Nucingen Haus

Ruiz, Raoul

Frankreich/Rumänien/Chile 2008

Phantastik/Surrealismus; Zerebral-Komplex; Traum; Vampir; Gespenst; Posthumes Leben - zum Teil Schwarz-Weiss

Nach vier Jahren Ehe begibt sich der Schriftsteller William Henry James III (Jean-Marc Barr) mit seiner aufgrund des Todes ihrer Eltern angeschlagenen Ehefrau Anne-Marie (Elsa Zylberstein) im 19 Jh. von Frankreich nach Chile, um dort ein Haus  in Besitz zu nehmen, wo vorher der befreundete Bastien (Laurent Malet) wohnte, das dessen Onkel gehörte, der dies aufgrund von Spielschulden an Will verlor. Das Haus beherbergt noch die deutsche Mamsell Ully (Miriam Heard), die Nichte Lotte (Laure de Clermont-Tonnerre), die eine Halbschwester der verstorbenen Léonore (Audrey Marnay) war, sowie den Pianisten Dieter (Thomas Durand). Die Ereignisse im Haus sind bald gelinde gesagt merkwürdig und die Personen erweisen sich als Andere, als die sie sich ausgeben.
Nach einer Geschichte von Honoré de Balzac entstanden verwirft Ruiz wiederum jegliche Gewissheit an irgendwelche Realitäten und bleibt sich so treu. Schon zu Beginn sehen wir Wasser, in dem sich die Sonne spiegelt, aber es ist nur ein Abbild. Es gibt Namen, die nicht die richtigen sind (ein Makel der Identität) nebst den Doppelrollen und Sprachen, die eigentlich nicht gesprochen werden können (sei es deutsch, französisch oder englisch). Bei der Ankunft in Nucingen Haus soll eine andere Sprache nur im Park oder im WC gesprochen werden. Es ist unklar, ob Ehefrau oder Gattin angemessener ist, ob das Haus „extravagant“ oder „extraordinaire“ ist oder ob Dieter der Cousin oder Bruder von Lotte ist. Ist es Anne-Marie, die weint oder doch Ully oder weint Ully, weil Anne-Marie weint? Will, der aus Österreich stammt, damit kein echter Franzose ist, grüsst, aber niemand antwortet. Der Doktor grüsst bei seiner Ankunft die Gäste nicht und Dieter läuft einfach durch. Als Anne-Marie Blut an der Stirn hat, konstatiert sie „Ce n’est pas mon sang“, aber vorher breitete Ully ein Tuch voller Blutflecken aus. Alles sind Hinweisreize aber keine Beweise, uns wird das Puzzle überlassen. Im Fenster der Kutsche erscheint ein Spiegelbild, die Fotografien werden ebenfalls überblendet, nur im Spiegel ist eine vorbei huschende Frau erkennbar. An verschiedenen Orten taucht eine schwarz gekleidete Frau auf, die man entweder hören oder sehen kann, aber nie beides. Bastien soll rausgeschmissen werden, Will wird sowohl von Ully als auch vom Doktor (Luis Mora) ausgeschlossen, als es Anne-Marie schlecht geht. Anne-Marie stirbt (an Anämie) wie Lotte (bei einem Unfall), aber es war nur ein Traum oder ein anderes Leben. „Les reves sont une seconde vie“. Will hockt mit Anne-Marie/Leonore in einem nicht lokalisierbaren Restaurant und sie diskutieren über die Existenz von Vampiren, wir hören die Unterhaltung im Nebenzimmer. Oft wird Will auf Treppen gezeigt, er bewegt sich zwischen zwei Welten.  
Jene Verunsicherung macht sich selbst auf einer physischen Ebene breit. In diesem Haus herrscht keine Normalität, die Uhren bleiben stehen, die Zeit existiert nicht. Von den BewohnerInnen heisst es „les gents sont curieux“ oder vorsichtshalber „derangé c’est normale“. Öfters schlie?en sich die Türen, uns werden die dahinter verborgenen Geheimnisse vorenthalten. Beten ist nur außerhalb möglich, denn Gott existiert nicht in diesem Haus. Von Debussy erklingt die versunkene Kathedrale, ein subtiler Hinweis auf Ruiz Einstellung zur Religion. Es ist die Rede von fatigue moribundia und von der maladie maison, ein ziemliches Miasma scheint das Haus auszuströmen, ein Einfluss, der subtil daherkommt und genauso schwebend inszeniert wird. Oder ist es die Atmosphäre einer „tristesse sterile“, weit weg von der Heimat in der Fremde? Wer tot ist, muss nicht mehr schlafen, wird gleich den ruhelosen „fantomes, spectres, animas“. Schleichend verändert sich die Realität und jene übernatürlichen Wesen stehen dafür ein, dass wir alle nach Liebe und Verständnis streben, sie deren Emanationen sind.
