Gangs of New YorkGangs of New YorkScorsese, MartinUSA/Deutschland/Großbritannien/Italien/Niederlande 2002Drama/Religion; Rassismus; Krieg; Rache; Politik; Soziologie; Geschichte; Ausgrenzung; Migration; 1846 kommt es zu einer blutigen Fehde rivalisierender Banden in New York – Natives gegen Iren -, die für 'Priest' Vallon (Liam Neeson) tödlich enden. 16 Jahre später kehrt dessen Sohn Amsterdam Vallon (Leonardo DiCaprio), der das Geschehen damals beobachtete, zu dem lebensfrohen Gebiet der Five Points in New York City zurück, um Rache gegen den mit Furcht 47 gewordenen Bill 'The Butcher' Cutting (Daniel Day-Lewis) auszuüben, der seinen Vater tötete. Bald schließt er Freundschaft mit Johnny Sirocco (Henry Thomas), was noch stärker mit der hochnäsigen und eingebildeten rothaarigen Taschendiebin und Turteltaube Jenny Everdeane (Cameron Diaz) der Fall ist. Rivalitäten bestehen in diesem Melting Pot nicht nur zwischen verschiedenen Gangs, verschiedenen Nationalitäten und verschiedenen Ethnien, sondern auch zwischen der Bezirks- und der Stadtpolizei sowie zwischen verschiedenen Feuerwehren, die sich erst einmal kloppen, wer den Brand löschen kann, bevor dann das Haus eh abgebrannt ist. Im Wesentlichen ist es ein jeder gegen jeden, Koalitionen kommen nur schwer zustande, bis am Ende dann die Lunte am lodern ist, was die Leute zusammentreibt. Es handelt sich um unruhige Zeiten, welche die Menschen aber auch gleichsam gegeneinander aufwiegelt, am besten wenn dies externalisiert wird. Es ist die Zeit, wo die Sklaverei abgeschafft wird, was die Natives gegen die Union aufbringt. Es scheint, dass die Iren mehr Zielscheibe sind als die Schwarzen, was sich in einer von Bill aufgestellten Lohnskala ausdrückt: „I don't see no Americans. I see trespassers, Irish harps. Do a job for a nickel what a nigger does for a dime and a white man used to get a quarter for.” Er kombiniert auch alles: “You mother-whoring Irish nigger.” Auf einer amerikanischen Flagge steht “Native Americans beware of foreign influence”. Die Dead Rabbits werden ausgelöscht, ihr Namen darf nicht mehr erwähnt werden, sie werden vom Erdboden getilgt. Aber es trifft genauso die eigenen Leute: Die Armee ködert zur Beteiligung im Bürgerkrieg mit sanftem Zwang die Rekruten auch mit Bürgerrechten, wobei man sich mit 300$ freikaufen kann, was wiederum heißt, dass die Reichen sich drücken können. Jener Krieg wird als sehr verlustreich beschrieben, am besten ausgedrückt durch die Einstellung, als auf einem Schiff auf der einen Seite die Soldaten einsteigen und auf der anderen die Särge entladen werden. Namen gefallener Soldaten werden gezeigt, ein Bild von Lincoln verbrennt. Bei der Niederschlagung des Widerstandes gehen die Soldaten äußerst brutal vor. Bill erschießt den Sheriff, der ihm nicht passte. Unter diesen Umständen hat Walter 'Monk' McGinn (Brendan Gleeson) auf seinem Knüppel 44 Striche. Sie stehen dafür, dass die Iren glaubten, dem Krieg und dem Ungemach in Irland zu entfliehen, um sich in Amerika ein Fleckchen Frieden zu ergattern. Was sie antrafen, war nichts als Krieg und nicht nur einmal taucht die Sehnsucht auf, wieder zurück zu sein. Entwurzelt haben sie nicht die Erde gefunden, um sich neu zu verwurzeln. Im menschlichen Zusammenleben sind zwei Dinge wichtig: der Blick und die Berührung. Der Vater rät Amsterdam in seiner Stunde des Todes, niemals weg zu sehen, während Bill befiehlt, dass keine Hand den Leichnam anrühren darf, aber es zulässt, dass