Sabah

Sabah - Eine Liebesgeschichte

Nadda, Ruba

Kanada 2005

Romanze/Komödie; Migration; Religion; Familienkonflikt;

Die 40-Jährige Muslimin Sabah (die mit dem Produzenten des Films Atom Egoyan verheiratete Arsinée Khanjian) lebt nach dem Tode ihres Vaters mit ihrer Mutter Um Mouhammed (Setta Keshishian) in Toronto, wo sie die Verantwortung übernommen hat, während ihr Bruder Majid (Jeff Seymour), verheiratet mit Amal (Kathryn Winslow), das Finanzielle regelt und die Familie zusammenhält, zu der auch noch die 18-Jährige Souhaire (Fadia Nadda) sowie Shaheera (Roula Said) zählt. Doch dann geschieht für die eher traditionelle, aus Syrien stammende Familie das Undenkbare: Sabah verliebt sich Hals über Kopf in den Schreiner Stephen (Shawn Doyle), der anfänglich Mühe hat mit ihrem ständigen Anderssein wie kein Schweinefleisch, kein Alkohol und das ständige Trage des Kopftuchs. Ihre Liebe steht nicht unter einem günstigen Stern, denn sie kann Stephen nicht ihrer Familie vorstellen, während er darauf dringt, ihre Mutter kennenzulernen.
Jenes Feelgoodmovie ist aus dem Holz geschnitzt, aus dem Hollywood Märchen macht. Aber zur Abwechslung tut es uns gut, wenn wir sehen, wie menschliche Beziehungen über Kulturen hinweg entstehen und sich etablieren. Dabei sind die Voraussetzungen eher unwahrscheinlich, dass daraus was wird: Sabah muss ich extrem überwinden, überhaupt in ein Schwimmbad zu gehen, zuerst sitzt sie zaudernd auf der Bank vor dem Schwimmbad, dann beim Umziehen vor dem Spiegel geniert sie sich massiv und tappt dann fast schuldbewusst zum Becken. Hier zeigt sich, welche Mühe für uns Selbstverständliches für eine andere Kultur macht (aber so lange sind diese Zeiten bei uns noch nicht vorbei). Bei ihrem ersten Auftritt läuft ihr Stephen bereits über den Weg und er feuert sein Handtuch in die Ecke. Beim nächsten Mal legt er seines neben ihr sorgfältig gefaltetes und nimmt ihres, ein heikler Vorgang, da mit Hygiene verbunden (obzwar „It´s clean“). Er bietet ihr seines an und bringt ihr das nächste Mal ein rotes mit und lädt sie zu einem Essen ein als Kompensation, auch nachdem sie eher unbewusst in ihn prallte. Trotzdem ist zu fragen, warum dieser blauäugige, smarte, gut aussehende Mann sich auf diese schüchterne und verlegene graue Maus einlässt. Abgesehen davon, dass es im Schwimmbad kaum Betrieb gibt und Stephen für die zwei geschwommenen Bahnen sich das Umkleiden sparen könnte. Nehmen wir einmal an, es handle sich um eine göttliche Fügung. Stephen sagt, ablenkend von ihr als Person „I love your name, it´s beautiful“. Sie merken gewisse Gemeinsamkeiten: Sabahs Vater war Antiquitätenhändler und hatte mit Möbeln zu tun, Stephen ist mit drei Schwestern aufgewachsen. Er erzählt ihr, dass er vor drei Jahren geschieden wurde – sieht dabei seine Verantwortung „I did my part“ -, was sie verwirrt und ihm unangenehm ist. Trotzdem finden sie schnell eine persönlichere Ebene, wie es Stephen ist, der von Anfang an auf Transparenz setzt. Ebenfalls setzt schnell die Eifersucht ein, denn er setzt sie bei ihrer Wohnung ab, wo er nicht mit hoch darf, und sie bald darauf ein Taxi ruft, womit sie abzischt. Er lädt sie zu einem Konzert ein, wo eine Frau „Plaisier d´amour“ singt und Stephen ganz verliebt auf sie blickt, ihre Hand ergreift. Küsse verweigert sie ihm (außer dem traditionellen auf beide Backen), aber sie lockert sich auf: während sie mit sehr biederen, fast grauen Kleidern eingeführt wird, richtig zugeknöpft, wird ihre Kleidung luftiger und freizügiger, auch ihre Haare trägt sie offener. Sie ist in einem permanenten Wechselbad der Gefühle, findet nur bei Souhaire Verständnis, die in einer ähnlichen Lage ist, die erregt kommentiert „You´re dealing a foreigner“. Sabah geht zu Stephen nach einer familiären Auseinandersetzung und lockert ihr Kopftuch, gibt den Haaren ihre Pracht, danach tanzt sie vor ihm aufreizend, worauf sich beide intensiv küssen und nackt im Bett landen. Unklar ist, warum Stephen so auf einem Besuch bei der Mutter plädiert. Trotz der Frage, ob es wirklich zwischen ihnen funktionieren kann, hält er unbeirrt an ihr fest, wobei beide manchmal ein teenagerhaftes Verhalten an den Tag legen (z.B. Basketball, den sie auffallend schnell beherrscht). Stephen ist gutmütig und spendabel, ganz der alte Kavalier. Ihrem Vorwurf, er sei Christ, beantwortet er mit „I don´t believe in God“, allerdings stellt er Kreuze für die Kirche her, aber in der Not frisst der Teufel Fliegen. Für sie ergibt sich die Verführung durch die andere Kultur, was jedoch alles mit Annehmlichkeiten verbunden ist.  