Die erste Begegnung von Will mit Lotte, „un grand solitaire“ wie sie sich bezeichnet, verläuft fremdartig: sie gibt nicht die Hände, weil sie sich fragil sieht und Angst vor Infektionen hat. Sie ist aufgestellt mit ihrem Lockenkopf und küsst Will auf die Wange. Bastien sagt von ihr, dass sie zwar 18 Jahre alt sei, aber den Geist einer Achtjährigen hat. Sie begeben sich nach oben, wo sie auf ein Bild verweist und von einer anderen Frau spricht, die Will vorhin gesehen haben will. Es handelt sich aber um das Bild von Lotte, welches als jenes von Leonore ausgegeben wird und von Dieter mit Vehemenz zurückgestellt wird. Lotte führt ihn zu einem geheimen Platz, wo sie eine Puppe ausgräbt, die sie auseinander rei?t. Diese Puppe hei?t genauso wie das Kind von Leonore, welches an der genau gleichen Stelle begraben ist. Dies sind alles Anzeichen, wie Gewissheiten untergraben werden. Was wir mit eigenen Augen sehen ist nicht die filmische Realität und selbst im diegetischen Kontext wimmeln die Aussagen von Widersprüchen oder sind jedenfalls keine Entgegnungen von Fragen. Lotte spricht gegenüber Will eine sexuelle Phantasie aus und wir wissen nicht, wem wir glauben können oder wollen. Jedenfalls wird Lotte dafür ausgepeitscht. Lotte macht Will schöne Augen, während Dieter Anne-Marie hinauslockt. Will trifft Leonore, die mit dem Finger an ihrem Körper entlangfährt und dann ihr Skelettbein offenbart. Für Will ist das weniger ein Schrecken, selbst wenn er es sich aneignet und später wieder abstö?t, um von Lotte als Knochenflöte gebraucht zu werden. Hier wird der Film wunderbar makaber. Mit dem Tod von Anne-Marie nimmt Leonore deren Platz ein, Will erhält eine junge, attraktive Frau, während er über den Tod Anne-Maries kaum eine Träne vergoss, was sich schon bei dem eher distanzierten Verhalten im Haus andeutete, wo er mehr Zeit mit Lotte verbringt. Am Ende, als Will selbst alt, sich nur mit Stock fortbewegend, nun mit dem Auto kommend, mit Leonore wieder einmal Chile besucht, scheinen jene im Haus selbst kaum gealtert. Sie begeben sich nach drau?en und treffen auf einen Reigen wei? gekleideter Frauen, worunter auch Anne-Marie ist, die Will sehr vermisst hat. Leonore nimmt deren Platz ein, macht den Tausch wieder rückgängig – alles findet in Schwarz-Wei? statt – und Will begibt sich mit Anne-Marie wieder zurück. Der Screen verdunkelt sich, beide tauschen nichtssagende Sätze aus und der Film hält eine zeitlang die Schwärze, bevor er ohne Abspann endet, ein Ende so ungewöhnlich wie der ganze Film.
Es gibt kurze surrealistische Einsprengsel wie Männer, die in der Ecke stehend ihre Hüte hochheben oder das Kind Angel, welches sich unter dem Bett versteckt und Engel sieht. Anderes ist nicht erklärbar. Lustig ist, dass der Doktor beim Essen einschläft (und dann anfängt, aus der Geschichte zu erzählen) und dass es Schweinefü?e gibt. Das Haus macht einen gedungenen Eindruck, die Aufnahmen der Landschaft setzen einen Kontrast. Das Flair einer vergangenen Zeit wird gut eingefangen. Die Kamera eilt der Kutsche voraus. Das Summen der Bienen begleitet in den Park. Die Gesichter sind gelb und rot, das Essen ist mit einem gelben Farbfilter unterlegt und generell dominiert gelb als Farbe. In Schwarz-Wei? gibt es Rückblenden oder Einblicke in ein anderes Leben, wo manchmal ein Hengst durchläuft, ein sexuelles Symbol.
Ruiz kehrt zumindest filmisch in sein Heimatland und zu einer früheren Zeit zurück, zeigt wie entfremdet die eigenen Wurzeln werden können, an denen der Zahn der Zeit nagt. Dies ist sowohl an Beziehungen wie an Gebäude geknüpft und wie in NH vermischen sich die Erinnerungen mit der Zeit und Personen überlappen sich. Ihm gelang ein schwermütiger Traum, der mit seinen gediegenen Aufnahmen und seinen einschmeichelnden Dialogen einlullt und uns in Verblüffung zurücklässt. Der obsessive Filmmacher Ruiz hat noch nichts von seiner Kraft eingebüsst.

Achim Hättich

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