Frozen River

Frozen River

Hunt, Courtney

USA 2008


Drama/Migration; Kinder, Krimi; Rassismus; Downbeat;  Armut; Weihnachten;


Kurz vor Weihnachten macht sich Ray Eddy’s (Melissa Leo) spielsüchtiger Ehemann Troy auf und davon mit allem Geld und lässt nicht nur Ray, sondern auch seine beiden an ihm hängenden Kinder, den 15-Jährigen Troy J. 'T.J.' (Charlie McDermott) und den 5-Jährigen Ricky (James Reilly) im Stich. Da Troy sein Auto stehen ließ und wahrscheinlich mit dem Bus nach Atlanta City weiterfuhr, schnappt sich die Mohawk-Indianerin Lila Littlewolf (Misty Upham) das Auto, da sie von ihrem Stamm aus keines haben darf. Aber Ray merkt das rasch, fährt ihr nach und verlangt das Auto zurück. Da macht Lila ihr ein Angebot, sie kenne jemand, der ihr $ 2000  für das Auto zahle (vergleichbare Autos kosten sonst unter $ 1000), da es einen per Knopfdruck zu öffnenden Kofferraum hat. Denn Lila schmuggelt im Winter, wenn der Grenzfluss zugefroren ist, illegal Immigranten über die U.S.-Quebec Grenze, die außerhalb der bestehenden Gesetze liegt, da es Mohawk Territorium ist. Ray geht nach anfänglichen Widerständen auf diese Art ein, schnell zu Geld zu kommen. Für Ray wird es zu einer Art Sucht, aber auf die Dauer kann das nicht gut gehen.
Die ersten Sekunden geben bereits den Inhalt vor: die Eisfläche, am Himmel ziehende Vögel, Drahtzaun, die Grenze, ein Truck. Die Kamera fährt langsam an Ray hoch, von den schmutzigen Füssen aufwärts, sie rauchend, ihre Person wird so passend und in ihrer ganzen Erschütterung eingeführt. Im Weiteren entfaltet FR ein komplexes Geflecht an Beziehungen. Es gibt mehrere Grenzen: jene zwischen Staaten, jene zwischen Ethnien, dann die Naturgrenze, treffend beschrieben durch die Tagline: „Desperation knows no borders“. Jene physischen Grenzen erweisen sich trotz der Ungläubigkeit Rays als gut passierbar: “There’s a road, there’s a path” (nicht ganz nachvollziehbar ist, wie sie an einer Stelle einbricht, da es sehr viel kälter wurde, obwohl nicht ganz auszuschließen). Jenseits dieser Grenze ist ebenfalls Nowhereland. Wo der Schieber mit seinem angriffigen Hund (eine Metapher für das schmutzige Geschäft) wohnt, stehen auch nur Trailer herum und es ist zu fragen, wieso jene nicht schlecht Verdienenden sich nichts Besseres leisten können. Darüber hinaus befinden sie sich in einer anderen Nation (die eine liberalere Immigrationspolitik verfolgt) “that’s Canada, that’s Mohwak land”. Lila betet zynisch das Credo des Neoliberalismus: “free trade between nations”, Menschenhandel. Über allem stehen Weiße und Indianer, die mit alten Vorurteilen beiderseits zu kämpfen haben: Der Hinweis Lisas, die Polizei würde Weiße anders behandeln “They not gonna stop you, you’re white” lässt sich so nicht aufrechterhalten: das erste Mal wegen eines defekten Rückstrahlers (so wird das Ende vorbereitet, nachdem der Trooper bereits Kunde war), das zweite wegen ihrer Flucht. Aber weiß ist keine monolithische Farbe: es gibt auch white trash. Schließlich behandelt Ray Chinesen anders als Pakistani, obwohl die Pakistani eine Familie darstellen und zu den Chinesen Prostituierte gehören. Aber unter solchen Umständen ist die Moral sowieso korrumpiert. Implizit ist die Frage, ob es gerechtfertigt ist, dass in den Mohawkreservaten andere Gesetze herrschen, wo die eigentlich gar nicht anders sind, auch die Indianer tolerieren den Menschenhandel nicht. Denn als eine Zuspitzung der Dramatik