Nulle part terre promiseFinkiel, EmmanuelFrankreich 2008Drama/Migration; Soziologie; Kurdische Flüchtlinge, Männer und ein Kind, reisen in einem Lastwagen versteckt illegal Richtung England; eine französische Studentin gelangt auf ihrer Europareise bis nach Ungarn und filmt überall soziale Randfiguren mit der Videokamera; ein französischer Kadermann einer Kühlschrankfirma, dessen Firma nach Ungarn verlegt wird und weiß währenddessen nichts mit der Zeit und Ort anzufangen. Drei unterschiedliche Menschengruppen, drei verschiedene Motive zum reisen, drei verschiedene Verkehrsmittel. Um die moderne Entwurzelung, das Getriebensein, die fehlende Bodenhaftung, die Dislozierung geht es in NPTP. Wir sind wieder zu Jägern und Sammlern (von sinnentleerten Konsumprodukten) geworden und das Ziel und der Ertrag sind unbestimmter denn je. Eigentlich verspricht dieser Film vom Thema her ein grandioses Werk, aber die formale Gestaltung ist schlicht unter aller Sau. Willkür und Beliebigkeit herrschen, Zufall ohne Notwendigkeit, Bilder und Schnitte wie sie ein absoluter Anfänger macht. Die Kamera wird irgendwohin gesetzt, der Schnitt anderswo angesetzt. Dies ist so erratisch wie die Bewegungen der Mobilitätssüchtigen, aber für das Auge und speziell für das Kino eine Beleidigung. LPTP kommt rüber als Experimentalfilm, der ein Dokumentarfilm sein will, aber einen Spielfilm vorspiegelt. Zwischen den drei Erzählsträngen wird permanent hin- und herschaltet, und an wenigen Stellen überlappen die Geschichten, indem sich die Personen begegnen, zumeist über die Studentin. Alle Wege treffen sich zwar oder überkreuzen sich, aber in Kontakt kommen diese Personen nicht. Von Anbeginn muss man sich viel ausmalen, weil nichts vorgegeben oder eingeführt wird. Über die Personen erfahren wir so gut wie nichts, was sie reden ist banal und bezieht sich auf die Situation. Praktisch alle persönlichen Informationen bleiben verborgen und sind allenfalls erahnbar, die billigere Produktion in Ungarn, die Flucht der unterdrückten Kurden aus der Türkei. Nur die in Ungarn sich befindende Johanna gibt etwas preis: sie ist von ihrem Freund Marcel im dritten Monat schwanger. Die Studentin wird in einer Disco geküsst und ist danach konsterniert, Ansätze von Liebe scheitern. Wenigstens ist jener hintere Teil des Filmes etwas engagierter, spannender und konkreter, selbst wenn er die Geschichte der Kurden, die eigentlich am ergreifendsten und dramatischsten ist, in den Hintergrund stellt. Der Film fängt mittendrin an und er hört irgendwann auf. Die Ziellosigkeit manifestiert sich auf unterschiedliche Weise: nur die Fabrik gerät an ihren Ort, die Kurden werden im Kanaltunnel abgeführt (erreichen somit England wohl nie), die Studentin reist von hier nach da und scheint spontan die Ziele zu entscheiden. Andere bleiben stationär, wie z.B. ein alter Clochard, der Kekse von der Studentin bekommt. Die wahren Ziele der anfangs protestierenden Arbeiter werden erst am Ende verständlich. Der ganze Film ist von einer absoluten Betrübnis samt Trostlosigkeit geprägt, inhaltlich und formal. Es herrscht Nebel, Schneetreiben, wolkenverhangener Himmel, Nacht (ein einziges Mal lässt die Sonne sich blicken). Schlimmer noch sind die Orte, unfruchtbare Felder, endlose Überlandstraßen, ekelhafte Fabriken, Hochspannungsleitungen oder Fabrikschlote, die die Kamera wie gierig verfolgt. Die Fabrikhalle in Frankreich ist hektisch, lärmend (wie auch sonst mitunter ein ekelhafter, dissonanter Lärm herrscht), die Technik steht im Vordergrund, in Ungarn herrscht erstmal gähnende Leere. Bezeichnend läuft eine schwarze, ölige Soße an die Schuhe des Managers, die von einem Arbeiter abgeputzt werden, einen hohen Grad an Subordination symbolisierend. Gitter sind permanent im Bild, sie sind überall, am ehesten im Lastwagen, wo ein kleines Fenster Hoffnung verheißt. Dieses ist die Grenze zwischen Gefangensein und der möglichen Freiheit. Bilder lösen sich auf oder werden unscharf, die ganze Klaviatur von filmischen Mitteln wird nicht unversucht gelassen, auch ein Blick durch eine Brille gibt es, um die herum alles verschwommen ist. Ebenfalls sind die Dialoge undeutlich und in vielen Sprachen – kurdisch, deutsch, englisch, ungarisch, französisch -, ein modernes Babylon. Die Telefonate sind schwer zu verstehen und es gibt wohl auch inhaltliche Diskrepanzen, bis dahin, dass keine Anrufe abgenommen werden. Die Szenen im Lastwagen sind ergreifend, zeigen das Schicksal und die ganze Angst zwischen Zielerreichung und Entdeckung. Am Anfang intonieren die Insassen „Where is station“, um sich Hoffnung auf das noch imaginäre Ziel zu machen. Die Politik stiehlt sich davon, hat ihren Einfluss verloren: Die französische Fahne flattert zerfetzt im Wind, von einer Statue sind nur die Füße übrig, jene von Lenin ist eingepackt. Die Polizei greift brutal ein, führt Rahim brutal ab, hält die Demonstrierenden in Schach, während sie bei Anpöbeleien und Diebstahlversuchen abwesend ist. Werbeschilder treten prägnant auf: McDonalds, Shell, Marlboro, die falschen Propheten der Globalisierung. Finkiel verwendet das Konzept, welches Godard bei Á Bout de souffle oder noch mehr bei Vent d’est anwendete. Konkret hatte er bessere Vorbilder, sei es Nomads für die Ziellosigkeit, Clandestins für die illegale Ausreise, 21 Grams für eine zerstückelte Narration oder La Double Vie de Veronique für ein zufälliges Treffen. Aber er belässt seine Vision idiosynkratisch, was kein Fehler an sich ist, aber ebenso per se nicht besser ist. Größere Lücken in Logik und Kontinuität lässt der Filmmacher: der Studentin wird was gestohlen, wohl die Kamera, aber sie hat diese später wieder; Rahim wird verhaftet, trifft die Anderen jedoch am Strand; die Bettlerin an der Tür des Managers will zwar nichts, noch nicht einmal ins Hotelzimmer, liegt aber am anderen Morgen nackt im Bett, der Manager schiebt ihr Geld in die Jackentasche. Vieles muss man sich denken und wenn man sich treiben lässt, zieht man vielleicht Gewinn aus dem Film. Von einer Handlung ist kaum zu reden. Viel ist in den oft angespannten oder traurigen Gesichtern zu lesen, auf die die Studentin im Übrigen fokussiert. Dies ist aber zu wenig, um Sympathien oder Mitleid oder sonstige Emotionen für die Personen und das überaus brisante Thema zu entwickeln. Vielmehr muss man den Film abschütteln, ist froh wenn man ihn überstanden hat.
Achim Hättich |
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