BabelBabelIñárritu, Alejandro GonzálezMexiko/Frankreich/USA 2006Phantastik/Kinder; Surrealismus; Soziologie; behinderte Person;
Abdullah (Mustapha Rachidi) ist im marokkanischen Gebirge Ziegenhirt und kauft ein Gewehr, um die Schakale zu vertreiben. Seine Söhne Yussef (Boubker Ait El Caid) und Hassan (Abdelkader Bara) müssen sich damit beweisen, Yussef zielt auf einen Bus und trifft die amerikanische Touristin Susan Jones (Cate Blanchett), die mit ihrem Ehemann Richard (Brad Pitt) unterwegs ist. In San Diego macht sich das mexikanische Kindermädchen Amelia (Adriana Barraza) mit ihrem Neffen Santiago (Gael Garcia Bernal) und den beiden Kindern der Jones Mike (Nathan Gamble) und Debbie (Elle Fanning) nach Mexiko auf, um dort bei der Hochzeit ihres Sohnes zu sein. Schliesslich haben wir noch die taubstumme Chieko (Rinko Kikuchi) in Japan, die von ihren Volleyballkameradinnen gehänselt wird, noch nie jemanden gefickt zu haben und nun dies in die eigene Hände nimmt. B hat ein ungewöhnliches Format, indem er die drei Geschichten zerstückelt, jene vielleicht noch aufbricht (das Schicksal der Marokkaner vs. dasjenige der Amerikaner; das Leben in San Diego vs. das in den USA). Dazu laufen die Geschichten zeitlich nicht parallel, sondern nonlinear. Hierin zeigt sich der phantastische Aspekt am deutlichsten, eine Unterhöhlung deterministischer Realitäten. In Marokko beginnt es mit dem Schuss auf den Bus, dann wechselt es zu dem Anruf von Richard an Amelia (wo berichtet wird, was geschehen wird) und an Mike (mit den Einsiedlerkrebsen), bevor überhaupt die Jones in einem Feldlager zu sehen sind. Einige Zeit danach kommt der Schuss, bevor die Geschichten von Anwar und Susan parallel laufen und konvergieren, bis zum Ende geführt werden, während Amelia sich nach Mexiko aufmacht. Richard ruft am Filmende Mike an, B ist am Anfang angekommen. Aber wir wissen, dass Amelia nach Mexiko deportiert wurde. Für sie gibt es als einzige kein Happyend, obwohl der Regisseur für die Figur der Landsfrau am meisten Sympathie hätte haben müssen. Überhaupt ist die Deportation relativ eine flüchtige Episode, trotz der Tragweite. Hingegen läuft die japanische Episode linear. An Irréversible kommt die Zeitstruktur von B bei weitem nicht heran. In Marokko ist relevant, dass die amerikanischen und europäischen Touristen auf fast imperialistische Art in ein arabisches Land kommen. Das zeigt sich darin, dass das Restaurant die Wünsche nicht befriedigen kann, ein angehaltener Lieferwagen sowie schliesslich der Bus einfach weiterfahren, dass die Touristen beim Aufenthalt in Tamarzine schimpfen, dort zwar die Gastfreundschaft gut ist (die sie sich nicht bezahlen lassen wollen), aber die Organisation schlecht oder die Diagnose bewusst falsch übersetzt wird. Lange muss auf den Krankenwagen gewartet werden, der dann doch nicht kommt, weil die amerikanische Botschaft den Einheimischen nicht traut. Die Amerikaner messen dem Zwischenfall grosse Bedeutung bei, die Rede ist von einem terroristischen Angriff, rühren aber ausser Pressekonferenzen kaum ein anderes Händchen, um die Bürgerin in Sicherheit zu bringen. In Japan ist es kaum besser. Chieko geht sexuell sehr aggressiv vor. Sie trägt keinen Slip, spreizt die Beine, womit sie die vorher sie wegen der Behinderung abweisenden Jungen reizt (für Sex spielt die Ontologie des Gegenübers keine Rolle). Sie nähert sich dem Zahnarzt unsittlich, stellt sich nackt vor Inspektor Mamiya und will auch diesen verführen, was ihr wahrscheinlich im Gegensatz zu einer Tröstung nicht gelingt. Sie führt die Hände der Männer an Vagina und Brust und braucht doch nur Geborgenheit. Beim Volleyballspiel hat sie sich gegen eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters gewehrt und wurde vom Platz gestellt, was die anderen ihr übelnehmen und auf fehlenden Sex attribuieren. Behinderte, als Monster bezeichnete Personen können untereinander fies sein, aber so positiv werden sie nicht dargestellt, sondern als sex- und vergnügungssüchtig. Mit ihrer extravertierten Freundin geht sie auf Jungenjagd, Chieko selbst macht einen traurigen Eindruck, der vieles sein kann: ihre Behinderung, der gewalttätige Selbstmord der Mutter (dem Vater nach hat sie sich erschossen, für Chieko ist sie vom Balkon gesprungen), bei der Chieko Augenzeugin war, der abwesende Vater (ein Mittagessen mit ihm lehnt sie jedoch ab), ihre Jungfräulichkeit. Hier bleibt der Film sehr ungenau und beliebig. Von einer Integration kann keine Rede sein. Alles andere ist das übliche pubertäre: nach Jungens schauen, Drogen