erfolgt, jene Jagd in Kanada und zu Fuß durch den Wald, der von Nebel durchdrungen ist, flüchten sie zu den Indianern. Die störrische Lila wird aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, weil sie gegen deren Gesetze verstoßen hat, kann aber weiter nicht belangt werden, weil die Straftaten außerhalb des Reservats erfolgten. Sie gibt Ray in einem Akt der Generosität die Freiheit, selbst wenn das zu ihrem Nachteil wird. Ray  nimmt sich diese, kehrt aber zurück und stellt sich der Polizei. Es sind Szenen von hoher emotionaler Relevanz und hier zeigt sich Hunts Inszenierungsgeschick in der Ausbalancierung. Es sind Situationen, die echte und ethisch unabwägbare Probleme anpacken.     
Immerhin kümmert sich Bernie Littlewolf (John Canoe) um Lila, vermittelt ihr sogar einen Aushilfsjob, den sie anfangs ablehnt, weil sie mit dem Council Schwierigkeiten hat. Sie gibt nach, nimmt den Job an, aber da sie schlecht sieht, kann ihre Schrift niemand lesen und sie quittiert den Job, nachdem sie in der Bingohalle gefeuert wurde. Sie lässt sich nichts sagen, aber gibt schnell auf. Lila stiehlt das Auto, weil es dastand. Sie hat kein Unrechtsbewusstsein und bezieht sich darauf, dass die „weiße“ Polizei im Reservat nicht zuständig ist. Dies führt zu einer absurden Situation, bei Kriminalität muss man nur ins Reservat flüchten. Bei den Kanadiern scheint das leicht anders zu sein, weil deren Polizei sie auch ins Reservat verfolgt und dann informieren sie auch noch die Kollegen jenseits der Grenze, obwohl es ihnen doch recht sein müsste, wenn die Illegalen abgeschoben würden. Selbst die Szenen mit dem überkorrekten und sandtrockenen State Trooper (Michael O'Keefe) werden mit einer gewissen Sympathie gespielt, da dieser sich schlicht an die Tatsachen hält. Nichts ist so schlimm als wenn es sich durch Menschlichkeit nicht gut machen könnte. Jener wartet stets an einer Einfahrt und diese Szenen sind sehr authentisch und spannend gemacht, man fiebert praktisch mit, ob sie geschnappt werden und die Polizei wird dadurch als heimtückische Macht dargestellt.   
Gezeichnet sind die Menschen auf mehrfache Weise. Ray hat mehrere Tätowierungen am Körper, ihr Gesicht ist gezeichnet von Sorge und Gram. Da helfen auch die zahllosen Fläschchen Body Lotion nicht. Wie sich jeden Penny abzählen muss, zeigt, dass sie für $7.74 tankt. Aber Ray bedroht Lila mit der Pistole, bedroht unerschrocken Jacques Bruno (Mark Boone Junior) den Besitzer der Stripteasebar und feuert sogar auf ihn, der ihr dann einen Streifschuss verpasst. Lila hat ein Loch in ihrem Trailer und in einer bitterkalten Nacht beobachtet sie beim Haus ihrer Schwiegermutter ihr Kind, das Fastfood teilt sie mit dem Wachhund. Ray sagt sie immer “count it” und sie macht einen depressiven Eindruck. Ihr Mann starb auf eher mysteriöse Weise, dem Lila ziemlich gleichgültig gegenüber steht und ihr Kind wurde ihr darauf „gestohlen“, Menschen als Ware und Spielball.
Die Welt ist ungerecht und gnadenlos: Die Kollegin im Yankee One Dollar, wo Ray schafft, kommt immer zu spät, ist aber jünger und attraktiver, setzt dies bewusster ein, wie ihr entblößter Rücken zeigt. Das toleriert ihr Chef Mitch, aber Ray, die zwar nicht gerade pünktlich, aber früher da ist, wartet seit zwei Jahren nicht nur auf den Posten als stellvertretende Chefin, sondern bekommt auch keine Aufstockung ihres Pensums. Der Boss nützt ihre Lage rücksichtslos aus. Ebenfalls die Frau in der Bingohalle, die Ray keinen Blick hineinwerfen lässt, um Troy zu suchen. Jene, die den Fernseher abholen wollen, geben ihr drei Minuten. Einen Lieferanten muss sie vertrösten, dieser setzt ein Ultimatum, geschenkt wird hier niemandem was, eiskalte Geschäftspraktiken. Menschlichkeit, Großzügigkeit, Kulanz, Flexibilität sind Fremdworte.  
