Fri os fra det ondeDeliver Us from Evil Bornedal, OleDänemark/Schweden 2009 Thriller/Rassismus; Satire; Pastoral; Migration; Religion; falsche Beschuldigung; Rache; Johannes (Lasse Rimmer) ist ein erfolgreicher Anwalt und zieht mit Ehefrau Pernille (Lene Nystrøm), Sohn Frederick (Jakob Ottensten) und Tochter Viola (Fanne Bornedal) nach Westjütland – zwischen Oslo und dem Nirgendwo gelegen, wo die Strassen nur vorwärts und rückwärts führen und das Leben einfach ist -, wo sein Elternhaus steht. Dort wohnt bereits sein Bruder Lars (Jens Andersen), der Fernfahrer und von völlig anderem Naturell ist. Er kommt müde heim von einer Fahrt nach Rotterdam und hört plötzlich einen Knall. Als er aussteigt sieht er, dass Anna, der gute Engel des Dorfes, deren Herz aus Nächstenliebe viel zu gross ist, nun nicht mehr schlägt und sie tot auf der Strasse liegt. Lars versucht das zu vertuschen und es kommt ihm dabei gerade recht, dass der bosnische Flüchtling Alain (Bojan Navojec), der seine ganze Familie im Bosnienkrieg verlor, bei Johannes Gräben aushebt. Lars beauftragt diesen, den Lastwagen zurückzubringen zu Ingvar (Mogens Pedersen), dem Mann von Anna und ehemaligem Major, dem noch eine Kugel in der Brust steckt und der mit Leif Christensen (Kim Kold) einen Kleiderschrank als Bodyguard hat. Auf diesem Weg lässt sich die Schuld in Alains Schuhe schieben. Dummerweise erfährt Lars durch seine Saufkumpanen mit dem arbeitslosen Säufer Roald (Alexandre Willaume-Jantzen) an der Spitze, dass Lars Freundin Scarlett (Pernille Vallentin) gerade Tonser (Daniel Engstrup) bumst, weil sie sich betrunken und einsam fühlt (Tonser möchte jedoch gerne Vater der werdenden Mutter sein, übernimmt die Verantwortung, obwohl es nicht sein Kind ist, in einer Panikreaktion will Lars sie heiraten). Während allem feiert der Ort sein 500-jähriges Bestehen mit einer Kirmes. Im Festzelt kommt es zu einem Showdown, der vor Johannes Haus zu einem Pogrom auswächst, da Johannes Alain zu sich nahm und ihn nicht herausgeben will. Penille sieht das nicht ein und will fliehen. Es gelingt, aber sie wird von Roald und Co. vergewaltigt, bringt es jedoch fertig, mit einem Knüppel ihre Peiniger zu erschlagen und Roald mit dem Messer zu erstechen, wobei Alain ihr zur Hilfe eilt und mit dem Messer Kehlen schlitzt. Es kommt zu einer bemerkenswerten Wendung der Geschichte: es war Alain, den Anna trösten wollte, wobei er zu fest drückte und sie so aus dem Leben schied, ein Tod in Liebe, ein tragischer Unfall. Dies berichtet jedenfalls Alain, obwohl er anfangs eine Beteiligung am Unfall negierte, obwohl er lange schweigt. Aber es ist damit keine moralisch integere Person, entgegen unseren Erwartungen. Gerade wegen solcher Komplexitäten ist FOFDO ist ein genialer dänischer Film, der sehr einem Western gleicht. Speziell wird der Film eingerahmt von einem androgynen Mann, der wie ein Märchenonkel erzählt und von einem eher gewöhnlichen, wenig speziellen Ort ausgeht. Dieser wird natürlich zu einem Sinnbild der dänischen Gesellschaft. Der ganze Film ist in blassen, monochromatischen Farben gehalten, die nur sporadisch und plakativ von Farbe unterbrochen wird, die dann wiederum künstlich wirkt. Es ist wie aus einer vergangenen Zeit, obwohl aktuelle Probleme Dänemarks aufgegriffen werden. Markant ist jener schmale Streifen Strasse zwischen dem Meer, der als Übergang zwischen zwei Welten zählen kann. Der Ort erweckt den Eindruck, als würde den ganzen Tag nur gesoffen, ein Haufen von Nichtsnutzen. Was soll man sonst in dieser Gegend tun, ein Grenzland im doppelten Sinne? Doch diese Rollen werden