Blindgänger, DieSahling, BerndDeutschland 2004Drama/Romanze; Blindheit; Musik; Kinder; Migration; Die 12-Jährige Vollwaise Marie (Ricarda Ramünke) und Inga (Maria Rother) leben in einem Blindenheim und sind begeisterte Musikerinnen. Als eines abends der Russlanddeutsche Herbert (Oleg Rabcuk) mit einem gestohlenen Auto einen Unfall baut, flieht er in das Blindenheim und trifft auf Marie, die ihm in der Sternwarte ein Obdach verschafft. Zwischen beiden entsteht eine zarte Beziehung, aber Herbert braucht Geld, um zurückzukehren. Als ihnen als Straßenmusiker der Verdienst gestohlen wird, bleibt als Chance nur ein Fernsehwettbewerb für Nachwuchsbands. Kaum ein Geheimnis ist, wie dieser endet. Beide Mädchen haben ein doppeltes Handikap, um das es im Film dann geht: behindert und Künstlerin sein. Außerdem ist ihr Ansatz, dem zu entfliehen, nicht gerade förderlich: Sie versuchen sich als Straßenband in Clownkostümen, aber trotz ihrer leicht schrägen Musik spendieren die Passanten recht viel. Leider wird dies von den streunenden Jugendlichen entwendet, die wohl mehr auf Klau aus sind als den Blinden eines auszuwischen. Die Polizei macht gerade Streife, die Diebe bleiben aber unbehelligt, im Gegensatz zu Herbert, dem u. a. mehrfacher Diebstahl vorgeworfen wird. Hier zeigt sich eine Gesellschaft, die die einen Jugendlichen sowohl in der Sorge um sie als auch in ihren Taten vernachlässigt, während andere aufgrund ihrer Herkunft vorverurteilt werden. Allerdings spendet die Streife einmal (ein Moment der Spannungssteigerung), ein anderes Mal kommen sie vergebens, bleiben jedoch hartnäckig. Sorgfältig erfolgt die Charakterisierung der beiden Hauptpersonen: Beide Mädchen sind unterschiedlich attraktiv. Marie ist schlank, blaue Augen und längere blonde Haare, trägt Schmuck; Inga ist größer, leicht übergewichtig, grüne, buschige Haare und dunkle Augen. Inga ist jene, die gerade mit einem Freund Schluss gemacht hat. Sie und Marie diskutieren, ob es besser mit Blinden oder mit Guckis klappt. Der blinde Daniel (Dennis Ritter) nähert sich Inga zärtlich an, nach einigem Zögern kuschelt sie sich an ihn. Lustig sind ihre Assoziationen beim Haarfärben: dunkelgelbe Haare sind wie Sand, rote wie Paprika. Herbert stammt aus Kasachstan, raucht und ist Spätaussiedler. Er sehnt sich nach seiner dort lebenden Mutter, zum hier lebenden Vater geht er auf Distanz. Authentisch ist sein gebrochenes Deutsch. Herbert ist sehr in sich gekehrt, kaum einer Emotion fähig, selten Freude oder etwa Dankbarkeit zeigend. Die Liebesbeziehung geht fast allein von Marie aus. Sie ist insgesamt sehr zurückhaltend und platonisch, selbst Küsse sind tabu. Der Film belässt es dabei, eine Episode kurzen Glücks. Mit dem vom Wettbewerb gewonnenen Geld kann er in seine Heimat zurück, ob er wiederkehrt, bleibt offen. Beide sind unsicher in ihren Gefühlen, es ist sicher ihre erste Liebe, wenn man bei ihrem Verhältnis davon sprechen kann. Einfühlsam werden diese ersten Versuche dokumentiert. Es wird aber auch das Dilemma dieser Bevölkerungsgruppe gezeigt. Zwar gerufen werden sie hier kaum akzeptiert, aber ihre Heimat, wo sie aufgewachsen sind, ist fern. Sie sind im Niemandsland, auf dem Sprung. Vielleicht mag dies ein Grund sein, dass Herbert sich nicht engagiert. Seine Sehnsucht (und mögliche romantische Ader) wird durch seinen Blick in den Sternenhimmel ausgedrückt. Fast alle Guckis werden negativ dargestellt. Die Lehrerin Frau Kersten (Christine Hoppe) ist streng, leicht nörgelnd und wenig unterstützend. Portier Onkel Leo (Dieter Montag) ist mürrisch, lässt sich nicht gerne aus der Ruhe bringen (ständig klebt er vor einem kleinen Fernseher), lässt sich aber in der Kirche einsperren, dass die Kinder im Musikraum üben können. Hier fragt sich zudem, welche Zustände in dem Blindenheim herrschen, denn sollte es nicht möglich sein, dass die Kinder üben können, insbesondere, wenn es um einen Wettbewerb geht? Gleichfalls verwundert, dass der Pförtner das entscheidet und nicht eine LehrerIn. Die Köchin (Petra Kelling) fällt