Da können die Beziehungen in der Familie kaum anders sein. T.J. soll nicht mit dem Lötkolben hantieren, ein Geschenk seines Vaters, was für ihn zusätzliche Bedeutung schafft, . aber Ray nur doppelt wütend macht. Als die Heizungsrohre einfrieren, versucht er diese aufzutauen, aber es entsteht ein Feuer, welches die ganze Hauswand anschwärzt und viel Rauch erzeugt. Es meint es gut, aber es kommt falsch heraus, was fast das Schicksal der Familie beschreibt. Ebenso will er mit einem Kollegen Geschäfte machen, wobei nicht klar ist, wo jener die Waren so schnell her hat und welche Geschäfte jener wirklich betreibt. So die HotWheels-Packung, die T.J. organisiert, damit Ricky wenigstens etwas unter dem Weihnachtsbaum findet (Ray kommt wegen dem Baby nicht rechtzeitig). Ricky hockt sonst viel vor dem Fernseher, aber T.J. kümmert sich rührend um ihn, ohne direkt viel mit ihm zu machen. Ray besteht darauf, dass er sich erstens um die Schule und zweitens um seinen Bruder kümmert. Beide Kinder fragen mehrmals nach dem Vater und verteidigen ihn, aber T.J. merkt nach einer heftigen Auseinandersetzung mit der Mutter, was der Vater der Familie angetan hat. Diese Figur, die im Film nicht vorkommt, wirkt umso stärker, je mehr diese Figur die Gefühle der Anderen polarisiert.
Erst nach dem schief gelaufenen Schmuggeln kommen sich beide Frauen näher, die sonst absolut pragmatisch vorgehen, um ihre jeweiligen Bedürfnisse zu stillen. Ihre Unterhaltungen sind knapp, weitgehend durch Befehle gesteuert, zuerst von Lila, später auch von Ray. Das Recht wird notfalls gewaltsam durchgedrückt. Aber unter der eisigen Oberfläche spüren wir deren Gefühle. Lia ist jene, die anfangs selbstsicher, offensiv und bestimmt agiert, Ray hat Einwände und ist verängstigt und passiv. Dies dreht sich um im Verlauf der Geschichte. Der Druck auf Ray wird größer, jetzt in der Situation ohne den Ehemann.
Das Unglück entpuppt sich als Kette und verschlimmert sich stufenweise: zuerst die Sache mit den Pakistanis, denen Ray überhaupt nicht traut, denn die könnten in ihrer Tasche eine Bombe haben, "might contain poison gas, and I don't want to be responsible for that.", was im Übrigen den Rassismus von Ray zeigt. Entsprechend setzt sie die Tasche aus und erfährt später, dass ein Baby darin ist. Man kann fast so etwas erwarten. Trotzdem wird es gut inszeniert, denn als sie zurückfahren, finden sie das Kind leblos vor. Für Ray ist ihm zu kalt – der Wetterdienst meldete Minusrekorde von unter -20 Grad -, für Lila ist es tot. Tatsächlich belebt Wärme das Kind, aber als sie es den Eltern zurückgeben wollen, ist es wieder leblos. Was mit dem Kind wirklich passiert ist, bleibt ungeklärt, die beiden Frauen treibt es auseinander: für Lila ist es ein ziemliches Problem und eine Belastung, Ray ist da abgestumpfter. Dann muss Ray an Heiligabend schnell noch Geld für ein Geschenk haben, Lila will nicht mitkommen, aber auch sie findet genügend Löcher im Geldstrumpf, dass sie einsteigt. Jener mit dem Hund hat wegen Weihnachten keine Illegale, gibt ihnen aber eine Adresse in Montreal, was sie außerhalb des Reservats und damit in Gefahr bringt. Dort gibt es schmierige Typen: Jacques, der nur die Hälfte zahlt, aber von Ray gezwungen und eingeschüchtert wird, den vollen Betrag hinzublättern. Sie müssen in einer Hektik fliehen, es geht um Prostitution und kaum sind sie weg, kommt die Polizei. Vielleicht ist das alles etwas zu viel des Unbills, aber es dient in FR nur zur Illustration eines Sachverhaltes und der Gefährlichkeit des Unternehmens in jeglicher Hinsicht.      
