein starker Moment findet der Film in der Moral, alles stehen und liegen, alle Verantwortung fahren zu lassen. Im Gegensatz dazu schreitet der Film sehr langsam voran und wird zunehmend melancholischer, die Einsamkeit dringt überall durch. Freilich scheinen mehrmals zu sehr die Klischees durch und es wird zu wenig substantiell, um dem sehr interessanten Thema noch mehr zu huldigen.
Achim Hättich |
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