OrphanOrphan - Das WaisenkindCollet-Serra, JaumeUSA/Kanada/Deutschland/Frankreich 2009Horror/Böse Kinder; Familienkonflikt; behinderte Person; Psychologie; Falsch Beschuldigt; Nachdem Kate Coleman (Vera Farmiga) eine Totgeburt hatte, beschlie?en sie und ihr Mann John (Peter Sarsgaard), neben ihren zwei eigenen Kindern, der gehörlosen Max (Aryana Engineer) und Daniel (Jimmy Bennett), ein Kind zu adoptieren. Im Waisenhaus trifft der herumwandernde John auf die abseits von den Anderen sitzende, aufgeschlossene 9-Jährige Esther (Isabelle Fuhrman), die am malen ist, was ihn für sie einnimmt. Ihre Adoption ist beschlossene Sache, von der Oberin Schwester Abigail (CCH Pounder) hören sie nur gutes. Schnell schlie?t die hoch intelligente, wortgewandte und überaus höfliche Esther mit Max Freundschaft, da Esther auch rasch die Gebärdensprache beherrscht. Dagegen macht Daniel auf Konkurrenz, „She’s not my fucking sister“ und zu Esther „You’re such a freak“. Hier multiplizieren sich die Probleme bereits in der Vorgeschichte: Kate war Alkoholikerin, verfluchte ihr totes Kind im Bauch, John hatte eine Beziehung zu einer anderen Frau und fast wäre Max wegen Kates Unaufmerksamkeit im nahe beim Haus sich befindlichen Teich ertrunken, nebst Ehekrisen, wobei John sich als derjenige outet, der ihr damals noch einmal eine Chance gegeben hat. Esthers Vorgeschichte bleibt im Dunkeln, sie sei aus Russland und als ihre Eltern bei einem Feuer umkamen, ist sie in die USA gekommen. Später gibt es eine andere Geschichte von dem psychiatrischen Saars-Institut in Estland, wo man sie als eine extrem gewalttätige Person kennt, weil sie an einer Wachstumsstörung leidet, Lena Klammer hei?t und tatsächlich 33 Jahre alt ist, wie Dr. Värava (Karel Roden) mitteilt. Esther spielt eine Au?enseiterrolle, sie findet es langweilig im Heim und hat keinen Bezug zu den Feiern, welche die sonst fröhlichen Kinder begehen, die auch nicht mit ihr reden wollen. Sie ist stolz auf „I’m different“ und als sie im Reifrock zur Schule gehen will, besteht sie darauf und will sich dem Gelächter aussetzen, - was Kate unterstützt: „There's nothing wrong with being different“ - was Esther freilich nicht gefällt, als genau das eintritt. Sie ist sehr absorbierend und möchte bei einem Gewitter neben dem Vater schlafen. Daniel will die Beweise sicherstellen, aber Esther ist schlauer und verbrennt sie im Baumhaus, als Daniel sich darin befindet. Das ganze Baumhaus fängt Feuer und Daniel stürzt herunter. Er und seine Freunde machten sich lustig über Esther, was ebenso für Esthers Schulkollegin Brenda gilt, die z.B. ihre Bibel durch die Luft warf. Alle machen blöde Bemerkungen über Esther, so dass sie einen Grund hat, sich zu rächen. So erschreckt sie Brenda als diese sich auf ein Klettergerüst begibt, dass diese in hohen Boden zu Boden fällt. Als Daniel mit einem Paintball Gewehr auf Spielzeugsoldaten schie?t, versucht er absichtlich eine Taube zu treffen. Diese fällt herunter und Esther sagt dem sichtlich betrübten, er solle die Taube ganz töten, denn sonst würde sie unnötig leiden. Daniel kann das nicht und Esther nimmt einen Stein und mit unglaublicher Brutalität zerschmettert sie den Vogel. Esther schmückt ihre Sprache mit Zynismus. Als sie einen Stein über Daniel’s Kopf hält: „Don't worry. You're going to Heaven.“. Auch von der zerschmetterten Taube nimmt sie das an. Esther droht Daniel: „If I find out that you're lying, I'll cut your hairless little prick off before you even figure out what it's for.“ und droht Max: „They'll send you to jail just for helping me hide her. I had to kill her, because she was going to tell on me. You're not going to tell on me... are you?