Enter the Void

Noé, Gaspar

Frankreich/Deutschland/Italien 2008

Drama/Drogen; Stadt; Tod; Migration;

Oscar (Nathaniel Brown) und Linda (Paz de la Huerta) sind Geschwister, die nach einem tödlichen Autounfall ihrer Eltern einer nach dem anderen nach Tokio kommen. Oscar verdingt sich als Drogendealer, Linda arbeitet als Go-go-Girl, wo sie dessen Besitzer Mario (Masato Tanno) lieben lernt. Als Oscar Victor (Olly Alexander) Drogen bringen will, macht die Polizei eine Razzia und Oscar flüchtet in die Toilette, wo er hastig sich der Drogen zu entledigen versucht. Oscar reagiert genervt und auf die Aufforderung, die Türen zu öffnen reagiert er nicht und er wird von der Polizei erschossen, was diese in ein denkbar schlechtes Licht stellt..
Noé ist wie immer formell außergewöhnlich: ein Grossteil des Filmes wird mit Topshot gefilmt, eine Draufsicht auf Leute und Zimmer, wie ein diagnostischer Schnitt und ungewöhnlich, da nicht durch Fenster gefilmt. Dann fährt die Kamera die Fassaden rauf und runter, alles wird mit einem orangenen Filter überzogen. Manches ist undeutlich und unscharf. Unter Drogeneinfluss sieht Oscar Fraktale, die auch auf den Fernsehbildschirmen zu erkennen sind. Dazwischen werden diese immer wieder eingeschaltet, mitunter ist die Leinwand nur schwarz oder grau. Es flackert und blinkt, manchmal so stark, dass die Augen geschlossen werden müssen. Zuerst wird Oscar nur mit subjektiver Kamera gefilmt, er ist erstmals im Spiegel erkennbar. Es gibt Rückblenden zur Kindheit in verschiedenen Lebensaltern mit dem Motto „never ever separate“ (als sie zu Pflegeeltern kommen, tritt der unwahrscheinliche Fall ein), nicht chronologisch geordnet, wie der Film keine lineare Narration aufweist. Andere Szenen werden wiederholt, so die Anfangsszene aus einer anderen Perspektive und jene in der Toilette mit dem toten Oscar, nur dass diesmal statt der Polizei der Putzmann kommt. Danach wird er häufig von hinten gefilmt, von der subjektiven Ansicht zur objektiven, fast distanzierten wird gewechselt. Permanent bahnt sich die Kamera den Weg durch Öffnungen. Die Pre-Credits kommen fürchterlich schnell und am Ende wird auf den Nachspann verzichtet. Berüchtigste Szene ist jene innerhalb der Vagina, wo es zu einem wahren Cum Shot kommt. Das zweite subversive Element ist am Ende, wo das Kind geboren wird und dann nur als Text erscheint The Void. Manchmal springen die Szenen: Ein Flugzeug fliegt am Himmel, als sie auf dem Balkon stehen, am Ende sitzen die Eltern plötzlich im Flugzeug und die Mutter gibt Oscar die Brust.
Noé schneidet eine Reihe von Themen an, wie Abtreibung, Tod der Eltern, Geschwisterliebe, Drogenkonsum, Obdachlosigkeit, Homosexualität. Oscar fickt die Mutter von Victor, worüber Victor fürchterlich wütend ist und sich später bei Linda entschuldigt (wobei diese völlig ausflippt), aber als er es dem Vater erzählt, ist jener ungläubig und die Mutter verzweifelt. Auch hier werden Konflikte nicht ausgebadet, sondern gestreift. Gleiches gilt mit der Abtreibung, erst wird der positive Schwangerschaftstest fürchterlich lange herausgezogen mit dem offensichtlichen Ergebnis.  