Human Nature

Human Nature – Die Krone der Schöpfung

Gondry, Michel

Frankreich/USA 2001

Komödie/Biologie; Surrealismus; Romanze; Wilde Menschen; Zwerg; Fauna;

Die junge Lila Jute (Patricia Arquette), die seit dem 12. Lebensjahr am ganzen Körper behaart ist (Hirsutismus), flieht nach einer Ausgrenzung und ihrem Verdingen in einer Show in den Wald, um mit den Tieren zu leben, welche "have eyes that do not judge". Nachdem sie mit einem Bestseller über ihre Erfahrungen berühmt wurde, spürt sie, dass sie sexuell unerfüllt ist, und kehrt in die Zivilisation zurück. Dort trifft sie ihre Freundin, die Elektrologistin Louise, die ihr nicht nur verspricht, sie ganz zu enthaaren, sondern ihr auch von dem 36-Jährigen Wissenschaftler und Psychologen Nathan Bronfman (Tim Robbins) erzählt, der noch Jungfrau ist, eine stark eingeschränkte Sehfähigkeit aufweist und einen winzig kleinen Penis hat. Nathan und Lila, sich ihres Außenseiterstatus bewusst, treffen sich und verlieben sich ineinander. Doch Nathan ist keineswegs so naiv, wie er sein sollte, obwohl er es ist, und entdeckt Lila, wie sie ihren Körper rasiert. Eines Tages gehen Lila und Nathan spazieren und entdecken einen Wilden, der später von Nathans französischer Assistentin Gabrielle (Miranda Otto) nach ihrem früheren Hund Puff (Rhys Ifans) genannt wird. Puff's Vater glaubte, er wäre ein Affe und entführte seinen Sohn, um ihn in der Wildnis zu erziehen. Nathan nimmt Puff mit in sein Labor, um ihn zu trainieren wie er Mäuse Anstand beibrachte. Gabrielle, die sich als Mauerblümchen sieht, macht Nathan mit unschuldigem Blick und provokativer Zurschaustellung der Beine sexuell permanent an, dem er auf die Dauer nicht widerstehen kann. Nathan muss sich zwischen zwei Frauen entscheiden, aber Puff wird so wie er zum Bildungsbürger wird, gleichermaßen zum Sexmonster. Das kann nicht gut gehen.
Ein Titel wie der Gegebene fordert zum Vergleich heraus. In einer Szene werden Nathan und Puff im Gegenschnitt parallelisiert. Sie lesen und wippen mit den Schuhen. Auch sonst werden die Gemeinsamkeiten beider betont. Gabrielle und Puff sind beide sexgierig und Lila und Nathan haben beide einen Makel. Weiter wird dies verstärkt durch die Parallelmontage der Kongresserfolge von Nathan und Puffs, Lilas Haarentfernungsversuchen und Puffs Suche nach sexueller Triebabfuhr bei Prostituierten.
Am Ende bekennt sich Lila eindeutig zu ihrer Natur, nachdem sie alle Haare verloren hat. Sie ist dann attraktiv in Kampfmontur und wird für Nathan, dessen sexueller Trieb stark von der Wahrnehmung gesteuert wird, zum begehrenswerten Objekt, das er unbedingt berühren will. Lila zitiert Rimbeau, dass vor sich selbst Abscheu empfinden die Hölle ist. Ihren Körper definiert sie als Gefängnis aus Fleisch und Blut. Aber wegen dem Äußeren werden die Menschen gemieden. Dies verschont selbst jene nicht, die im Glashaus sitzen. Louise sagt Lila, dass es ihr beim Sex nur auf den Verstand eines Mannes ankommt und nicht auf seine physische Erscheinung, aber sie kann trotzdem sich nicht mit dem Zwerg Frank (Peter Dinklage) liieren. Ebenso macht sich Nathan lustig über den Zwerg. Lila ist ziemlich ein Kopf kleiner als Nathan. Nathan findet die Haare widerwärtig, ist aber selber mit Brust- und Achselhaaren ausgestattet.
