Frontier BluesJalali, BabakIran/Großbritannien/Italien 2009Drama/Unerfüllte Liebe; Road; Fauna; Surrealismus; Im nördlichen Iran um Gorgan leben Turkmenen, Iraner und Kasachen. Dorthin hat es einen iranischen Photograph verschlagen, der den 55-Jährigen Minstrel und vier Kinder an verschiedenen Orten knipsen will. Dazu versucht Kazem in seinem Kleiderladen verzweifelt, etwas zu verkaufen, während sein 28-Jähriger Neffe Hassan am liebsten nichts machen wollte, weil er den ganzen Tag etwas zu tun hätte und wenn es nur sein Esel ist, den er herumführt. Schließlich landet Hassan in der Hühnerfarm, wo ebenfalls der 28-Jährige aus der Türkei stammende Alam arbeitet, der sich für Ana interessiert, die er nur vom Sehen her kennt. FB ist ein Film des fast totalen Scheiterns, einzig Hassan, der die Rolle eines Dorftrottels einnimmt, gewinnt etwas weil er nichts wollte. Minstrel ist entrüstet über das Postur stehen, schickt auch die Kinder weg, weil ihm nicht immer gefolgt werden soll, sieht dann aber wenigstens den grünen Mercedes, den er lange suchte, aber der foutiert sich um das Anhalten. Ein bisschen Ehre ist ihm geblieben, schließlich könne er nicht überall Musikmachen, schon gar nicht im Rücksitz des Autos. Alam hat keinen Erfolg mit seiner Werbung bei Ana, selbst bei ihrem Vater und zwar verspricht er Ana nicht nur die Reise nach Baku, sondern auch, dass er sie auf den Mond mitnehmen würde, aber diese, die kein Wort spricht, lässt das kalt. Alam zögert beim Anblicken und Ana schlägt die Augen nieder. Alam fährt immer zum Haus von Ana, zuerst schaut er aus der Ferne, sie steht vor dem Haus, beim zweiten Mal geht sie ins Haus hinein, er geht zum Haus und hält seinen Kopf gegen die Mauer. Ana ist die einzige Frau im Film und sie hat nur einen kurzen Auftritt. Woher Alam käme und was er besitze, wird er gefragt und dann ist es gelaufen, die Mitgift kann nicht die Distanz überwinden. Kazem verkauft zwar Alam einen Anzug, aber davon wird er auch nicht satt. Es ist ein Leben, wo selbst die Ambitionen gestorben sind, ein Leben voller Eintönigkeit und Tristesse. Kazem kann Hassan eine kleben und Hassan dann versöhnend seinen Arm um ihn legen, was doch für eine gewisse Friedlichkeit spricht. Gleichfalls, dass Hassan zuerst für das Spielen eines fremden Liedes im Auto mitgenommen wird, dann später auch ohne dieses, während sein Chef zweimal den Kassettenrekorder bei der Arbeit abstellt. Aber dass er Hassan anstellt, und dies sogar verteidigt, ist ein Zeichen der Humanität. Die Fotosessions mit dem Kreuzen der Arme der Kinder sind nicht nur lustig, sondern drücken ebenso einen gewissen Trotz aus: hier kommt einer aus der Hauptstadt und will jenen vorschreiben, wie und was sie zu tun haben, wie die Kultur der Turkmenen auszusehen hat, einschließlich des Tragens der Pelzmütze oder dem Postieren auf einem Pferd. Man kann so weit gehen wie man will, überall gibt es die gleichen Probleme im Zusammenleben: Zu Filmbeginn erzählt Hassan, dass sein Vater bei seiner Geburt abgehauen ist, die Mutter wäre daraufhin mit seinem Bruder nach Paris gegangen, wofür der Bruder ihn hassen würde. Minstrels Geschichte ist komplizierter: ihm wurde die Frau entführt vom Fahrer des Mercedes, aber er ist froh darum und sucht sie trotzdem, denn die Steppen würden nichts verlieren. Trotzdem vermisst er sie nicht im Gegensatz zu