Mala Noche Mala Noche Van Sant, GusUSA 1985 Romanze; Amour fou; Unerfüllte Liebe; Migration; - Schwarz-Weiß, kurz farbig
Die Mexikaner Johnny (Doug Cooeyate) und Roberto “Pepper” (Ray Monge) gelangen illegal in die USA und treffen in Portland, Oregon auf Walt Curtis (Tim Streeter), der, - kaum sind sie in seinem Getränkeladen angekommen -, sagt „I want to drink this Mexican boy, Johnny Alonzo, from L.A. near riverside,. He makes my heart throb – thumpety, bum, bum, bum, bum, bum – when I see him” sowie "I wanna show this Mexican kid that I'm gay for him". Doch Johnny ziert sich und Walt versucht durch seine Bekannte Betty (Nyla McCarthy) und dem Gewähren von Vorteilen wie Unterkunft und Essen Johnny näher zu kommen. Vorerst muss er sich mit Pepper begnügen, der dem Geld gegenüber aufgeschlossener gegenüber steht und es auch für 15 $ tut. Als Johnny einige Tage verschwindet, wird Pepper deprimiert und Walt sucht ungeduldig. Johnny taucht wieder auf, geht zu Walt, aber zu einem sexuellen Kontakt kommt es nicht. MN ist der erste Film von Van Zant, für 25000 $ dort entstanden, wo Van Zant aufgewachsen ist, nach dem Buch eines Einheimischen. Er wird als Vorspiel zum New Queer Cinema gesehen und ist in der an sich nur einmal richtig vorkommenden Sexszene expliziter als Jahre später Brokeback Mountain. Jene Szene ist dennoch dezent gefilmt, erlebt ihren Höhepunkt durch einen auf der Tonspur zu hörenden stampfenden Zug, der die sexuelle Energie in einer Dampfmaschine metaphorisiert. Sonst gibt es die üblichen Close-Ups und schnellen Schnitte, wobei mit zunehmender Dauer das Bild undeutlicher, aber mehr ins Detail gehend wird. Walt erzählt im Off und wir bekommen seine subjektive Perspektive dargeboten. Er wird im Wesentlichen positiv gezeichnet. Zwar verbindet er mit seinen guten Taten Absichten, aber jene Taten sind nie so ausschweifend, dass eine Anhängigkeit oder ein schlechtes Gewissen entstehen würde. Walt hat ein prinzipiell philanthropisches Verhalten, er ist freundlich zu seinen Nachbarn, kümmert sich sehr um den kranken Pepper, ist hilfreich (jeder darf mit) und nimmt die beiden zu seinen Freunden mit. Aber er kann auch anders: er schimpft über Mexikaner oder geht nicht unbegründet harsch mit Pennern um (keine Gewährung von Kredit, nicht mit dem Einkaufswagen in das Geschäft). Er entschuldigt sich, als er auf der Feuerleiter des Hotels auf eine kreischende Frau trifft und nimmt die Provokationen von Johnny (zuerst fährt dieser gegen die Leitplanken und nach einem Trotzunterbruch fährt dieser in einer köstlichen Szene mit dem Auto ohne Walt weg, bleibt in Sichtweite stehen und legt sich auf das Dach) oder die Ungeschicklichkeit von Pepper (er fährt das Auto in den Graben) gelassen hin. Natürlich ist er von der Liebe versessen, was manches entschuldigen lässt. Walt, der nie einen sexuellen Kontakt erzwingt, also hier keine Macht ausübt, sondern eher wie ein Schulbub hinter Johnny her ist (Nachlaufen, Fensterln), weiß „A poor mexican has a snowball chance in hell“ oder „poor boys never win“, eine gewisse Empathie ist vorhanden, und noch konkreter „You have no place to stay or hide“. Walt sagt, dass er Johnny nicht besitzen will, keine Absicht hat, ihm böses anzutun und will, dass er ein glückliches Leben führt. Er sagt „I want him badly“ und postiert sich eine Stunde auf dem Boden vor Johnny, ohne dass was passiert. Dieser Johnny sieht es als Spiel, er führt Walt an der Nase herum, lässt seine Muskeln (vor dem Spiegel) spielen. Der Film hat in seiner Photografie einen Noir-Touch. Fast immer regnet es und es ist häufig Nacht, die Schwarz-Weiß-Kontraste sind scharf, die Close-ups vermitteln kaum einen genaueren Anblick der Personen (Gesichter liegen im Schatten), in der ersten Filmhälfte kommt es zum oftmaligen Einsatz der Untersicht, die inferiore Position der Protagonisten anzeigend: jene mittellosen Mexikaner und der um die Liebschaft betrogene Walt (als Johnny zurückkehrt, läuft dieser vor Walt weg, verharrt und die Kamera richtet ihren Blick auf Johnnys Füße). Als Pepper von Polizisten verfolgt wird, flieht er durch Gänge, wird aber letztlich von einem Polizisten mit Hut und Trenchcoat gestellt, der mit den Worten „Freeze or you´re wallpaper“ auf ihn schießt, wodurch Pepper durch das Fenster auf die regennasse Straße hinunter fällt. Vorher gab es bereits ein Wetttrennen mit einem Polizisten, wobei es reicht, dass Johnny sich hinter einem Briefkasten versteckt, dass jener vorbeiläuft. Nebst der kurz aufflackernden permanenten Angst illegaler Immigranten, geschnappt zu werden, zählt dies zu den Momenten des Humors, die hier und da auftauchen. Walt sagt Pepper „make yourself at home“ und jener putzt danach die Toilette. Walt erfolglose Annäherungsversuche werden von dem Lied „Garcias a la vida“ begleitet. An der Tür von Walt erklingt „Silent night“ in einer kitschigen Fassung. Andere Szenen werden spezifisch untermalt, anfangs im Laden fokussiert die Kamera auf Errungenschaften des Kapitalismus; als Pepper bei Walt schläft, ist ein Zug zu hören; in einer Szene draußen werden die Bilder gedreht und das Leben der Randständigen kommt im Vorspann in kleinen Bildvierteln. Die Kamera wandert durch die Räume wie Walt durch die Straßen. Am Ende während des Abspanns wird der Film farbig, alle tollen ausgelassen herum und es fragt sich, ob dies den Spaß über den Film ausdrückt oder ob dies die Freundschaft von Walt mit den beiden Mexikanern zementiert. Minimalistisch und naturalistisch gefilmt ist MN weniger ein Film über Homosexualität als über eine Amour Fou, die sich auf Männer konzentriert. Sowohl Walt als auch Pepper haben Frauenbeziehungen, sind also bisexuell. Während Pepper nahezu dominant, rabiat („You drive like you fuck“) und sehr konventionell rangeht, sucht Walt eher einen Kontakt jenseits der Stereotypen. Der Film dreht sich mehr um Walt, streift das Thema der Migration nur am Rande und gibt dem Spielcharakter zu viel Raum. Aber kein schlechter Anfang und das mit einem tabuisierten Thema.
Achim Hättich |
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