Monk seinen Lohn nimmt. Ein anderer befiehlt ihn anzusehen, bevor er zusticht. Bill besteht auf körperlicher Distanz, kritisiert jedoch, dass nicht in seine Augen geblickt wird, konnte aber Priest, von dem ihn einzig der Glauben trennte, nicht in seine sehen. Jenny will Amsterdam nach dessen Verfolgung und Kontaktaufnahme nicht wieder sehen, wählt aber ihn als Tanzpartner, nachdem sie im Spiegel Männer betrachten musste. Nach dem Tanz fordert sie ihn auf, näher zu kommen und sie zu küssen. Als er das ihr von Bill geschenkte Amulett sieht, bricht Amsterdam die Liaison ab, ohne mit ihr geschlafen zu haben (er will nicht das, was übrig bleibt), was in einer späteren Szene er ihr indirekt zum Vorwurf macht (mit allen geschlafen zu haben, nur ihm nicht). Sie zeichnet darauf ein bezeichnendes Bild von Bill: „... well, he doesn't fancy girls that's scarred up. But you might as well know in your own mind that he never laid a hand on me until I asked him to.” Allerdings blickt er eifersüchtig auf sie, wie sie es mit allen treibt, während er anderen Frauen im Arm liegt. Doch es gibt Ausnahmen, wenn davon das Geschäft floriert. Bill ist mehr Geschäftsmann, weil er von allen, ob Freund oder Feind, seinen Tribut einfordert und mit allen Geschäfte macht. Eigentlich hat er weder eine Moral noch eine Ideologie (er feiert den Sieg über Priest bei Chinesen, natürlich nicht ohne jene zu verunglimpfen), aber alles unter Kontrolle, von der Politik über den Handel bis zur Polizei: „Everything you see belongs to me, to one degree or another. The beggars and newsboys and quick thieves here in Paradise, the sailor dives and gin mills and blind tigers on the waterfront, the anglers and amusers, the she-hes and the Chinks. Everybody owes, everybody pays. Because that's how you stand up against the rising of the tide.” Es steckt immer auch was vom Überlebenskampf in der Ökonomie. Religion ist wiederum äußerst ambivalent wiedergegeben: Religion grundsätzlich als Anlass zur Gewalt, nur wenn vom Dogma abgewichen wird; die Beziehung von Gott zur Gewalt: „Lord, place the steel of the Holy Spirit in my spine and the love of the Virgin Mary in my heart.“ McGloin (Gary Lewis) schimpft “Father! Jesus, did you know there's a nigger in ya church?” Bill vor allem geht einerseits auf Distanz zur Religion, nicht ohne sich ständig auf sie zu berufen (er trägt z.B. ein Kreuz um den Hals) „Thank God. I die a true American.”. Er kritisiert deren autoritäre Haltung: “They vote how the archbishop tells them, and who tells the archbishop? Their king in the pointy hat what sits on his throne in Rome.” Auch Jenny bezieht sich zumindest verbal auf Gott. Johnny, der wie Judas an Bill Amsterdams wahre Identität verrät, wird deswegen in eine blutige Schlägerei in einer Kirche verwickelt, wo im entscheidenden Moment ein Tuch fällt und ein Kreuz offenbart wird, wonach Johnny gekreuzigt wird. Hier kreuzt sich das Bild des Verräters mit dem Katalysator. Amsterdam sorgt sich dann ziemlich um den schwer angeschlagenen Johnny, wie auch sein Vater Bill verschonte. Anfangs reden Vater und Sohn über St. Michael: „He cast Satan out of Paradise“, was ihr Schlachtmotto darstellt. Nicht minder kritisch wird die Politik reflektiert, so einer ihrer Repräsentanten, Boss Tweed (Jim Broadbent): “Remember the first rule of politics. The ballots don't make the results, the counters make the results.” Daraus folgt, dass Monk's mit 3000 Stimmen mehr gewonnen hat als es Wähler