mehrfach gebrochen, Gut und Böse sind auswechselbar und wechseln auch innerhalb der Personen, obwohl Ingvar schon von vorneherein verdächtig ist und keine Gelegenheit bekommt, sich zu bessern, nur Szenen, in dener er nicht ekelig sein darf: Ergreifend ist als Ingvar aufgrund des Handys ihre Leiche findet. Ingvar ist kein Mensch ohne Anna und kann ohne sie nicht leben. Brillant ist als er das Vater Unser spricht und dann zu einer Orgie der Gewalt bläst, eine scharfe Kritik an der Gewaltdurchdrungenheit der christlichen Kirche (er ist Lutheraner) und den Filmtitel herausstreichend, Mord im Namen Gottes. Seine Seele ist zerfressen von seinem Militarismus – die Kolonien zurück an Dänemark -. Lars ist im Gegensatz zu seinen Saufkumpanen (von denen Benny stottert) nachdenklich, er weint sogar und zeigt Mitleid, aber er traktiert Tonser mit dem Ghettoblaster. Von sich sagt er, dass er immer gute Gedanken im Kopf hat, aber dass diese als Mist aus seinem Mund kommen. Tatsächlich hat er ein gutes Herz, ist grosszügig und ein Lebemann. Von Lars heisst es, bei seiner Geburt wäre er von Gott vergessen worden oder Gott hätte seinen freien Tag gehabt. Das kann als Plädoyer für den Atheismus gelesen werden. Scheinheilig will er zuerst dem „fucking muslim“ Alain eine Chance geben, sein christliches Herz plädiert für Mitleid. Er wandelt sich ziemlich, bezichtigt sich der Tat, was Ingvar ignoriert, versucht der Gewalt ein Ende zu setzen. Sein Bruder nimmt den umgekehrten Weg, für ihn startet der Weg der Gewalt. Alain ist sehr fleissig, er gräbt für zehn und wehrt sich dagegen, bezahlt zu werden. Als Pernille ihn fragt, was mit seiner Familie passierte, gibt er keine Antwort, sie wird sich ihrer fehlenden Empathie bewusst. Als er den Truck fährt, muss er anhalten, er macht einen müden, schlaffen Eindruck, was auf sein schwieriges Leben hinweist. Er wird von den Sauffreunden als Nigger angefeuert, aber das entspricht einer Verhöhnung. Er wird zum trinken verführt und dort dann richtig bejubelt, sogar einen Haufen Frauen sammeln sich um ihn herum. Das schafft selbst wieder Eifersucht und Neid. Ingvar kommt mit Leif und sie kommen als wenn es um den Showdown geht. Für Ingvar ist die Meinung schnell gemacht: nur zwei können für den Tod verantwortlich sein, der eine scheidet aus (Lars), der andere ist es, weil er ein Anderer ist. Ingvar beschuldigt Alain direkt, schlägt ihn zusammen, zerreist das Foto von der Familie, was für Alain eine noch grössere Verletzung darstellt als die körperlichen Wunden. Alain setzt sich ein und nimmt Alain zu sich heim. Die anderen kommen zu seinem Hof und es sieht eher aus wie eine spezielle Attraktion des Festes, die Mädchen kommen mit und es wird ein Lagerfeuer gemacht. Einzig Ingvar ist todernst und er hält eine Brandrede, die aufpeitscht. Dass er sich total abkapselt belegt sein Handyverbot. Den Arzt erschiesst er und meint, dieser könne sich selbst helfen, ein abschätziger Zynismus. Lars erinnert ihn daran, dass bei allem gewisse Regeln zu beachten seien (dies eine Sache der Polizei sei), aber Ingvar entgegnet kaltblütig Nicht für Terroristen. Das bringt ein fatales Staatsverständnis zum Ausdruck und wenn es sich nicht um blutige Realität handeln würde, müssten wir hoffen, dass es nie zu solchen Ausfällen kommt. Währenddessen verteidigt Johannes sein Anwesen und merkt, dass die Gewalt ihm Spass macht, was Pernille Angst einjagt. Markant ist, als er mit einem grossen Messer Frederick gegenüber tritt, was diesen verwirrt. Selbst auf die Familie hat das Einfluss, aber hier geht Bornedal nicht so weit wie in A