“. Es verwundert, dass Esther so stark in Schutz genommen wird. Man geht von der Unschuld der Kinder aus und Erwachsene, die einmal ins Fettnäpfchen gesellschaftlicher Normen traten, sind für immer gebrandmarkt (Esther hat Narben von ihrem Toben in der Zwangsjacke, aber warum fiel das keinem bei den Colemans auf?) und werden schnell zu Schuldigen gemacht. Esther löst die Bremse des Autos und dieses rollt mit Max den Abhang herunter, als Kate sich bemüht, die Daniel aus der Schultasche gefallenen Bücher aufzuheben, eine verkettung von Umständen. Aber Kate wird vorgeworfen, vergessen zu haben, die Handbremse anzuziehen. Im Krankenhaus, wohin der bewusstlose Daniel gebracht wird, dreht Esther die Maschinen ab und versucht Daniel zu ersticken, aber als Kate voller Wut Esther schlägt, wird Kate abgeführt und ihr ein Beruhigungsmittel eingespritzt. Nach einem Streit mit Kate bricht sich Esther selbst in einem Schraubstock den Arm, was wiederum Kate zum Vorwurf gemacht wird. Sie kauft auch Alkohol, aber bringt es fertig, die eine Flasche geschlossen zu lassen und die andere in den Abguss zu schütten (anfangs konnte sie sich nicht beim Klavierspielen konzentrieren, weil Max Basketball spielte). Auch John glaubt ihr nicht, was ebenfalls für die Psychologin Browning (Margo Martindale) zutrifft, die auf Esthers Geschichten hereinfällt und diese nicht reflektiert, während sie Kate ihre Vergangenheit vorhält und sie in eine Klinik einweisen will. John, nicht treibende Kraft hinter der Adoption, stellt sich auf die Seite von Esther. John ist ebenso nicht einverstanden mit Browning, aber als diese ihm aus der Seele spricht, verbündet er sich mit der Psychologin. Aber bereits anfänglich wird John in eine negative Rolle gedrängt, denn er begleitet sie zum Krankenhaus, sie muss in einen Rollstuhl gesetzt werden und man sieht eine Blutspur. Es wird ihr gesagt, das Kind sei tot, aber es bewege sich noch im Bauch. John kommt darauf, um Bilder zu machen, unmöglich in dieser Situation. Dann halten sie ein totes, bandagiertes Baby in die Luft (s. Grace). Im nächsten Schnitt wacht Kate auf und wir wissen erstmal nicht, ob es ein Traum war. Sie geht ins Badezimmer, nimmt eine Tablette, eine später wiederholte Szene, aber von John ist nichts zu sehen, der Trauerprozess bleibt ausgespart, nur ihre Trauer ist greifbar. Die Polizei merkt spät den Tod von Abigail, ein vorbeifahrendes Auto ebenso und es braucht lange, als Kate sie anruft. Anfänglich ist Esther wirklich das perfekte Kind. Sie erkundigt sich über Jessica, wo deren Asche unter einem Rosenbusch begraben ist, der solange er wächst, ist Jessicas Seele intakt. Einfühlsam nimmt Esther das auf, weint sogar und Kate ist glücklich darüber. Später, als John Esther den Rat gibt, Kate eine Freude zu machen, bricht sie die Rosen ab und bringt sie Kate, was diese entsetzt. Das ist mit voller Absicht um die Kränkung geschehen. Esther will nicht mit Abigail reden und als diese zu Besuch kommt, schubst Esther Max auf die Fahrbahn, dass Abigail bremsen muss. Danach wird Abigail mit einem Hammer getötet und einen Abgrund herunter gerollt. Als das muss Max ansehen und dieses herzige Kind bekommt so viel Gewalt mit, dass es für mehrere Leben reicht. Von Esther erstaunen deren Kaltblütigkeit und die Geplantheit ihres Vorgehens. Sie schüchtert Daniel ein und erpresst Max, aber mit der Dauer brechen beide Kinder ein mit ihren Aussagen, die Solidarität der Familienbande ist stärker. Esther ist lernbegierig, aber sie lügt über ihre Fähigkeiten, das Klavierstück von Tchaikovsky perfekt zu spielen, da sie meint: „I thought you would enjoy teaching me. It must be frustrating for someone who loves music as much as you to have a son who isn't interested and a daughter who can't even hear.“. Zweimal sieht sie wie Kate und John Sex haben (sie haben nur zweimal Sex, einmal kriecht Kate unter der Decke hervor, das nächste Mal in der Küche), aber man muss ihr das nicht erklären, das Wort Fuck kennt sie von selber und spricht es direkt aus, während Kate den Vorgang umständlich zu beschreiben versucht. Sie macht Zeichnungen von Toten oder Gefangenen in Häusern, wie sie bereits anfangs ihren Lebenstraum in einem Bild ausdrückte. Sie gibt ihrem Seelenleben einen künstlerischen Ausdruck. Abigail berichtet, dass Esther sich oft in der Nähe von Unfällen aufgehalten hat, ohne dass diese Spur weiter verfolgt wird. Esther sagt John, dass Kate sie weniger liebe, weil eine Mutter immer ihre leiblichen Kinder mehr liebe. Für John ist das anders. Esther unterminiert alle Gewissheiten der Familie, ohne dass sie es nötig hat, sie gegeneinander auszuspielen. „Kate, it's too late. It's your own fault. You took your family for granted.