konsumieren. Er zeigt natürlich die Probleme von Taubstummen, z.B. in der Disco (eine viel zu lange Szene), wo wir zwischendurch den Lärm nicht hören und uns wundern, wie jemand tanzen kann, wenn er/sie nichts hört. Eine Parallele gibt es zu Yussef, der auch ein sexuelles Problem hat, denn er beobachtet seine Schwester nackt (die jenes bewusst in Kauf nimmt) und holt sich später einen runter. Die unglücklichen Umstände hinsichtlich Amelia gehen so: sie findet keine Ersatzbetreuung, Santiago ist nicht begeistert, die Kinder sind in der Fremde mit einer anderen Sprache und anderen Bräuchen (die Hühnerjagd machte Debbie und Mike Spass, aber das dem Huhn der Hals herumgedreht wird, verstört), eine gewisse Integration der Kinder gelingt, Amelia lässt sich von einem Machotyp verführen (will uns das belegen, dass wir alle einen sexuellen Drang haben oder was soll das?). Alle könnten übernachten, aber Santiago will spät zurück, trotz Alkoholisierung. Er wählt einen wenig befahrenen Grenzübergang, wird dort aufgehalten und ungehalten, soll auf einen Parkplatz, gibt Gas und flüchtet. Bei der Verfolgung biegt er in die Wüste ab, setzt Amelia und die Kinder aus, will die Verfolger ablenken. Von ihm hören wir nie mehr etwas (genauso wie das Schicksal der Marokkaner offen bleibt). Amelia tut das beste für die Kinder, geht Reifenspuren nach, die einzig zurückführen, will Hilfe holen und lässt die müden Kinder zurück. Sie trifft auf eine Grenzpatrouille, die ihr Pflichtverletzung vorwirft und sie festnimmt und darauf erfährt, dass sie sich illegal im Lande aufhält. Brutal zeigt sich nicht vorhandene Menschlichkeit und Prinzipienreiterei, die aus ethisch begründbaren Handlungen Verbrechen machen. Amelia hat in einer ausweglosen Situation unter brennender Sonne getan, was zu tun war, aber sie hat die tragischsten Konsequenzen zu vergegenwärtigen. Damit ist sie nicht unähnlich Hassan, der von der Polizei schwer verletzt wird. Natürlich hat er mitgehangen, konnte selbst aber nicht richtig schiessen, hat angestachelt und es nicht verhindert. Ebenso trifft es Susan, die betrübt, gestresst und eher widerwillig die Reise mitmachte (zu Richard: „You’re the reason why I can’t relax.“, aber im Bus berühren sich ihre Hände), sich über die häufigeren Fluchten von Richard mokiert, wobei beide den Tod eines Kindes zu beklagen haben. Sie hat profunde Verlassensängste („Richard, don’t leave me“), die stärker wiegen als ihre körperlichen Schmerzen, die sie in einen jämmerlichen Zustand versetzen. Wer schon Opfer ist, wird umso mehr viktimisiert. B zeigt, wie schnell jemand zum Terroristen abgestempelt wird, was zu absurder internationaler Aufmerksamkeit führt. Die marokkanische Polizei ist brutal und tritt die Verdächtigen, jagt diese mit Waffen und kann sie letztlich stellen. Die amerikanische Polizei schikaniert psychisch und fängt Santiago nicht. Beider Treffsicherheit ist nicht zum Besten bestellt. Es geht weniger um das Babel individueller Verhältnisse, sondern um kulturelle Missverhältnisse, wobei die Verständnisprobleme Taubstummer der Sahnetupfer sind. Manche Wechsel sind gut wie Susans Schrei und dann die Taubstummen. Es gibt auch Bilder, die verschwimmen, aber das Konzept dahinter ist verschwommen. Das Sprachpotpourri ist vielfältig, neben Zeichensprache Französisch, Englisch, Spanisch, Japanisch, Arabisch und Berberisch. Die Verständigungsmöglichkeit ist immer gegeben, obwohl nicht immer verstanden wird. Zu Missverständnissen führt dies allerdings kaum. Gelungen sind die nationalen Kontraste von dem rauen, urtümlichen Marokko über das lebensfrohe, etwas besser entwickelte Mexiko bis hin zur japanischen modernen Stadt. Möglicherweise will suggeriert sein, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings weltweite Konsequenzen hat (s. The Butterfly Effect), aber kann dies so banal sein? Unglücklich war es, die Stories zu verquicken. Aus Mexiko und Marokko hätte viel gemacht werden können. Iñárritu, der auch in seinen vorherigen Filmen 21 Grams und Amores Perros die Phantastik streifte und eigentlich so was macht wie Slipstream, schielte unvorteilhaft auf den Mainstreammarkt und Hollywood, wobei er sich mit Kritik an den USA zurückhält, dass es fast schon reaktionär rüberkommt. Den Film widmet er seinen 2 Kindern, den „brightest lights in darkest night“ Jene Kontraste durchziehen diesen visuell anschaulichen Film, dem allerdings in seiner inhaltlichen Aussage weniger Verwirrung zugute gekommen wäre. Achim Hättich |
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