Nathans Vater spricht davon, dass nur die Zivilisation den Menschen vom Affen unterscheidet. Nathan selbst spricht von Glück als der Liebe einer Frau oder das Lesen von Moby Dick, was er anderen Organismen schlicht abspricht. Auch Freiheit definiert er als Einsicht in die Notwendigkeit. Liebe definiert er wie folgt: „What is love anyway? From my new vantage point, I realize that love is nothing more than a messy conglomeration of need, desperation, fear of death and insecurity about penis size.” Er sieht Parallelen zwischen Tieren und Menschen, arbeitet darauf ihn, macht jedoch klare Unterscheidungen. Einen Teil verdrängt er (will Natur nicht sehen, da er glaubt, diese wolle sich nicht zeigen, dabei ist Lila Natur, eine Meinung, die er von seinen Eltern hat, für jene ist Natur nur gut "long as it stays in the zoo where it belongs", deswegen presst er sie ins Labor) behandelt Puff barbarisch. Mit Windeln und Elektroden am Körper wird er in einen Glaskäfig mit Kletterbaum gesperrt. Fehlverhalten wird mit Elektroschock bekämpft, besonders eklatant beim Betrachten von Nacktaufnahmen auf einer Leinwand, die Puff bespringt. Bei jedem weiblichen Wesen spürt er einen nicht zu unterdrückenden Drang. Als er Lila das erste Mal sieht, wichst er und fällt dabei vom Baum. Dadurch soll seine Wildheit ausgedrückt werden, was aber plump wirkt. Unterstützt wird dies dadurch, dass Lila sich im Wald schnell ganz auszieht und sich beide auf den Bäumen nachlaufen. Hier kommt dann Tarzan-Mentalität ins Spiel. Puff spricht von der Unberechenbarkeit der Menschen und er ermahnt: „Apes don't assasinate their presidents, gentlemen!“ und nach der Diskussion von Wittgenstein “Words are evil!“. Damit führt er die menschlichen Attribute als böse ein.
Nathan steht zwischen zwei unterschiedlichen Frauen. Lila ist die Gute, aber Biedere, die sich auch hässlich machen kann und eine Perücke trägt. Sie ist Nathan ergeben und sehr ausgeglichen. Lila verkauft sogar ihre Seele, dass sie Nathan assistiert bei den Experimenten mit Puff. Gabrielle hingegen ist sehr aufreizend, trägt schwarze Lingerie, Strümpfe und kurze Röcke. Sie setzt sich in Szene und macht Szenen, wenn es nicht so läuft wie sie will. Sie hat das weibliche Repertoire aus Weinen und Wut voll drauf. Dass in ihrer Persönlichkeit mehr ist, zeigt ihre Freude beim Versetzen von Elektroschocks. Freilich singt sie und gewinnt dadurch das Zutrauen von Puff. Sich sieht sie als hässlich, aber das kann nur Taktik sein.
Phantasien zeigen Wünsche und Alpträume auf. Lila träumt von Haarlosigkeit, Nathan erschreckt, dass beide Frauen ein Baby von ihm wollen, wobei jenes mit Lila ein Affe ist. Puff erschießt „Übervater“ Nathan in einem ödipalen Drama, um die Mutter zu besitzen. Gabrielle wurde vorher von Nathan als Mutter Puffs bezeichnet und mit ihr entflieht Puff am Ende aus der Wildnis. Lila übernimmt die Verantwortung für den Mord und nur Nathan weiß im Jenseits, dass Puff ihn erschoss.