gibt. Boss Tweed ist moderat und konstruktiv, will in Five points eine soziale Infrastruktur errichten: You may or may not know, Bill, that everyday I go down to the waterfront with hot soup for the Irish as they come ashore. Its part of building a political base.” Er kritisiert ziemlich Bills abschätzige Behandlung der ankommenden Iren, z.B. “ If only I had the guns, Mr. Tweed, I'd shoot each and every one of them before they set foot on American soil.” Tweed verurteilt auch den Krieg: “Sweet Jesus, war does terrible things to people.” Freilich ist auch Tweed nicht über alle Zweifel erhaben, denn als Probleme auftauchen, begibt er sich auf die Suche nach Sündenböcken: „I think maybe we should hang someone….No one important, necessarily. Average men will do. Back alley amusers with no affiliations.” Drei oder vier braucht er, egal welche, die totale Willkür. Und dann das Hängen selbst: andächtig stehen sie da, fast als Erleichterung scheint es aufgenommen zu werden, kein Protest rührt sich, es wird sich nahezu feierlich in sein Schicksal begeben. Um dem noch einen drauf zu setzen, feilscht der zu hängende Arthur auf absurde Weise mit Bill um den Preis für das Amulett seiner Mutter. Scheinbar geben sie sich immun gegen Korruption, Tweed behauptet: “The appearance of law must be upheld, especially when it's being broken.” Währenddessen kassiert Polizist Happy Jack (John C. Reilly) ab bei den Kriminellen, aber leistet gegenüber Bill Widerstand, Amsterdam festzunehmen. Menschen lassen sich kaum einordnen. Bill spielt auf dem Klavier des Faschismus alle Tonlagen und drückt durch Spucken seine Widerwärtigkeit aus. Sei es seine Omnipotenz: „Amsterdam... I'm New York...”; sei es der opferbereite Heroismus: “A *real* native is someone who is willing to die fighting for his country. There's nothing more to it.”; die totale Verunglimpfung Anderer “And which part of that excrementitious isle where your forebears spawned?” oder er redet von “rag tags” oder “meat-headed shit-sack”; eine negierende Weltsicht ist ihm eigen“Civilization is crumbling”; sein Leben ein “…spectacle of fearsome acts. That's what maintains the order of things. Fear.”. Er personifiziert die Gegend, was an den Priester in Night of the Hunter erinnert: “Mulberry Street... and Worth... Cross and Orange... and Little Water. Each of the Five Points is a finger. When I close my hand it becomes a fist.” Die Hauptpersonen tragen seelische Wunden: Bill (der meist einen sehr hohen Hut trägt, damit auch Dominanz ausdrückend) hat ein Glasauge, auf dem ein Falke abgebildet ist und wuchs im Waisenhaus auf; Amsterdam hat früh den Vater verloren (von einer Mutter ist nie die Rede), nach dem Amoklauf nach dessen Tod saß er fast 16 Jahre im Gefängnis; Jenny dagegen verlor mit 12 ihre Mutter (von ihrem Vater ist nicht die Rede), war ohne Zuhause und wurde von Bill aufgenommen. Von einem Kaiserschnitt ist ihr eine große, sichtbare Narbe geblieben. Auf ihre Frage hin offenbart Amsterdam seine Narbe auf der Brust, aber ebenso bei ihm sind die seelischen unverkennbar. Am stärksten müssen jene bei Bill sein. Dies zeigt, mit welcher Wut er die Messer im Theater wirft, Jenny dabei fast verletzt (obwohl sie sich durch ihren Auftritt geschmeichelt fühlte). Bill hat eine persönliche Rechnung offen, die Agens für all seinen Hass ist: “My father gave his life, making this country what it is. Murdered by the British with all of his men on the twenty fifth of July, anno domini, 