durch ihre Mürrischkeit auf. Der Hausmeister, Herr Karl (Dominique Horwitz), ist die gute Seele, zwar streng, aber sehr hilfsbereit. Er ist sehr unterstützend, verrät Herbert nicht im Gegensatz zu Leo. Er hat keine Frau, aber eine Mutter, um die er sich kümmern muss. Während er alles weiß, kann Marie alles, was sich aus den mitunter spitzen Dialogen ergibt. Die Bloody Brains reagieren, als beide Blinde vorspielen, ratlos bis gelangweilt trotz Anerkennung von deren Fähigkeiten. Sie meinen verlegen, beide wären nicht telegen (aber besser als nichts), ziehen eine mit hochhackigen Schuhen vor. Jener Bezug zu Sehen und Medien wird weiter verfolgt: Karl rennt permanent mit einem Camcorder herum, filmt alles. Marie findet, dass es nicht fair ist, blinde Mädchen zu filmen „Weil wir nicht sehen wie wir aussehen“. Hier gibt es einen Hinweis auf unsere Medienabhängigkeit, die weitgehend Sehenden vorbehalten bleibt. Immer wieder gibt es Hinweise darauf. Es wird ironisch reflektiert, auch als sie durch das Gelände stolpern „Siehst du jemanden der sieht?“ fragt Daniel, während Leo bzgl. ihres Übens blind und taub zu sein hat, also „voll behindert“. Sehr symbolisch ist der Beginn des Filmes, wo Marie einen verschneiten Weg entlang geht. Die Kamera zeigt sie aus allen Perspektiven, von oben, von unten, von hinten, von vorne, von rechts und von links. Sie kommt an eine Weggabelung und ein Baumstamm liegt im Weg, über den sie mühelos hinüberhüpft. Dann gerät sie an das Gitter und geht ein wenig eine Mauer entlang, bis sie sich auf eine Bank setzt und mit einer gewissen Glückseligkeit summend gegen oben blickt. Hier wird als Allegorie das Schicksal der Blinden aufgerollt, was ihre Stärken, aber ebenso ihre Probleme kundtut. Alles spielt in einer trostlosen, winterlichen, schneebedeckten Landschaft unter einem diesigen Himmel (gefilmt wurde um Jena oder Erfurt). Ausblicke eröffnen sich auf Hochhausblöcke und Autobahnen. Wenige Orte der Stadt sind annehmlich, einmal in der Fußgängerzone, wo sie musizieren, scheint die Sonne. Sonst dominiert der triste Beton (z.B. wo die Bloody Brains üben). Absurd im höchsten Grade ist das Musizieren auf einer Autobahnbrücke. Und jener Platz, wo die Trucks warten, ist schlicht entwürdigend. Marie hält sich dort die Ohren zu. Mehrfach nimmt der Lärm bedrohliche Ausmaße an. Dazwischen gibt es jene kurzen Fahrten über das von Ackerbau geprägte Land. Als Kontrast ist das Kloster zu sehen, das draußen liegt und ein altes Gemäuer ist. Innen sieht es dennoch kahl und unwirtlich aus, kein Ort zum Wohlfühlen. Dies belegt eine weitere absurde Situation mit dem Fernsehen, welches öfters aussetzt, kein Bild zeigt, wo die Blinden eher gelangweilt davor sitzen. Eine subtile Assoziation mit Abfall gibt es: Der Mülleimer kullert mehrfach herunter bzw. wird angestoßen, einmal kippt der Putzwagen. Mit der Suppe (bekommen die eigentlich nichts anderes zu essen?) gibt es ebenfalls einige Sauerei (die Kelle befingern, die Suppe auf dem Boden oder zurückschütten). Dies inszeniert Sahling weniger als Ungeschicklichkeit der Blinden, sondern als von den Guckis aufgestellte Hindernisse. Lustig ist, wie Inga, Marie und Herbert im Gleichtakt marschieren, zum Teil aneinander gehängt. Natürlich ist es fast märchenhaft, dass gerade sie den Wettbewerb gewinnen, aber der Film betrachtet das als Nebeneffekt, hält sich kaum damit auf und vermeidet so den Kitsch. Ganz langsam und sachte schreitet er voran, nimmt sich Zeit mit seinen Personen. Da es sich um wirklich blinde Personen handelt, kommt die Authentizität voll herüber und wirkt eindrücklich, z.B. in der Unsicherheit ihrer Bewegungen. Ebenso gibt es Einblicke in den Alltag der Blinden. Alles wird in eine ansprechende, introvertierte Geschichte verpackt, die die Menschen und ihre Gefühle in den Mittelpunkt stellt. Dieser außergewöhnliche Kinderfilm hat seine Preise verdient und ist alles andere als ein Blindgänger in der Kinolandschaft, auch für Erwachsene. Achim Hättich |
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