Puff muss sich ebenso verantworten und der Ausschussvorsitzende gibt sich tief beeindruckt von seiner Rede. In einem Triumphzug verlässt Puff das Gebäude und zieht durch die Straßen, von riesigen Menschenmassen begleitet und gesäumt, während die Presse sich gierig auf jedes ausgezogene Kleidungsstück stürzt (wie einst die Sandale in Life of Brian). Puff wird am Ende noch mit seiner wirklichen Mutter konfrontiert. Sie steht im positiv gegenüber, aber Puff will keinen weiteren Kontakt, selbst telefonieren oder schreiben lehnt er ab: „I'm an ape, mother. Apes don't drop lines.“ Puff emanzipiert sich von seiner Erziehung, so oder so. Im Übrigen repliziert hier Nathan nur das, was ihm an Etikette and Manieren in seiner Kindheit von den Eltern aufgezwungen wurde. Es kommt bereits auf die Legeordnung der Gabeln an und ein Fehlversuch wird mit Ausgrenzung beantwortet. Der Vater handelt nur auf Kommando der Mutter, wobei er für die unangenehmen Dinge zuständig ist oder zumindest zu wissenschaftlichen Erklärungen ausholt, wo diese wenig angebracht sind. Nathan ist ein überangepasstes, emotional stumpfes Kind in einem matriarchalischen Elternhaus. Zudem wurde Nathan adoptiert und der Hohn ist, dass seine Eltern in hohem Alter nochmals ein Kind adoptieren, was des Filmes Kritik an den Eltern bestätigt.
Der Film startet mit Mäusen, die durch das Unterholz laufen, ein Schuss ertönt, ein Rabe fliegt auf, die Kamera filmt vom Boden oder aus der Vogelperspektive. Das entstammt der Szene am Ende, nur aus einer anderen Perspektive. Dann kommt ein Blitzlichtgewitter, die Anhörung von Puff, das Verhör von Lila (die Befrager schlafen ein dabei, ein Kommentar, dass Frauenschicksale weniger interessieren) und Nathan im Jenseits in einer weiß-fahlen Umgebung. Alle drücken ihr Bedauern aus. Darauf wird auf die Vergangenheit zurückgegriffen, dies aber in einem den Bildausschnitt verengenden Rahmen dargestellt. Herzig sind die Mäuse, die an kleinen Tischchen sitzen und versuchen mit Gabeln zu essen, selbst wenn dies Tierquälerei entspricht. Auch am Ende, wo beide Mäuse, in die Freiheit entlassen, am Wegrand mit einem Schild „New York“ Anhalter spielen. Lilas schmerzhafte Enthaarungsversuche, z.B. in der Badewanne mit Kerzen, werden genauso ins Bild gerückt wie ihr Rotkäppchenhaus im Wald. Dies verschiebt die emotionale Wirkung mehr ins Positive.
Jene von Charlie Kaufman geschriebene Geschichte hat mehr Potential als die Umsetzung hergibt, die sich auf ein plattes Wiedergeben stupider Charaktere und einer flachen Farce beschränkt. HN ist die gezähmte Version von Clockwork Orange, wo Gewalt durch Sex ersetzt wird, indem dem Wilden Manieren und Zivilisation per Konditionierung beigebracht wird. Dazu verwendet HN die Tagline: “In the Interest of Civilization... Conform.” und versucht zu zeigen, wo die Menschen sich von Wilden unterscheiden. So ganz ist das nicht gelungen, zu wenig wird der Unterschied zwischen wilden Menschen und Affen klar. Es geht auch um jemand, der glaubt, ein Affe zu sein (ein Fall von Wahnsinn) und einer Frau, die über zu viele Haare verfügt. Beides sagt wenig über grundsätzlich Menschliches außer dass der Film die Supremität der Triebe als Agens menschlichen Handelns betont. Hier ist es mehr Wissenschaftskritik, die inhumane und tierfeindliche Experimente durchführt. Zudem ist die Komödie nicht so lustig. Entgegen dem Titel erfahren wir mehr, was die menschliche Natur nicht ausmacht. HN begibt sich im Gegensatz zu ernsthafteren Filmen wie Nell oder L´Enfant Sauvage zu sehr auf schlüpfriges Parkett, wo es leicht ins Schliddern gerät.

Achim Hättich

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