Sogno il mondo il venerdi Marrazzo, PasqualeItalien 2009Drama/Krimi; Romanze; Soziologie; Musik; Stadt; In einem Mailand, das von der Hitze erdrückt wird, steht die Welt der Protagonisten kurz vor dem Zusammenbruch. Fabio (Domenico Balsamo) mit Schnurrbart arbeitet in einer Bank, hat aber Schwierigkeiten, sein Leben zu finanzieren, da er Spielschulden hat. Obwohl verheiratet und Vater, liebt er die Transsexuelle Betty (Simone “Valentina” Mancini). Irene (Laura Ferrari) lebt mit Luigia (Elena Callegari) zusammen, trinkt zu viel und ist überzeugt, dass der junge, glatzköpfige Gianni (Giovanni Brignola) ihr Sohn ist, den ihr Mann vor vielen Jahren entführt hat. Gianni selbst arbeitet als Kellner, während Luigia im Krankenhaus arbeitet, um so die Furcht des Todes zu überwinden. Um sich eine Aufenthaltsgenehmigung kaufen zu können, überfallen zwei Araber den Inder Brahman, was schief geht, denn der eine wird verwundet und der Marokkaner Karim (Anis Gharbi) bekommt ziemliche Probleme, so unter anderem auf dem Bau, wo er arbeitet, denn dessen Boss ist kleinlich und neigt zum meckern und er steht immer wieder auf der Schwelle zur Entlassung. Ferner ist er illegal da (wobei er keine Angst hat aufgedeckt zu werden, denn für die Inspektoren sei er ohnehin nichts) und hat seine Familie schon lange nicht mehr gesehen. Luigia geht es noch am besten: sie muss sich mit ihrer Mutter auseinandersetzen und trifft verschiedene Liebhaber, denen sie vielleicht einen Kuss gönnt, aber nicht mehr, sie beharrt auf Unabhängigkeit. Wo Leidenschaften wüten, ist Gewalt omnipräsent: Karim wird von Gangstern und Irene vom Ex-Mann zusammengeschlagen, Betty wird niedergeschossen, Gianni wird vom Boss (Sebastiano Filocamo) nieder geprügelt. Neben dem Streit gibt es psychische Gewalt. Die Hauswartin (Corinna Cristiani) ist eine ziemliche Vorwitznase, hält aber das Haus nicht mehr aus im Gegensatz zu ihrem Mann. Irene lädt sie zum Kaffee ein und schlägt als sie kommt die Tür vor ihrer Nase zu, das Gegeneinander dominiert statt dem Miteinander. Dabei sind es weniger kulturelle Missverständlichkeiten wegen der unterschiedlichen Ethnizitäten oder wegen verschiedener sexueller Orientierungen, sondern viel banalere, daür jedoch universellere Probleme. Zwangsläufig kennen sich die Protagonisten der Geschichte, obwohl sie scheinbar in einem Haus wohnen, nicht, sie treffen und kreuzen sich, werden miteinander bekannt und helfen sich, weil sie sehen, dass sie ähnliche Schicksale haben, die mit Unterstützung besser bewältigbar sind und die sie zusammenschweißen. So wie die Schwere ihrer Probleme nicht gleich ist, sind die Lösungen unterschiedlich. Konventionelle Beziehungen funktionieren nicht (hat man den/die Andere verdient oder wann realisiert man, wie sehr der/die Andere sie/ihn liebt?), Machtverhältnisse verhindern das. Jeder muss schauen, wie er/sie zurechtkommt und es muss sich an was geklammert werden. In Liebe und Brüderlichkeit kommen sich alle näher. So freundet sich Karim mit Gianni an, der ihn unterstützt und sich so weniger einsam fühlt. Karim wird wieder eingestellt, ist also doch unverzichtbar, während Gianni den Job wegen der dadurch zu gewinnenden Freiheit schmeißt. Für Betty scheint nichts anderes als Liebe zu existieren. Fabio ist echt hin- und hergerissen, sich bewusst seiend, dass Betty etwas Besonderes ist. Wenn alles nicht mehr gut geht, fangen sie auf englisch zu singen an, schauen in die Kamera, den ZuschauerInnen direkt in die Augen, und offenbaren ihren Gemütszustand wie „I am in the light to linger“. Marrazzo schrieb selber die Songtexte (mit Ausnahme von Crazy Love, das von Marianne Faithfull stammt) zur Musik von Sergio Cocchi. Zuerst singt jede Person allein, dann wechseln sie sich ab in einem Lied und Lieder werden wiederholt. Erstaunlich oft wird vor Gittern oder Zäunen gesungen, was der Lebenssituation der Personen entspricht. Dem ist ferner die die fragmentierte, zersplitterte Erzählweise zugeordnet. Vieles bleibt unklar, die Bilder, die nicht alles zeigen, die große Anzahl an Personen, die auseinander zu halten sind und an die sich zu gewöhnen ist. Die parallelen Geschichten hätten mit markanteren Momenten gefüllt werden sollen. Aber die Melancholie ist stets präsent und dominant. Szenen vom Anfang mit dem Überfall werden wiederholt. Kalim trägt ein löchriges T-Shirt, Gianni stets einen großen Kopfhörer. Im Bus geht es unruhig zu und her, im Krankenwagen hektisch, die Montage übernimmt beides. Dazu tragen der häufige Einsatz der Handkamera und die eisige Lichtgestaltung bei, was insgesamt zu einer Aura von Authentizität und Unmittelbarkeit führt, was dem Film gleichfalls dokumentarischen Charakter verleiht. SIMIV handelt von prekären Liebes- und Arbeitsverhältnissen. Entweder sind diese schweren Belastungen und Konflikten ausgesetzt, weil sie über zuwenig Substanz verfügen oder in den besser gestellten Kreisen, sind es die Männer, die arbeiten und sich beschweren, dass sie den luxuriösen Lebenswandel ihrer Ehefrauen nicht länger mitfinanzieren wollen und eher den Job an den Nagel hängen wollen. Trotzdem sind die Frauen nicht zufrieden mit einem Mann, der ständig abwesend ist, was selbst durch die goldenen Schuhe nicht kompensiert wird. In dem Bereich des vielen Geldes herrscht Selbstmitleid, etwa wenn der Bauboss meint, er würde weniger verdienen als seine Arbeiter. Jene einfachen Leute finden am Ende mehr ihr Glück, selbst wenn es fragil ist. Marazzo zeichnet ein Stadtporträt, wo neben dem Egoismus auch noch Schatten von Nächstenliebe zu finden sind.
Achim Hättich |
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