anderen Dingen. Immerhin ist Alam der einzige, der auszubrechen wagt aus der Einöde – sogar das Boot des Vaters stehlen will -, dafür fleißig Englisch lernt, um nach Baku zu kommen, wo alle Englisch sprechen und es genug Arbeit gibt. Alam hat eine grenzenüberwindende Vision, die zudem mit sozialen Normen bricht. Der Wusch wegzukommen wird untermauert. Da kann Minstrel behaupten, Turkmenistan sei ein Land, das alles habe, aber selbst er erwähnt die unerfüllten Versprechungen, eine latente politische Botschaft. Dann kommen weitere Unzulänglichkeiten: Hühner sterben wegen Überfütterung, vor der Bäckerei gibt es lange Schlangen. Hassan hat ein französisches Lied auf seinem Kassettenrekorder, im Fernsehen läuft ein Animationsfilm mit einem Huhn. Als erste Einstellung sehen wir Hassan, wie er auf einem Schrottplatz nebst einem Stapel von Reifen ein Nummernschild von einem Auto abmontiert, wovon er bald darauf eine ganze Reihe zeigt. Hier wird die westliche Kultur zu Grabe getragen, das einzig Individuelle ist das Nummernschild. Dann geht er auf Bahngleisen mit dem Esel, die Technik steht zurück und lässt sich für das Archaische nutzen. Weitere surreale Elemente gibt es mit dem Esel, der Zeitungen frisst und dem Hochzeitsringen, das zwei Brüder mit Perücken begehen, die zwar normalerweise nicht zusammen ringen, aber es wäre jetzt auch keine Hochzeit. Als die zwei Männer Hassan fragen, wo hin er wolle und dieser das nicht weiß, sagen sie „Steig ein, wir bringen dich hin“, denn nirgendwo ist überall. Mit einem Händler feilscht Kazem, was er in seinen Laden nehmen will. Für ein Kind sind zwei Pullis beide zu groß, was offensichtlich ist. Kazem ist fast ungehalten und lässt die Leute selbst anprobieren, bis auf Alam. Er steht frustriert und deprimiert darum, sein Neffe erkennt die Misere. Kazem faltet Pullis und wirft sie dann verärgert zu Boden. Es ist ein feineres Geschäft und nie sehen wir wie groß der Ort ist. Es werden nur die einzelnen Gebäude und dann die Weite der Landschaft eingefangen mit zum Teil grandiosen Bildern wie die zwei Fischer in ihrem Boot auf dem See oder die endlose Steppe kontrastiert mit dem grenzenlosen Himmel. Gedreht wurde mit Laienschauspielern (Abolfazl Karimi, Mahmoud Kalteh, Khajeh Araz Dordi, Behzad Shahrivari, Karima Adebibe, George Hashemzadeh, Hossein Shams) aus der Gegend, die weitgehend Farsi reden, das Turkmenische wird speziell eingefordert und zeigt damit den schwierigen Stand, den diese Minorität haben könnte. Grenzregionen können besonderer Spannungen ausgesetzt sein, können aber auch zu einer speziellen Verständigung durch den engeren Kontakt führen. Das prinzipielle Zusammenleben scheint zu funktionieren, ohne dass tiefere Kontakte möglich scheinen. Der Film ist sehr meditativ, hat sehr lange Einstellungen, zeigt die Bilder und lässt sie als solche stehen, es sei denn, er wiederholt sie (z.B. Ventilatoren), erklärt weder noch präzisiert er. Wie der plotlose Film bedeutet es ein Leben ohne Abweichung. Es wird wenig gesprochen, Blicke sprechen für sich, sie handeln von Sehnsucht für die Weite des Landes, aber wohl ebenso darüber hinaus. Die Menschen wirken wie verloren und es sieht so aus, als wäre es ihre Zukunft ebenfalls. Sie warten auf etwas, für dass diese Gegend nicht geeignet erscheint.
Achim Hättich |
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