Den abgetriebenen Fötus nimmt Noé zum Anlass, um wieder hinabzutauchen, aber auch hier gibt er keine Erklärungen, so dass die Szene für jene ohne Abtreibungserfahrung strange erscheinen muss. Die Frauen distanzieren sich von Drogen (lassen sich zumindest zu leichteren verführen wie zu Ectasy), während sie schärfer sind auf Sex. Linda kommt mit einem Teddybär an  und sie gesteht einmal, dass sie Oscar im geistigen unterlegen ist. Andererseits riecht Oscar an ihrem Slip.  Tokio scheint nur aus AusländerInnen zu bestehen, Japaner erscheinen als Schemen, am ehesten noch als Kunden von Sexleistungen oder als Polizei. Es scheint so, dass Oscar von den Toten erweckt wird  oder als Untoter herumgeistert, aber so ganz klar wird das nicht. Als Linda sagt „This thing is not my brother“ kann sie auch die Urne mit der Asche meinen. Mit den gleichen Worten jedenfalls schüttet sie diese in den Ausguss, ein Ausdruck ziemlicher Verzweiflung.
Die Kommunikation ist gestört, niemand kann sich selbst sein. Selten sind die Dialoge (in Englisch) der Rede wert, sie sind oft auch undeutlich und vor allem Alex redet schwerer verständlich, was insgesamt zu diesem extrem fragmentierten Film passt. Zumindest erfahren wird, dass Linda alle Religionen ablehnt, aber Alex und Oscar beschäftigen sich mit dem Tibetanischen Totenbuch, was ihnen persönliche Genugtuung, aber keine tieferen Einsichten verschafft. Besser ist, als Oscar sagt „We stuck in this world for our betrayal“ und „Everybody who has a job is just a slave“, aber „It’s good to have a goal“.
Linda tanzt im „Sex Money Power“, was einen treffenderen Namen ist als das Love Hotel. Ekelhaft ist, wie Oscar das Klo ausputzt, um alle Spuren der Drogen zu verwischen. Alex (Cyril Roy) nimmt sich Essen aus dem Abfall. Während ein Schwenk durch die verschiedenen Zimmer des Love Hotels Personen bei der Verrichtung verschiedener sexueller Aktivitäten zeigen, blau unterlegt, und wenig wirklich erkennbar, geht es hier um zwei Arten von Schmutz, jener moralische und jener der Strasse. Meist herrscht Nacht und es handelt sich um die weniger schönen Quartiere von Tokio oder jene wo das Vergnügen herrscht. Zumindest gibt es Künstler wie Alex, der malt, aber das scheint ihn nicht über Wasser zu halten.
Der ganze Film ist durchzogen von einer Fremdheit, einer Welt völliger Künstlichkeit, weit ab von den Wurzeln, wo alle sich fremd sind und Menschen als Fremdkörper wahrgenommen werden. Es ist eine Hölle des Vergnügens, wo die Dinge durchgeführt werden und für die beiden Geschwister nach Tokio gehen, die eine falsche Befriedigung generieren. Noé schuf vielleicht die perfekte Synthese aus Form und Inhalt, aber dazu hätten 50 Minuten gereicht, da die Leere einfach Leere bleibt und fünfmal Leere nicht fünfmal mehr Leere ist. In der internationalen Koproduktion präsentiert er eine Welt, die zeigt, dass hier überall und nirgends ist, dass die Verfremdung weit fortgeschritten ist.
Noé zeigt wie gewohnt eine deprimierende Welt voller Verlorener, aber diesmal übertreibt er die technischen Spielereien, dass die Aussage völlig zerfasert und wir das Interesse an den Personen verlieren. Es sieht aus, als wenn der sonst so hervorragende Noé noch stärker als von Trier seine persönlichen Horrorvisionen exorziert oder zumindest seine ganz persönliche Vision wiedergibt. Der Film geht fast nie zu Ende (beim Cannes Film Festival dauerte er sogar 163 Minuten) und er ist eindeutig zu lange geraten, so dass wir zu müde sind, um eine Aussage zu destillieren.  

Achim Hättich

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