Emploi du temps, L'AuszeitCantet, LaurentFrankreich 2001Drama /Road; Familienkonflikt; Vincent (Aurélien Recoing) wurde entlassen und muss das nun vor der Familie, der Ehefrau Muriel (Karin Viard) sowie seinen Kindern dem Pubertierenden Julien (Nicolas Kalsch), Alice (Marie Cantet) und Félix (Félix Cantet), den eigenen Eltern Vater (Jean-Pierre Mangeot) und Mutter (Monique Mangeot) und Freunden wie Fred (Christophe Charles) dessen Kollgen Philippe (Didier Perez) oder Nono (Maxime Sassier) samt Ehefrau Jeanne (Elisabeth Joinet) geheim halten. Lediglich Freund und Arbeitskollege Jeffrey (Nigel Palmer) weiss davon. Vincent erfindet einem Job bei der UNO in Genf. Ansonsten pumpt er sich bei allen Geld, bei seinem Vater für das Appartement in Genf, bei den anderen für ein Unternehmen. Damit finanziert er den für die Position entsprechenden Schein, einen Range Rover oder 500 Franc für Julien für den Ausgang. Selbst lebt er bescheiden, ernährt sich von Fastfood und schläft im Auto. Bei einer Begegnung im Hotel lernt er den älteren Jean-Michel (Serge Livrozet) kennen, der ihn direkt durchschaut und für den Schmuggel von Waren zusammen mit Stan (Olivier Lejoubioux) anwirbt. Aber langfristig kann Vincent nicht der Wahrheit ausweichen. Cantet schuf einen Film, der von einem hohen Wirklichkeitsanspruch ausgeht, dass fast von einem Dokumentarfilm gesprochen werden kann. Er zeigt die verzweifelte Situation von Vincent, der sich eine Rolle aufbaute, die kein Entrinnen ermöglicht, weil die Umwelt ihm stark vorgibt, wie diese Rolle auszusehen hat. Julien sagt am Ende, es hätte sich nichts geändert und es hat sich nichts geändert. Und dennoch ist es der Gesichtsverlust, das Einstürzen von notdürftig aufgerichteten Fassaden, die das normale Funktionieren erfordern. Probleme werden so umgangen, niemand muss sich engagieren oder ändern. Für den Schein ist niemand verantwortlich und niemand kann dafür belangt werden. Vincent ist ein liebevoller Vater, sucht Körperkontakt und körperliche Zuneigung zu ihnen, obwohl er auch Strenge zeigen kann. Die körperliche Nähe ist stärker, wenn er Stress hat. Auch die Beziehung zu Muriel scheint gut zu sein, sie tauschen öfters Zärtlichkeiten aus oder lehnen sich aneinander. Sie küssen sich, ohne dass es zu Sex kommt, aber sie müssen schon viele Jahre zusammen sein nach dem Alter der Kinder zu urteilen. Er fragt viel nach, geht auf sie ein. Muriel wundert sich nicht, als er sie zur Hütte führt statt ins Appartement und sie gibt sich mit seiner Antwort zufrieden, die Neugier scheint sie nicht zu packen. Er hat es mit Muriel gut in der Hütte, aber als sie am anderen Tag im Nebel spazieren gehen, sucht er sie und als er sie findet, sagt sie, ob er denkt, er habe sie verloren. Sie ist selbstzufrieden und ein klein wenig naiv. Je länger es dauert, desto kritischer wird ihr Blick. Mit ihrer Stimmung geht es bergab, als sie mit Jeffrey telefoniert. Das überträgt sich auf die Kinder, wobei Julien ihn entscheidend konfrontiert und Vincent als Bastard bezeichnet. Anfangs boykottiert er den Vater, wie er sehr stark eigene Wege geht und Muriel muss nach oben, um ihn zum essen herunter zu holen. Als Vincent heimkommt, gibt er sich mit Felix und Alice ab, grüsst Muriel nicht. Julien wird die Autonomie eingeräumt, die Vincent gerne hätte. Vincent wird in einem Auto schlafend eingeführt, er kauft etwas in einem Laden und ruft von einem Kinderspielplatz aus Muriel an. Dann fährt parallel ein Zug, er beschleunigt, aber der Zug erweist sich letzthin als schneller, ausserdem muss er vor einer Schranke warten. Diese Parallelen beschreiben fast sein Leben, er muss warten und kommt nicht vom Fleck, andere sind schneller, er ist auf sich alleingestellt. Trotzdem macht er einen fröhlichen und zufriedenen Eindruck, was verwundert, denn selbst wenn er allein ist, spielt er sich was vor, was bedeutet, dass die Rolle für sein Selbstbewusstsein viel wert ist. Dennoch verhehlt er nicht, dass es ihm dreckig geht, allein liegt er häufig tief betrübt da und ist deprimiert, in sich gekehrt. Er schläft so viel wie er des Nachts unterwegs ist. Dies zeigt eine Erschöpfung. Einmal wird er von seinem Vater geweckt, damit er noch das Ende der Kinderbörse erlebt, wie er es Felix versprochen hat. Dort wird er auf seinen