Ete Meurtrier, L'

Mörderischer Sommer, Ein

Becker, Jean

Frankreich 1982

Thriller/Familienkonflikt; Behinderte Person; Rache; Psychologie; Romanze;

Irgendwo in der Vaucluse verdreht die stets sexy gekleidete 19-Jährige Eliane Wieck (Isabelle Adjani), genannt 'Elle', den Männern den Kopf. Der Frauenheld Mickey (Francois Cluzet) merkte das bereits, und hilft seinem schüchternen Bruder Florimond genannt Pin Pon (Alain Souchon), der bei der Feuerwehr ist, sich ihr anzunähern. Nach einem anfänglichen Abtasten verlieben sich beide ineinander, auch weil Pin Pon so ganz anders ist und den Sex nicht in den Vordergrund stellt, sondern ihre Person. Allerdings bringt das das Familiengefüge ins wanken, denn die verwitwete Mutter von Pin Pon (Jenny Cleve) ist darüber erzürnt, während deren hörgeschädigte Schwester Cognata (Suzanne Flon) froh über die Unterhaltung ist und Boubou (Manuel Gelin), der 13 Jahre jüngere Bruder von Pin Pon, sich amüsiert, dass Eliane alles auf den Kopf stellt. Aber mit der Zeit kommt Elianes hoch belastete Kindheit hervor, die sich auf die Beziehung zu Pin Pon negativ auswirkt. Das hindert nicht, dass beide heiraten, aber das Glück will sich nicht mehr so richtig einstellen.
Was relativ unbeschwingt und ein wenig komödiantisch beginnt, stellt sich im weiteren Verlauf als respektables Familiendrama heraus, welches den Hinweis gibt, dass traumatisierte Partner wenig für eine Beziehung taugen. Eliane ist das Opfer einer demütigenden Vergewaltigung im November 1955 (obwohl ihre Mutter den Männern helfen wollte, ebenso musste diese leicht bekleidet und barfuss mit ihnen einen Tanz im Schnee machen), was das Mädchen als lebenslanges Stigmata mit sich trägt. Sie will sich dafür rächen und sucht die Verantwortlichen auf, darunter den Sägewerkbesitzer Leballech (Jean Gaven), der schnell geile Blicke auf sie wirft, sie in seinem Büro küsst und ihre Brüste knetet (er ist so versessen auf sie, dass ihm die Reaktion seiner Arbeiter egal ist). Beide Mütter sind sehr starr und unbeweglich, besonders jene von Pin Pon, zu der die Söhne keine Beziehung zu haben scheinen, aber sie sind auch schon älter. Die „Eva Braun“ genannte Paula (Maria Machado) ist verunsichert, da ihre Tochter zwischen Ablehnung, Auflehnung und Zuneigung pendelt. Körperlich stehen sie sich schon nahe, geben sich körperliche Nähe. Eliane sagt der Mutter, als sie auszieht, dass sie diese mehr als alles lieben würde, aber diese glaubt es nicht, wenn sie noch nicht einmal physisch präsent ist. Von den Vätern ist der eine tot, der andere isoliert. Auch sonst stehen die Familienbeziehungen nicht zum Besten. Bei den Brüdern geht es hauptsächlich um Sex, vor allem Micky, der es mit Loulou im Mittengang des Kinos treibt, aber dann mit Georgette es ruhiger angehen lässt. Wie er als Radrennfahrer nicht vor dem Alkohol und Zigaretten zurückstehen kann und so dann lieber beim Rennen verliert, so oberflächlich sind seine Beziehungen zu Frauen. Pin Pon treibt es subtiler, wie uns die Kamera zeigt: bei Elianes Besuch in der Werkstatt fährt er mit dem Wägelchen unter ihren Rock.  
Pin Pon fragt sich, ob sich alles wirklich so zugetragen hat, da jedeR nur eine Seite sieht. Entsprechend wechselt das Voice-Over und damit die Perspektive. Pin Pon beginnt, aber dann dominiert Eliane, die Mütter sind ebenfalls dran. Eliane erzählt dazu im Rückblick. Die Falschheit dominiert: Gabriel (Michel Galabru) ist nicht ihr leiblicher Vater, nimmt jedoch diese Rolle ein. Nachdem er während der Schwangerschaft aufs Schärfste das Kind ablehnte, nimmt er es an, als sie größer ist, und baut ein väterliches Verhältnis zu ihr auf. Das geht sogar so weit, dass er in sexueller Absicht ihr Bein berührt und ihr unter den Rock will, was sie vehement abweist und ihm sogar mit der Schaufel mehrere Schläge auf den Kopf versetzt. Später sondert sich der im Rollstuhl Sitzende im Haus ab (sein Kontakt zur Außenwelt besteht aus einem Blick aus dem Fenster) und gesteht ihr, dass er die drei Vergewaltiger tötete. Er hat es für seine Tochter getan und sein Leben wurde zu einem Nichts, während für Eliane