Petite Jérusalem, La

Mein kleines Jerusalem

Albou, Karin

Frankreich 2005

Drama/Philosophie; Religion; Familienkonflikt; Romanze; Rassismus; Migration;

In einem Vorort nördlich von Paris wohnt die jüdische 18-jährige Laura (Fanny Valette) mit ihrer tunesischen, verwitweten Mutter (Sonia Tahar) und der Familie ihrer Schwester Mathilde (Elsa Zylberstein) samt Schwager Ariel (Bruno Todeschini) und vier Kindern in einer kleinen Wohnung in einem Hochhaus. Dann verliebt sie sich in den muslimischen Arbeitskollegen Djamel (Hédi Tillette de Clermont-Tonerre), mit dem sie in einer Schule putzt und der sich illegal in Frankreich aufhält. Doch die Spannungen in beiden Familien, die diese Beziehung bewirkt, wirken in der Beziehung wie Zentrifugalkräfte. Ereignisse spitzen sich zu hin zur Gewalt, Ariel geht fremd, wird zusammengeschlagen, auf die Synagoge wird ein Anschlag verübt, Laura begeht einen Suizidversuch. Am Ende zieht die Familie nach Israel, Laura bleibt zurück.
Das Thema der Einsamkeit ist in einem Film, in dem es über verschiedene Formen von Beziehungen geht, omnipräsent und es wird suggeriert, dass die Religion dabei nicht unschuldig ist. Laura steht und geht anfangs allein, zumeist auch allein spazieren.  Sie nimmt kaum an den Ritualen teil, verlässt die Messe, geht heim und befriedigt sich selbst (eine Szene am Anfang gibt darauf einen vagen Hinweis). Laura erzählt Mathilde “On est toujours seule,” und Mathilde bezieht das auf alle. Djamel hadert mit sich selbst, nachdem er Laura sagte, dass er wegen seiner Familie keine Beziehung eingehen kann, “Seul! Pourquoi je suis toujours seul!” wenn die Partnerin des Herzens nicht zugänglich gemacht werden kann, heißt eine der wahrscheinlichsten Konsequenzen Einsamkeit.
Das ist auch nicht anders in den Gefilden kulturell arrangierter Ehen. Die Mutter drängt darauf, dass Laura eine Beziehung mit dem Medizinstudenten Eric (Michaël Cohen) eingeht. Aber dem steht sie sehr abweisend gegenüber, bricht ein Telefonat mit ihm ab, ist harsch bei der von ihm gewünschten Philosophienachhilfe. Er, der romantisch sein will, setzt ihr entgegen, dass Leidenschaft Kontrollverlust bedeutet, dass nach Aristoteles Sehnsucht und Verlangen die Liebe konstituieren. Bewusst wählt sie dieses Thema, um Eric zu verunsichern. Mit Djamel braucht es einige Überwindung und wahrscheinlich wählte Laura ihn bewusst, um damit ihre Unabhängigkeit zu demonstrieren. Er selbst ist sich nicht sicher, einen von ihr geschriebenen Brief öffnet er und wirft einen Blick hinein, wendet sich dann aber ab. Als Laura jedoch den Kopf auf den Tisch gestützt weinend im Schulzimmer liegt, kommt er, berührt sie, sie küssen sich. Es ist für Laura eine starke sinnliche Erfahrung, sie bebt vor Gefühlen, löst sich auf und vergeht. Später im Umkleidraum zeigt er ein starkes körperliches Verlangen, Sex steht im Visier, aber nachdem fast alle Kleider ausgezogen sind, macht er einen Rückzieher, sein Hang zur Familie (die noch nicht einmal da zu sein scheint außer Onkel und Tante) und die prekäre finanzielle Situation lassen es für ihn nicht ratsam erscheinen, mit ihr eine Beziehung einzugehen. Nach diesem Bruch taucht Gewalt auf, er gegen Sachen, sie gegen sich selbst. Djamel hat selbst wohl auch Gewalt erfahren, wie die große Narbe an seinem Bauch (und die davon rührende Begegnung mit dem Tod) zeigt. Jene Beziehung, selbst wenn von Akzeptanz und Einzigartigkeit geprägt, stand von Anfang an nicht unter einem guten Stern. So läuft Djamel weg, nachdem er dem zusammengeschlagenen Ariel geholfen hat und die Polizei kommt, weil er keine Papiere hat. Er will ihr das nicht sagen, - auch eine Art von Scham -, was zu einem Konflikt zwischen ihnen führt, aber sie entschuldigt sich nach seinem „Geständnis“.