neuen Job angesprochen, was ihm vor allem deshalb peinlich ist, da dies ein virtueller ist. Vor lauter Druck der Anderen sagt er einen Termin für das Vorstellungsgespräch, worüber Muriel fürchterlich sauer ist, dass er es ihr nicht sagte. Sie rennt entsetzt nach draussen, er ihr nach und es geht um unterschiedliche Lebenskonzeptionen, sie schätzt eintönige Konstanz, er plädiert für Abwechslung. Darauf inszeniert er planmässig einen Auftritt in der Schweiz, wo er völlig cool und selbstsicher reagiert und mit erhobenem Kopf an den Büros vorbeispaziert, nachdem er sich einer Gruppe anschloss und obwohl als einziger einen hellen Mantel tragend nicht auffiel. Welche Energie steckt in dem Mann? Im Folgenden zitiert er für sich selbst aus diesen Berichten und schafft für ich die Illusion, im Arbeitsprozess zu sein, denn er braucht das nicht, um sich vorzustellen oder sich zu bewerben. Seine Beweggründe sind nicht offensichtlich, was seinem Vorgehen Spannung verleiht. Freilich kann er das Interesse der Anderen fesseln, es gibt positive Rückmeldung, wie vom Vater, der ihn gerne enthusiastisch sieht. Die Erfahrungen ohne das sind weniger erfreulich: er wird vom Hotelparkplatz weggeschickt, begegnet skurrilen Typen, hat seine Agenda leer, Jean-Pierre spricht ihn an, mit dem neuen Auto fährt er wie bekloppt durch eine Schlammgrube, gegen Ende fährt er ins Ungewisse und steigt aus, nur um dann ein Vorstellungsgespräch zu haben, wo der HR Direktor eine lange Rede über die Vorzüge der Stelle hält, ohne dass wir wissen, ob er den Job bekommt. Nono gibt er das Geld zurück, mit Fred hat er nichts mehr zu reden und Jeffrey versetzt er eine Ohrfeige. Gegenüner letzterem haben sie darüber geredet, was eine Freundschaft ausmacht: jeden tag zusammen essen gehen und selbst helfen und ein offenes Ohr für die Probleme des Anderen ist es für Vincent nicht, aber daraus spricht auch Verbitterung. Eine latente Homosexualität zwischen den Männern kann nicht ausgeschlossen werden. Vincent errichtet ein perfektes Lügengebäude, was so beängstigend wie erniedrigend wirkt und wo nur einer, dem es mal dreckig gegangen ist, die Widersprüche entdecken kann (Jean-Pierre hatte Skandale und war im Gefängnis, ist aber jetzt spendabel und nachsichtig, behält Recht, dass Vincent keine Optionen hat). Es ist die nachvollziehbare Belastung bei Arbeitslosigkeit, welche Mühe es kostet, den Schein aufrechtzuerhalten. Jean-Pierre gegenüber schüttert er sein Herz aus, sein Leidensdruck ist gross. Nono stellt für ihn eine Alternative dar, eine Frau, die sein Steckenpferd akzeptiert, er der in einem Hochhaus wohnt, mit Grollekopf und Wollpullovern herumläuft und dem Geld nichts bedeutet. Vincent fährt eines Abends hin und betrachtet wehmütig die Familie, womöglich seinen Traum reflektierend. Es gibt viele verglaste Wände, sie deuten Transparenz an, aber schaffen dennoch eine Grenze: wo die Judoka trainieren (inklusive Julien); bei der UNO; beim Arbeitsplatz von Jeffrey. Von draussen wird hineingeschaut, angedeutet wird, dass jene dahinter im Glashaus leben. Nono unterschreibt neben dreckigen Tellern und Zigaretten. Vincent hockt am Flussufer und zwei, die auf einem Grat oben stehenbleiben, wundern sich über ihn. Auf dem Rastplatz für Lastwagen lassen zwei im Führerhaus die Jalousie herab, als sie sich schlafen legen wollen. Cantet räumt solchen Szenen viel Platz ein. Sehr oft kommt es zur Verwendung von Close-Ups. Die Musik ist schwermütig in dieser Geschichte, die alles andere als ein Aufsteller ist. Schnee und Nebel dominieren, die Geschichte spielt um die Weihnachtszeit. Diskutiert wird der Sinn und Zweck von Entwicklungshilfe, was dem Film eine politische Dimension verleiht. Vom Thema her war Tokyo Sonata passend, in Details gibt es ähnliche Szenen oder Stimmungen in Alle Anderen oder Fanaa. LEDT beschreibt eindrücklich den Druck, der auf Familien liegt, wenn der Vater arbeitslos wird, was dies für das Selbstverständnis eines Mannes bedeutet. Die Flucht in die Phantasie kann dabei nur ein Irrweg sein. Jener erschütternde Film erschütterte immerhin die ZuschauerInnen in den USA, wo er fast eine halbe Million einspielte und in Frankreich, wo das Publikum 196’990 Personen betrug.
Achim Hättich |
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