“ warnt sie Kate. Kate will wissen, woher sie kommt und wer sie ist und sie stellt Nachforschungen an. Dass Esther aus Osteuropa kommt und zusätzlich behindert ist, stammt aus der Mottenkiste der Diskriminierung, nebst dem latenten Rassismus. Aber wenigstens gibt es in Estland Leute, die Auskunft geben und Englisch können. Daniel gebärt sich ebenso als kleiner Rassist: er verpflanzt Esther ihrer Essgewohnheiten wegen nach „Transylvania or whatever country you're from.“ Esther kontert: „Incidentally, I'm from Russia. Transylvania isn't even a country. It's a part of Romania.“ Daniel klagt dann wegen ihres Verhaltens „All my friends make fun of me because of her“, worauf John falsch reagiert: „Maybe you need some different friends.“ aber Daniel lässt nicht locker: „Maybe you should send her back to the retard camp where she belongs.“ Beim Showdown ist John, der allmählich merkt was los ist „Everything is falling apart“ und eine ganze Flasche Wein schnell allein austrinkt, mit Esther allein im Haus. Sie holt ein schwarzes Kleid, das nicht der Trauer dient, sondern mit der nötigen Kosmetik macht sie sich zur Femme Fatale. Sie geht zu John, küsst ihn, schmiegt sich an ihn, „I love you, daddy“, damit wird an seine Seitensprungerfahrung angeschlossen. Das weist er auf äu?erste zurück, ist empört. John versucht ihr klarzumachen, dass die Liebe zwischen zwei Erwachsenen etwas anderes ist als die Liebe eines Erwachsenen zu einem Kind, was sie nicht verstehen will. Esther wird fürchterlich wütend und verursacht im Haus einen Kurzschluss, alles liegt im Dunkeln. John sucht sie mit Taschenlampe, aber sie kommt und tötet ihn mit einem Messer. Den einzigen, der ihr Zuneigung entgegenbrachte, bringt sie endgültig um, vielleicht eine Schwäche Johns. Wahrscheinlich sucht sie einen Liebhaber, und ihre Aktionen sind darauf ausgerichtet, alle anderen Familienmitglieder zu beseitigen. Währendessen versucht Kate in einer an The Shining erinnernden Szene im Schneegestöber John zu erreichen, aber John nimmt das Telefon nicht ab. Sie muss einer Schneefräse ausweichen, aber erreicht das Haus. Wie immer gibt es Probleme im Strassen- und Kommunikationsbereich. Darauf durchstreift Kate das Haus, während Max sich zu verstecken versucht (im Kleiderschrank oder Wäschekorb). Es kommt zu einer Konfrontation zwischen Kate und Esther (diese schie?t und trifft Kate auch), von der Wohnung über das Gewächshaus bis zum Teich, wo beide einbrechen und unter Wasser weiterkämpfen. Rührend ist, als Esther fleht, ohne Reue zu zeigen: „Please... don't let me die, Mommy“. Aber Kate ist gnadenlos und versetzt Esther einen festen Tritt, der sie in das Loch segeln lässt, sie versinkt in den Fluten und taucht nicht mehr auf. Alles findet in der schneebedeckten Landschaft statt, was völlig passt. Es sind die feinen Details wie ein kritischer Blick von Abigail bei Erwähnung von Esther, der Blick auf den Ausschnitt von Brendas Mutter, mit der John eine Affäre hatte; der Blick von einem Kind aus dem Fenster, als die Colemans zum Heim kommen. Mit Max wird Gebärdensprache geredet, die Kate auch spricht, wenn sie allgemein kommuniziert. Collet-Serras Film, der seinen Finger auf wunde Punkte der Familie legt, hat seine gewissen Meriten, krankt aber daran, ein wenig zu reaktionär zu sein. Zumindest hätte er mehr aus Esthers wirklicher Identität machen können. Er zeigt allerdings gut, wie fragil ein Familiengefüge ist, welches ein Kind adoptiert, was zudem hochproblematisch ist, wenn diese Familie vorher schon hochgradig problembelastet ist.
Achim Hättich |
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