LPJ stellt nicht nur zwei Religionen, sondern ebenfalls verschiedene philosophische Denksysteme zur Diskussion. Der Philosophieprofessor macht interessante Anmerkungen, aber es sind nur Momente, etwa die Frage, ob Freiheit bedeutet, einem Gesetz zu folgen oder dieses zu überschreiten. Kant, der sich selbst strenge Regeln setzte (ein täglicher Spaziergang zur gleichen Zeit), war für das erstere. Es wird gefragt, wozu die Vernunft fähig ist, aber wie die Existenz Gottes sich weder belegen noch widerlegen lässt, lässt diese sich nicht fassen. Der Gott entzieht sich der Philosophie und damit der Vernunft. Das wirkt wie ein Metakommentar zu den diskussionswürdigen Anliegen. Mehr im Praktischen bewegt sich die Frau in der Mikva (Aurore Clément), die die Thora freier interpretiert. Schlechte Neigungen seien notwendig, körperliche Freuden zu genießen, soweit die Schamhaftigkeit erhalten bleibt. Die wahre Liebe käme niemals aus dem Bösen, sondern aus HaSchem. Ebenfalls sieht sie Ariel Seitensprung (mit einer blonden Frau!) eher als Prüfung für Mathilde. Das nimmt sie sich zu Herzen und versucht, Ariel zu verführen, was anfangs nicht klappt (er kneift), jedoch am Ende und zumindest das verspricht Hoffnung. Die charedische Mathilde interpretiert genauso wie die sephardische Mutter und Ariel die Thora eng. Haare dürfen nicht gezeigt werden (in der Öffentlichkeit trägt Mathilde eine Perücke), dem Anderen ist weder Handschrift noch ein Photo zu geben. Die Kette, die Djamel Laura zukommen lässt, wirft Ariel in den Müll. Die Mutter ist sehr abergläubig, macht dies mit magischen Mitteln, Hexenkünsten. Für Mathilde versucht die Thora die Wahrheit zu treffen, während die Philosophie zwar ins Schwarze trifft, aber die falsche Scheibe erwischt. Laura will sich hingegen strikt Regeln unterwerfen, aber es sind nicht jene der Religion. Es werden Bräuche gezeigt: am Tisch geht ein Becher herum, es gibt ausgelassene Tänze mit indianerähnlichen Intonationen, beim Gottesdienst sitzen die Männer vorne und die Frauen hinten, beide stapfen aber mit den Füssen. Anfangs stehen viele Leute an einem Fluss und werfen etwas hinein. Ariel geht direkt vom Bett zum beten. Der Film vermittelt hier einen guten Einblick in das Leben einer jüdischen Familie, inklusive der üblichen zu korrigierenden Kinder. Jedenfalls gibt die Mutter zu, dass in ihrer Beziehung die Kinder zusammengeschweißt und nicht getrennt haben. Die Bräuche (über die Djamel in Algerien schrieb, jetzt schreibt er ein Buch über Frauen, die Sufi-Gedichte schreiben) mögen anders sein, die Gefühle und Probleme sind die gleichen. Genauso zeigt der Film, dass jede Religion die gleichen Bedenken gegen frei gewählte Liebesbeziehungen hat. Frauen weinen denn auch öfters, denn hier wie da ist die Liebe mit Enttäuschungen verbunden.
Parallelen bestehen zu Gegen die Wand: hier wie da versucht jemand aus dem traditionellen, eher religiös orthodox geprägten  Familienkreis auszubrechen und sich gegen elterliche Bevormundung selbst den Lebens- und Liebespartner auszusuchen. Das ist bei den beiden antagonistischen Blöcken Islam und Judentum nicht anders. Doch dies stößt auf der Gegenseite auf Widerstand und hier wie da begeht die Frau einen Suizidversuch, weil der Mann Bedenken hat und da wie hier sind am Ende die Partner allein.
Die formalen Aspekte schwanken zwischen Präzision und Unklarheit, sind aber kaum grundlegend anders als die Protagonisten. Der Anschlag auf die Synagoge ist nur schwer zu erkennen, alles ist undeutlich und aus der Distanz gefilmt. Beim Essen hingegen fährt die Kamera die Gesichter ab. Am Anfang sind von Laura die Haare zu sehen, ihr Körper wird in Einzelteile aufgelöst, als wenn sie keine vollständige Person wäre. Auch sonst bevorzugt die Kamera Detailaufnahmen, schwingt sich anfangs hoch über die Dächer der trostlosen Siedlung hinweg, die nur wenig Grün hat und wenn ist es ärmlich. In der Umkleidekabine stehen sie zuerst Rücken an Rücken, frontal gefilmt, mit dem Rücken zur Wand und eher gegeneinander, dann verschiebt es sich, sie vorne und er hinten. Vorher sind sie sich bereits mit Blicken begegnet, ohne dass beide es sich eingestehen (sie werfen verstohlene Blicke, er hoch, sie hinter dem Vorhang). Als Mathilde nach der Intimsphäre fragt, wird sie ganz verschwommen aufgenommen. Die Musik gefällt mit dem dominierenden Piano, welches eine adäquate Stimmung erzeugt. Neben französisch ist noch hebräisch und arabisch zu hören.
Vieles wird angeschnitten, aber zu wenig ausdiskutiert, es bleibt viel Raum zur Diskussion, was aber bei einem anderen Kulturkreis nicht immer vorteilhaft ist. Die Fokussierung verschiebt sich von Laura zu Mathilde. Die Beziehung zu Djamel ist dafür zu sprunghaft, sie kommt erst spät im Bild und wird nur in Ausschnitten gezeigt, als wenn die Jüdin Albou plötzlich Angst bekommen hätte. Trotzdem ist ihr ein wichtiger Film zur kulturellen Verständigung gelungen, um so mehr als es sich um sehr verfeindete Gruppen handelt.

Achim Hättich

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