XXY

XXY

Puenzo, Lucía

Argentinien/Frankreich/Spanien 2007

Drama/Kinder; Familienkonflikt; Romanze; Fauna; Geschlechtsrollen; Psychologie; Medizin; Ausgrenzung;

Die 15-Jährige mit dem adrenogenitalen Syndrom versehene Alex (gespielt von der neun Jahre älteren Inés Efron) ist mit ihren Eltern, dem Biologen Kraken (Ricardo Darín) und ihrer Mutter Suli (Valeria Bertuccelli) von Argentinien nach Uruguay gezogen, um den wegen ihrer Intersexualität unangenehmen Fragen auszuweichen. Dort werden sie besucht von der Familie des Chirurgen Ramiro (Germán Palacios) mit Frau Erika (Carolina Pelleritti) und Sohn Alvaro (Martín Piroyansky). Was jene sollen, außer zusammen die Zeit zu verbringen, wagt kaum jemand zu verbalisieren, denn alle drücken sich um eine Entscheidung. Währenddessen testen die beiden Kinder Liebe und Sex, nachdem Alex ihrem Freund Vando (Luciano Nóbile) eine blutige Nase schlug, deswegen aus der Schule verwiesen wird, aber später dann sehr auf Vando angewiesen sein wird.
Puenzos Film, entstanden nach der Kurzgeschichte "Cinismo" von Sergio Bizzio zeichnet ein behutsames und sensibles Porträt eines Mädchens zwischen den Welten. Die Gesellschaft hat bereits genügend Probleme mit zwei Geschlechtern, was soll dann ein drittes, welches sogar zwischen beiden steht? Angesprochen wird die Sprachlosigkeit aller Beteiligter in solchen Situationen, wo wiederum die Schau- und Zeigespiele zwischen Alex und Alvaro das ehrlichste im ganzen Film sind (einem jüngeren Mädchen erzählt Alex von ihren sexuellen Abenteuern). Kraken kann mit Alex nicht darüber reden, Suli will es eher, aber schafft es ebenfalls nicht. Zwischen beiden Familien findet kein Austausch über das Thema statt. Ramiro will am letzten Tag, tut es dann aber doch nicht. Stattdessen hat er eine Aussprache mit Alvaro, wo er diesen auf Nachfrage als weder besonders nett noch schlau bezeichnet, was mit der Unausweichlichkeit dessen für die Zukunft Alvaro zu der Meinung verleitet, sein Vater sei gleichgültig (in der Sache liegt der Vater nicht falsch). Gleichzeitig freut sich Ramiro, dass Alvaro sich gut mit Alex versteht und ist erleichtert, dass Alvaro nicht wie befürchtet schwul ist. Damit zeigt Ramiro, dass er weder seinen Sohn noch Alex versteht. Er ist nämlich vornehmlich Chirurg für Schönheitsoperationen, so auch für Nasen (s. Vando), der Missbildungen wie den elften Finger wegmacht, also für medizinisch nicht notwendiges. Ganz anders Kraken, der wegzog, um bestimmte Menschen zu vermeiden. Er kocht vor Aggressivität, weiß sich jedoch beim Fischerhafen nicht richtig zu wehren und entschuldigen mag er sich auch nicht. Statt mit Alex zu reden, redet er lieber mit dem fremden Tankwart. Die Mutter hat Angst vor der Entdeckung, spricht zumindest Ramiro kurz an, kann es dann kaum ertragen. Immerhin entschlossen sie sich bei der Geburt gegen den irreversiblen Schritt einer Operation, die einer Kastration gleichkommt.
Alex sucht Konstanz, den gleichen Ort, die gleiche Schule, die gleichen Freunde. Mit ihrem Zustand geht sie kokett um, zum einen, stolz etwas Besonderes zu sein, zum anderen erzürnt über die respektlosen Reaktionen der Anderen. Sie weiß nicht, zu welchem Geschlecht sie sich hingezogen fühlt, ist einerseits klar auf Jungen bezogen, tut andererseits aber alles, um ein Mann zu werden (sie setzt die Kortikoide ab). Ihr Verhalten ist als androgyn zu bezeichnen. Bemerkenswert ist, dass sie zwischen zwei Jungen schwankt, wobei Vando die maskuline, Alvaro die feminine Komponente darstellt: Vando rettet sie vor den Vergewaltigern und spendet der Schwerverletzten danach Trost (den sie zuerst ablehnt). Dass sie Vando liebt, sieht man ihr an und sie geht auch mit ihm weg und lässt Alvaro zurück am Lagerfeuer. Später wendet sie sich Alvaro zu, sie merken, dass sie beide das gleiche wollen, wenn auch was anderes. Bei der Fähre gesteht Alex, dass sie in Alvaro verliebt ist, was dieser seinerseits bestätigt, dies aber nicht akzeptiert, da sie meint, er wäre nur an ihrem Penis interessiert. Tatsächlich ist beides bei Alvaro nicht zu trennen. Ihrer beider Verlangen schwankt, zuerst sie mehr, dann er. Sie wundert sich über die Reaktion der Eltern „Wenn ich so was Besonderes bin, warum darf ich es niemand sagen?“. Tatsächlich hält sie sich zurück. Vor dem Sex mit Alvaro sagt Alex „ich habe nichts“ und ist damit sehr doppeldeutig. Dementsprechend zieht sie sich an: oft trägt sie eine Kapuze (um sich abzuwenden und Schutz zu suchen), Shorts und Gummistiefel (um sich unattraktiv zu machen).