Sabah erlebt Loyalitätskonflikte zwischen Stephen und ihrer Familie, die ihr jetziges Zuhause ist. Da kommt manches zusammen: es ist die Sorge um die lebens- und konsumlustige Mutter, die Gesundheitsprobleme hat (aber sich fast schon in satirischer Weise mit Junkfood voll stopft), das generelle Zusammenhalten der Familie und die kulturell-religiösen Unterschiede. Die Mutter ist sensibel, weiß das ihre Tochter anders ist „You´re different“, sieht auch die Veränderungen „You´re not yourself today“, interpretiert aber richtig falsch „I see marriage in the future“. Permanent ruft sie Sabah an, während Sabah sich nach ihrer ersten Nacht zum Entsetzen Stephens bei ihrer Mutter meldet. Andererseits findet die Mutter es nicht nötig, sich zu melden, starrt nur in die Glotze, als Sabah gegen seinen Widerstand zu ihr sorgenvoll heimeilt. Im Gegensatz steht ihr Bruder, obwohl am besten in die kanadische Kultur integriert – er fährt einen Porsche -, der sie anschnauzt „You stay here, you´re useless“, kritisiert sie für die Sommerjacke, sie hätte ja schon eine und die Ausgaben für Souhaires Graduierungsgeschenk, schlichtweg gesteht er ihr keinerlei Autonomie zu. Das wirkt sich selbst auf Amal aus, eine nichtarabische, aber muslimische Arbeitskollegin, die ihn dafür kritisiert, dass er sie mit Juwelen behängt, sich aber nicht um sie, sondern nur um seine Familie kümmert. Amal sucht sich darauf Alternativen, eine Begegnung mit ihrem Aerobiclehrer kritisiert Sabah allerdings scharf. Bei Souhaire stellt sich die gleiche Frage, denn sie soll mit dem progressiven Mustafa (David Alpay) liiert werden, was sie ablehnt, da sie dadurch keine Wahl hat. Als jener vorspricht mit einer Miene wie Frankensteins Monster spielt Souhaire ihm eine Komödie vor als ultraorthodoxe Muslimin (bereits am Anfang praktiziert sie den Islam, sie im Bildvordergrund, der Rest hinten), was jenen sehr aufgeschlossenen abschreckt. Später treffen sich beide in der Disco, was ihn voll erstaunt, auch wegen ihres aufreizenden Outfits (welches sie daheim nach dessen Abgang provozierend präsentierte).  Bereits anfangs diskutieren sie den Unterschied zwischen Heirat und Liebe, jenen zwischen einem aufgezwungenen und einem selbst gewählten Partner, eine immer noch aktuelle Frage im Islam.
Als sie von der außer Haus verbrachten Nacht heimkommt, hocken alle zusammen angespannt auf dem Sofa, die Kamera blickt auf deren Schuhe. Sabah gesteht die Lüge ein, was Majid in Rage versetzt und selbst die Mutter hinterfragt „He´s not muslim“, was sie beantwortet mit „He´s a good man“, womit sie auf die genuine Psychologie hinweist und nicht auf ein soziales Etikett. Majid schließt sie trotzdem aus der Familie aus, Souhaire gleich mit. Eigentlich unvorstellbar, dass biologische Bande sich so leicht lösen, trotz schwer abschätzbarer Folgen für alle. Entsprechend fällt das Wort Opfer, Sabah, die immer daheim bleiben musste oder Majid, der das bankrotte Familienunternehmen auf Vordermann brachte und dabei die Familie finanziell über Wasser hält (was er der Familie verschwieg). Er ist sich bewusst, dass die Familie nach dem Tod des Vaters traditioneller wurde, wie die Mutter sagt, aber Majid plädiert für die Aufrechterhaltung der eigenen Kultur. Dies belegt zwei gleiche Reaktionen auf unterschiedlichen Stress: den Tod eines nahen Familienangehörigen und die Immigration, wo beides auf die Rückbesinnung altbekannter Verhaltenmuster hinweist. Aber jene lässt sich auch brechen: Sabah geht von einer falschen Annahme aus, dass ihre Mutter negativ gegenüber Nichtgläubigen eingestellt ist, denn auch hier ist der persönliche Kontakt das Entscheidende, sie trinkt Tee bei Stephen und fragt „Do you really love her?“, was er affirmativ beantwortet (eine ähnliche Szene gibt es in Gegen die Wand). Schließlich sind ihr letztlich alle Mittel recht, damit ihre Familie glücklich ist – und sie zu ihren Enkeln kommt.  
Das Ende ist zu sehr aufgesetzt, selbst wenn man davon ausgeht, dass es auch positive Fälle gibt, aber dass alle drei Männer zu ihrer Eroberung kommen und selbst Majid in alles einstimmt, ist dann doch zu unrealistisch. Da hätte Differenzierung Not getan. Sie will mit dem Bus fahren, dieser taucht vor ihr auf und sie bleibt stehen. Dass sie eine Straße entlang geht, führt sie ein wie es den Film beschließt. Anfänglich wird die Vorbereitung des Essens gezeigt, was auf ihre traditionelle Rolle verweist, freilich deckt Majid den Tisch. Die Musik ist eine gute Mischung aus traditioneller arabischer Musik und westlicher, wobei z.B. ihre Schwimmbadversuche von einer traurigen Musik begleitet werden. S gibt einen guten Einblick in die islamische Kultur, selbst wenn es für uns nicht nachvollziehbar ist und ist sicher manchmal etwas zu easy going, aber auch solche Filme haben ihre Berechtigung.

Achim Hättich

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