History of Violence. Pernille trennt scharf zwischen ihm und uns, und fragt, was ihre Familie damit zu tun hat. Beide Partner haben nicht die gleichen ethischen Werte, der Spalt zwischen beiden wird offenkundig. Johannes, der fast immer ausserhalb seiner Arbeitszeit zu sehen ist, ist manchmal zerfahren, wie nicht ganz bei der Sache. Das ist noch wenig folgenreich, als er ein Glas umstösst, aber zeigt grössere Diskrepanzen als er mit Penille Sex will und das Handy klingelt: sie will es klingeln lassen, aber er nimmt es ab, der typische Berufsmann. Mitunter übernehmen die Kinder das Kommando, auch mit ihrem Hang zum Vergnügen. Die Familie wird als Normalfall gezeigt, der einzige im Film, ein vermeintlich letzter Rückzugsort, um dessen Leitfiguren der Wind des Zweifels weht. Pernille spricht mit ihren Kindern darüber, dass das Grundproblem allen Übels Ungeliebtheit und Unglücklichsein sind, dass die Menschen Liebe brauchen. Die Kinder beziehen das auf Osama Bin Laden, wobei Pernille verneint, dass dieser geliebt wird, aber er braucht sicher auch Liebe. Hier wird die Verbindung zur Politik hergestellt und in einen interessanten Diskussionskontext gestellt. Es ist die Rede davon, ob man Gott hören kann, wenn er mit uns spricht, eine theologische Spitzfindigkeit. Angesichts des Gemetzels schweigt Gott. Die Polizei kommt äusserst schlecht weg: der jüngere Polizist Eskild soll die Füsse vom Tisch nehmen und seine Haare kämmen, was auf ein laschen Umgang hinweist. Tatsächlich haben sie die Arbeit nicht erfunden, lassen sich von einem fingierten Anruf in die Irre leiten, ohne dass sie es eilig haben und als sie am Brennpunkt ankommen, werden sie alsbald von Ingvar erschossen. Des Weiteren wird der Kontrast zwischen Stadt und Land und zwischen gebildet und ungebildet hervorgestrichen. Johannes ist nicht richtig integriert, obwohl er dort aufgewachsen ist. Die anderen nicht normkonformen weisen spezielle visuelle Merkmale auf. Ingvar hat eine dicke Brille und fettige Haare, Lars trägt einen Bart, Scarlett hat Striemen im Gesicht und lange blonde strähnige Haare. Pernille hat kurze Haare und Johannes ist ein unauffälliger Charakter. Von den Gesichtern gibt es viele Close-Ups, um in deren Psyche zu schauen. Auf der Küstenstrasse liegen etliche Zettel mit einem Kreuz darauf und von der toten Anna ist nur der Fuss zu sehen. Wir sehen diese nur, wie sie in den Kühlwagen gehievt wird. Der Birkenwald nebenan wirkt wie eine Beruhigung. Es gibt lustige Szenen, wie das Festnageln der Hand und das schwierige Lösen der Nägel darauf (die anderen lachen, als Johannes sagt, er hätte ein Nägelgewehr); das Johannes das Hochzeitsgeschenk Lampe verwendet, um es auf die Angreifer zu werfen, was Pernille unmöglich findet oder das Pinkeln unter dem Tisch im Festzelt. Bornedal zeichnet ein negatives Bild von Dänemark, wo nur Wilde zu wohnen scheinen, wo sich niemand der Gewalt entziehen kann (ein Jahr früher behandelte Frygtelig lykkelig in ähnlicher Westernmanier von einerm Ort, wo sich jeder um den eigen Kram kümmert und Fremde aufs schärftse zurückweist, selbst wenn sie Dänen sind). Ein weiterer Film aus der Reihe, das Titels und Filminhalt sich diametral widersprechen. Dieser müsste mit einem Fragezeichen versehen sein. Denn in der Gewalt finden alle Genugtuung, nicht im guten, dass in diesem Film nur als Fussnote erscheint. Und wie in Adams æbler wissen die Dänen, wie rechtsextreme Ansichten mit Humor anzugehen sind, selbst wenn dieses Mal sich nicht explizit auf Nazis bezogen wird.
Achim Hättich |
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