Der selbst von einer Geschlechtsumwandlung betroffene Tankwart sagt, dass die Angst vor dem eigenen Körper das schlimmste ist, was man einem Kind antun kann. Später nimmt dessen Adoptivsohn an dem Vergewaltigungsversuch an Alex teil und verursacht gerade die Angst. Sein Fall stand in der Zeitung (Kraken hat Zeitungsausschnitte) und er sucht Publicity, gibt sich zufrieden mit allem und seiner kleinen Welt um die Tankstelle. Jene Episode mit ihm zeigt, dass medizinische Lösungen nicht das Paradies versprechen. Mit ihm komplementiert sich die Phalanx der schwachen Väter. Besonders Kraken und Ramino sind akademisch, distanziert ihren Kindern gegenüber. Während es Ramino als Arzt nicht schafft, mit Alex zu reden, gelingt es Kraken als Vater nicht. Dass er Alex Entscheidung toleriert, hat mehr mit seiner Entscheidungsschwäche zu tun als mit elterlicher Sorge.
Alvaro sieht leicht minderbemittelt aus, ist schüchtern, schweigt am Anfang eine längere Zeit, trägt einen Kopfhörer mit sich rum, ist trotz höherem Alter der schlauen Alex geistig unterlegen. Beim Analverkehr oben merkt er nichts, wird später bei ihren Kinderzeichnungen stutzig, obwohl er sich anfänglich über die Puppe mit Penis wunderte. Er wundert sich, dass nicht das Normale, sondern das Seltsame von allen angeschaut wird. Tatsächlich interessiert die Vergewaltiger zuerst das doppelte Geschlechtsorgan, bevor sie dessen Wirkung ausprobieren wollen, was der Anführer gar als perfekt bezeichnet, da es mehr Möglichkeiten schafft.
Der Film lässt sich Zeit, die Emotionen aufzunehmen. Subtil werden Symbole gesetzt. Die Kamera konzentriert sich zeitweilig auf die Füße, so auch am Anfang, wo Alex durch einen Wald joggt, intermittierend gezeigt mit zweigeschlechtlichen Korallen und trompetenähnlichen Pflanzen im Meer. Mehrmals sind Amphibien in Aquarien in ihrer Unfreiheit (als Alex zur Welt kam, war sie ganz blau und atmete erst nach 40 Sekunden, etwas Anderweltliches zeigt sich darin) zu sehen. Kraken kümmert sich um bedrohte Arten wie die Schildkröten (er rettet zwei in Netzen gefangene, die später allerdings am Strand verenden, wobei unklar ist, ob sie getötet wurden, denn ein Boot passiert in die Nähe). Alex zerdrückt einen Käfer, den Alvaro zeichnet, ein Akt von Wut und Frustration, dass Tieren mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird als ihr. Kraken – allein schon der Name spricht Bände - schrieb ein Buch über den Ursprung der Geschlechter, Alex schaut sich ein anderes über das gleiche Thema an. Nach dem ersten sexuellen Kontakt von Alex und Alvaro tobt ein Gewitter und ein heftiger Regen geht nieder. Alex betrachtet darauf ihren Körper vor dem Spiegel (das erste Mal zusammen sind beide vor dem Spiegel beim Zähneputzen zu sehen), während Alvaro in den Wald läuft und dort wichst, beide heulen im Übrigen. Vor dem Kontakt putzt der Tankwart die Windschutzscheibe, als wenn Kraken sich Klarheit verschaffen müsste. Als der Chirurg samt Familie ankommt, schaut Alex schüchtern zwischen den Ritzen von Brettern hervor, sich versteckend (ein Thema, welches von Erika hinsichtlich des grundlegenden Umganges mit Alex angesprochen wird und Suli von sich weist). In dem Zeigen von Sexualität wird die nötige Zurückhaltung geübt, ohne prüde zu sein. Während des Vorspanns wird beim Titel der Strich des X abgehauen, um ein Y daraus zu machen (soll das etwa eine Anspielung auf xXx sein, da medizinisch nicht korrekt?). Die letzte Einstellung zeigt das Meer. Vorher versetzt die raue, wilde Küstenlandschaft in die richtige Stimmung.
Vieles bleibt nicht explizit, unklar ist das Verhältnis der beiden Familien, wo Hinweise gegeben werden für mehr oder weniger eng. Close-Ups verdecken oft mehr als dass sie deutlich machen, das gleiche gilt für die Antworten auf Fragen. Dafür werden sexuelle Aktivitäten den Leuten angesehen, sei es das Wichsen von Alvaro durch Alex oder das Mädchen bei Alex. Blicke werden ausgetauscht, die von Verlangen und Sehnsucht sprechen. Das Ende ist total offen: was geschieht mit Alex? Wird Alvaro wiederkommen? Wird Ramino etwas unternehmen? Was wird Kraken tun? Und jene Offenheit bedingt ganz entscheidend: Was würden wir tun?
Der in Cannes ausgezeichnete XXY handelt von den Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn man ein Kind hat, welches nicht den Normen entspricht. Die Eltern werden im Regen stehen gelassen und driften dadurch eher auseinander als das es zusammenschweißt, Väter und Mütter bleiben hilflos im Umgang mit ihren Kindern. Dieser Film trägt dazu bei, dass Kinder besser damit umgehen können und so wird auch angesprochen, ob Alex die Entscheidung überlassen wird. Mit einer eindrücklichen schauspielerischen Leistung wird uns das Schicksal von Alex nachvollziehbar gemacht und obwohl es Intersexualität schon immer gab und die Medizin weit fortgeschritten inzwischen ist, sind die Probleme immer noch die gleichen, die in der Diskriminierung des „Unnormalen“ liegt und die Aufmerksamkeit auf etwas richtet, dem die Aufmerksamkeit sonst strikt entzogen wird.

Achim Hättich

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