Ohne zu werten tun alle ihre Pflicht und was heißt da schon legal oder illegal? Schließlich müssen die illegalen Immigranten, selbst wenn sie 40000-50000 $ zahlen, ihren Traum leben  und was sind wir nicht nur bereit für unsere Träume zu zahlen, selbst wenn sie Schäume bleiben? Geld und Arbeit sind letztendlich nichts anderes als fiktive Maßstäbe. Es gilt immer ein Abwägen der Vor- und Nachteile. Ray kämpft dafür, Popcorn und Tang durch ein besseres und abwechslungsreicheres Mahl zu ersetzen, Geschenke für ihre Kinder zu erstehen oder ein richtiges, sauberes, funktionierendes Haus zu haben. Es sind die kleinen Träume und sie wird nur aus Not und durch die Nötigung Lilas kriminell. Den Kindern verschweigt sie dies und lügt T.J. an (sowie den State Trooper), der sich über den plötzlichen Geldsegen wundert, aber wer davon profitiert, fragt nicht ein zweites Mal nach. Ray schliddert in die Kriminalität und dafür ist das Eis beste Metapher. Am Ende gibt es ein klein wenig Hoffnung: Ray muss keine große Strafe erwarten, Lila zieht zu Ray und für Ricky ist Lilas Kleiner keine Konkurrenz. Die Sonne scheint und die Kinder hocken auf dem Karussell und wie dieses dreht sich das Leben weiter.  
Immer wieder bringt Hunt Details ins Bild, die sanft ironisieren wie eine amerikanische Fahne, das Schild “thank you for visiting mohawk country”, beim Motel “Sorry, no vacancy”, aber die Geschmuggelten finden Einlass. Die Fahrten über das Eis lassen es einem kalt über den Rücken laufen. Vor allem dann noch in der Nacht und bei Sturm, selbst jene Mauern aus Eis neben der Straße. Der Ort ist kaum ansprechend, aber es geht noch schlimmer: Die Stripteasebar ist auch in einem Trailer, sieht ziemlich leer aus und wirft ein trübes Licht. Es fragt sich, ob Lilas Trailer am verschneiten Waldrand nicht trostloser ist. Hinter der Grenze liegen viele alte Reifen herum, die Gegend ist dreckig, es wimmelt von verrosteten Gegenständen.
FR ist weder ein Thriller noch ein kitschiges Sozialdrama, sondern ein wunderbarer naturalistischer Film über den Überlebenskampf und daher zu Recht Gewinner des Grand Jury Prize Sundance 2008. Hier wird kompromisslos offenbart, wie hart und schonungslos der Kampf um ein halbwegs menschenwürdiges Leben jener am Rand der Gesellschaft ist, wie trostlos ein Leben unter diesen Umständen ist. Hunt zeigt dies so, dass wir mit den Personen mitfiebern, ohne in Sentimentalität zu verfallen und allzu sehr in Betrübnis abzugleiten. Die illegalen ImmigrantInnen sind auch hier nur Spielball und Randerscheinungen. Gezeigt wird, was hinter der Migration steckt, wie es das Leben der Handlanger beeinflusst, ohne dass die Strippenzieher bekannt sind. Einziger Mangel des Filmes ist, dass es manchmal zu sehr kommt, wie es kommen muss, aber eine Alternative zur Entwicklung der Geschichte ist schwer zu finden. Und eine kleine Prise Gesellschaftskritik hätte noch mehr Würze gegeben.


Achim Hättich

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