1814. Do you think I'm going to help you befoul his legacy, by giving this country over to them, what's had no hand in the fighting for it? Why, because they come off a boat crawling with lice and begging you for soup.” Den Film trägt die Rivalität von Bill und Amsterdam, obwohl das kaum forciert wird. Zuerst schmeichelt sich Amsterdam bei Bill ein, will etwas herausschlagen, was nie ganz klar wird in seiner Motivierung und filmisch heruntergespielt wird. Dann meuchelt Amsterdam ihn nach dem Motto „When you kill a king, you don't stab him in the dark. You kill him where the entire court can watch him die.”, nachdem er vorher noch dessen Leben bei einem weiteren Anschlag rettete (den Bill erstaunlich auf die leichte Schulter nimmt). Bill hatte das erwartet und tötet ihn nicht, sondern brandmarkt dieses Schandmal als Monster. Von da an gewinnt der Film an dramatischer Fahrt. Amsterdam selbst sind martialische Rituale nicht unbekannt. Als er das Messer, mit dem sein Vater ermordet wurde, abwischen will, sagt jener „ No son, never. The blood stays on the blade. One day you'll understand.” Gibt es Fehden, kommt die Blutideologie auf beiden Seiten zum Vorschein. Eine richtige Handlung will sich in GONY anfangs nicht entwickeln. Immer wieder drängt sich die Satire nach vorne. In der Komplexität der sozialen Beziehungen bleiben viele Dialoge in ihren Aussagen unbestimmt und ungewiss. Die weniger Begüterten leben in Höhlen, aus denen anfangs Priest und Amsterdam in den Winter heraustreten vor einem zerstörten Haus zur denkwürdigen Schlacht mit Beilen und Mistgabeln, weitgehend in Zeitlupe dargestellt. Höhlen dienen als Refugium zu den Eingeweiden der Erde. Jener Bilder werden am Ende wieder aufgenommen und in ihrer visuellen Qualität noch übertroffen, ein in Asche und Nebel versunkenes New York (auch in der Totalen mit Feuersäulen), von dem graue Ruinen bleiben. Alles Vertraute und Bekannte wurde hinweggefegt. Gegen Filmschluss gibt es häufige Szenenwechsel, als der Mob die Stadt niederbrennt, die verschiedenen Schauplätze der Aktionen zeigend. Es existiert eine ausgeprägte Farbgestaltung, Innenräume wie Höhle und Kirche sind häufig im gelben Farbton wiedergegeben. Amsterdam schließt damit, dass alles aus Blut und Leid erschaffen ist, eine fürwahr existentialistisch erhellende Aussage, die der Film mit jedem Pixel seiner Existenz bestätigt. Lebensentwürfe kreuzen sich mit Schicksalserwartungen Amsterdam sagt gegen Ende: “I give you my word, this all will be finished tomorrow.”, aber Jenny ist skeptischer: „No, it won't.“ Beide behalten auf ihre Art Recht. Scorcese hat mit diesem Film ein gewaltiges Epos geschaffen über eine wichtige Periode in der amerikanischen Geschichte, die auch heute noch sich auswirkt und generell hinsichtlich Rassismus und Ausgrenzung von hoher Aktualität ist. Vielschichtig zeigt er, dass Rivalitäten und Ausgrenzung ein (atavistisches) Wesensmerkmal der Menschen ist, dass der Mensch krampfhaft nach Unterschieden sucht (angesichts dessen sieht Bill den Menschen dem Schwein am ähnlichsten), was im scharfen Kontrast zu seiner angeblichen Zivilisiertheit und Überlegenheit steht. Dies geschieht trotz Wohlstand (der Reichste ist der größte Rassist; s. dazu Foucault über den Zusammenhang von Bourgeoisie und Faschismus) und Religion, die nicht nur das Tier im Mensch nicht bändigen konnten, sondern das soziale Gefälle noch verstärkten. Achim Hättich |
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