nach seinem Geständnis alles zerbrach, obwohl ihre Absichten die gleichen waren und sie sich in psychiatrische Behandlung begeben muss. Eliane ist keineswegs das auf Sex aus seiende, kokettierende und posierende Glamourgirl trotz ihres aufreizend die Hüfte schwingenden Ganges, ihrer sehr kurzen Röcke und ihre herausfordernden Mimik. Der Erstkontakt mit Pin Pon zeigt ihn als nicht sehr gesprächig und niedergeschlagen, sie ist zickig und spröde. Man kann sagen, sie öden sich an, wenn sie nicht sich aneinander anlehnen würden, wobei sie nicht richtig bei der Sache sind. Jenes belegt jedoch, dass Eliane auch anders ist und in Wahrheit ein unglücklicher Mensch. Sie ist gleichermaßen sensibel und zerbrechlich, ihr Blick ist melancholisch und sensibel. Im Restaurant heult sie ungehemmt darauf los und er streichelt darauf hin ihre Wange, zeigend, dass er sich um sie sorgt. Für Pin Pon ist sie eine Puppe, die man vergessen hatte, aber jene, die von sich in der dritten Person spricht, will nicht von irgendjemand Eigentum sein. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, war sie keine gute Schülerin, prahlt jetzt allerdings mit ihren Rechenkünsten und das ihre Sprache voll von Metaphern ist gehört zu ihren kognitiven Errungenschaften. Eliane nimmt auch kein Blatt vor den Mund, konfrontiert direkt und provoziert, oft auf Sex bezogen. Pin Pon solle ihr sagen, wenn er sie bumsen wolle und vor der Mutter läuft sie nackt herum oder nimmt in der Küche ein Bad. Einerseits gibt sie sich sozial, kümmert sich sehr um Cognata, ist die einzige, die sie versteht, da sie flüstert. Andererseits wird sie nie erwachsen, weil sie wohl keine adäquate Kindheit hatte. Einmal ist zu sehen, dass sie an der Brust ihrer Mutter saugt und am Ende in der Klinik regrediert sie zu einer 9-Jährigen, die Pin Pon nicht mehr erkennt. Ihr gestörtes Verhältnis zu der Vergangenheit äußert sich in der Behandlung ihrer Lehrerin Calamité (Evelyne Didi), die sich im Café ihres BH´s erledigen soll, dafür von Eliane innig geküsst wird und von dieser als Hure gekleidet ihre Beichte anhören soll. Dass sie die psychische Verstörung nach Meinung der Ärztin (Edith Scob) schon seit Jahren hätte, zeigt den wahren Kern, aber die falsche Interpretation. Denn selbst Pin Pon ist nicht ohne Fehl und Tadel: nicht nur neigt er zum Phlegmatismus, wird gegen Ende gewalttätig, zuerst gegen Eliane, dann setzt er das um, was Eliane vorhatte, nämlich Leballech und Touret zu erschießen. Wenigstens ergreift er da die Initiative.  
Obwohl LEM in einem Dorf spielt, ist niemand dort richtig daheim. Anfangs zieht ein Mann mit einem Handkarren umher, vom Tanz kommt er in den Regen, was den Filmverlauf vorzeichnet. Die Wiecks kamen von der anderen Seite des Passes, wobei Paula aus Deutschland ist und während des Krieges deportiert wurde. Die Montecciaris kamen aus Italien, die Vergewaltiger verpassten die Abzweigung und hätten sowieso nicht den Lastwagen nehmen sollen. Bei ihrer Hochzeit entflieht Eliane und geht zu ihrem Vater, um sich mit ihm zu versöhnen. An einem erfreulichen Ereignis sucht sie die Traurigkeit und strebt die Versöhnung mit der Vergangenheit an.
Visuell dominiert der Sommer mit Adjani als Blickfang, der die Kamera folgt, inklusive einiger Nacktszenen, die übrigens auch vor dem Mann nicht haltmachen. Bei der Vergewaltigung schwankt das Licht hin und her, was dieser ein gespenstiges Aussehen verleiht. Anderes ist weniger gelungen: Eine zügigere Inszenierung wäre gut gewesen, in den 130 Minuten gibt es langatmige Szenen. Trotz der traumatischen Vergangenheit neigt LEM zum Farcehaften und leicht komödiantischen. Ein loser Bezug besteht zu Die Ehe der Maria Braun im Sinne einer Fassbinder-Hommage, ebenso weil Pin Pon denkt, dass seine Ehe nur 10 Tage gedauert hätte. Weniger ist der Sommer mörderisch, als die sozialen Beziehungen, wo sich zeigt, wie die Familien unter Druck geraten, wenn störende Einflüsse von außen kommen. Ebenso erfahren wir, dass ein schöner Körper nicht selten eine verletzte Seele beheimatet.

Achim Hättich

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