Sophie's Choice Sophie´s EntscheidungPakula, Alan J.USA 1982Drama; Romanze/Holocaust; Kinder; unerfüllte Liebe; Migration; Suizid; Psychologie; Wahnsinn; Nazi; Menage á trois;
Zwei Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges kommt die polnische Katholikin Sophie Zawistowski (Meryl Streep, mit dem Oscar belohnt) als Überlebende der Nazi Konzentrationslagers von Auschwitz nach New York, wo sie seit einem halben Jahr in Brooklyn lebt. Bei ihr wohnt der jüdische Biochemiker Nathan Landau (Kevin Kline), der sie liebt. Aus dem Süden der USA kommt der 22-Jährige Schriftsteller Stingo (Peter MacNicol), „unacquainted with love and a stranger to death“. Alle wohnen im Pink Palace von Yetta (Rita Karin). Der Neuling erlebt direkt den ersten Streit des Paares, wird von ihnen jedoch ebenfalls direkt als Freund akzeptiert und in ihre Aktivitäten einbezogen. Natürlich interessiert sich Stingo bald für Sophie, die andererseits ihm von ihrer traumatischen Vergangenheit erzählt. Aber im weiteren Verlauf erfährt Stingo, dass beide ein Geheimnis verbergen. SC beschäftigt sich mit den Geistern der Vergangenheit, die einen nicht loslassen und lange Schatten voraus werfen. Dabei wird offenkundig, wie sehr Lüge und fehlende Offenheit die Probleme mehr verschärfen denn lösen. Die Schuld wirkt schwer und ist kaum zu tilgen. Aber alle haben daran zu knabbern: Stingo ist ein erfolgloser Schriftsteller, der von Ersparnissen lebt, dem zuerst aller Einkauf auf den Boden fällt und dem das Wort Versager nicht ganz fremd klingen sollte. Nathan ist nicht der Wissenschaftler, der eine Kur gegen Polio entdeckt hat, sondern ein einfacher Bibliothekar; Sophie ist sogar eher eine Antisemitin und ihr Vater war da ein führender Exponent. Nathan ist einer, der zynisch, ausfallend und verhöhnend auf ihre Nazierfahrungen und ihre polnische Nationalität eingeht, sie damit demütigt. Wie sein Bruder Larry Sophie berichtet, ist er paranoid-schizophren, am besten gezeigt, als er vor vielen Spiegeln wie verrückt dirigiert. Dies wurde er, nachdem er als Kind perfekt war (was Sophie sollte, aber nicht erreichte). Bei ihm verschwimmen die Grenzen zwischen Täter und Opfer. Das gleiche trifft auf Sophie zu: es ist eher außergewöhnlich, dass sie in das KZ eingeliefert wird. Sie war in den Widerstandskämpfer Jozef verliebt, dessen Schwester Wanda (Katharina Thalbach) darin sehr aktiv war und sie kaufte Waren auf dem schwarzen Markt. Dort fällt sie direkt auf, ihre Schönheit und ihre Intelligenz, auch dass sie deutsch spricht. Sie wird die Sekretärin des Lagerkommandanten Rudolf Hoess (Günther Maria Halmer), der natürlich beim Anblick mit der ungewöhnlich schönen Frau nur Sex im Kopf hat. Dieser strenge, aber durchaus sorgende und sehr auf Sauberkeit bedachte Familienvater hält damit nicht hinter dem Berg – er spricht sie als Wartende in der Schlange offen darauf an, bei der hemmungslosen Küsserei in seinem Büro verschließt er nicht einmal die Türe. Seine Frau behandelt er dagegen sehr autoritär und herablassend. Auch sonst wird er als eher schwach gekennzeichnet: er erleidet einen Schwächeanfall, muss Medikamente nehmen, erweist sich als nachgiebig gegenüber Sophie, hält sein Versprechen allerdings nicht ein. Himmler kommt nicht zum Abendessen und er wird versetzt, was als Hinweis auf seine sich schwächende Position zu sehen ist. Ein aufschlussreicher Nebeneffekt: Hoess sieht seine Arbeit als Werk Gottes, denn er entscheidet über Leben und Tod. Er outet sich als gottesfürchtig, Jesus als Erlöser, zu dem die Kinder kommen sollen, eine der schrecklichsten auf Leinwand gebannten Szenen, denn er schickt diese in die Gaskammer. Auch bürdet er Sophie eine für eine Mutter unmögliche Entscheidung auf: sie müsse sich für ein Kind entscheiden, welches leben dürfte. Tut sie das nicht, müssten beide Kinder sterben. Es ist absolute Niedertracht, was Hoess verlangt und dabei sogar rational begründet (sie als Polin hätte gewisse Vorrechte gegenüber den Juden). Menschsein wird aufs äußerste pervertiert, in dem Situationen vorgegeben werden, die unter keinen Umständen entscheidbar sind. Am Ende lässt Sophie Eva gehen, während Jan ins Kinderlager kommt. eine ähnliche Szene gab es in The Mask of the Red Death, wo Fransesca zwischen ihrem Vater und ihrem Geliebten zu wählen hatte. Sophie gibt sich opportunistisch und schwärzt auch andere an, damit sie zum Ziel kommt, pocht auf Mitleid. Auch bei Hoess daheim will sie das Radio stehlen, findet aber eine Ausrede, als das Mädchen Emmi sie ertappt. Jene bezeichnet Sophie zuerst als dreckige Polakin, bis sich das altkluge Kind für sie interessiert. Sonst ist Sophie eher unkonventionell, findet im Gegensatz zu Stingo nichts dabei, unverheiratet in den Süden der USA zu gehen. Aber sie ist auch Städterin, die allerdings ihr Krakau als unzivilisiert beschreibt. Es gibt Parallelen, die eigentlich wenig Sinn machen: als Stingo mit Leslie schlafen will, klingelt das Telefon und ihre Mutter ist dran. Als Hoess dasselbe mit Sophie vorhat, klopft es und ein Soldat meldet, Hoess Frau ließe anfragen. Das moralische Gewissen regt sich in beiden Fällen und weiß es zu verhindern. Wobei Leslie zwar ständig vom Sex redet, das allein dies schon neben der Spur liegt, aber „Leslie could say fuck, but she couldn´t do it“ (s. American Beauty). Hier existiert wiederum der Spalt zwischen Vorstellung und Wirklichkeit. Dabei wird sie als Persiflage inszeniert: eher rundlich, aber dies kokett betonend, ist sie sehr jugendlich und unbedarft. Mit Blümchentapete daheim, einem gekachelten Fußboden und mit dem Kaffeewärmer über dem Telefon ist sie die Satire einer jungen Frau. In ihr spiegeln sich Nathan und Sophie, die eine jugendstilartige, kitschige Wohnung haben und sich an Sonntagen in die Kleider vergangener Epochen werfen. Beide sind ähnlich exzentrisch, vor allem Nathan. Die Eltern spielen eine besondere Rolle, Sophie verehrt sie und idealisiert sie sogar, während Stingo die Mutter im Alter von 12 Jahren verlor, aber nicht besonders liebte und Leslie der Kontrolle ihrer Mutter kaum entfliehen kann. Sophie fühlt sich magisch angezogen von Nathan. Sie kann Stingo noch so sehr lieben, noch so sehr in den Armen halten, noch so sehr ihr Herz ausschütten, kaum hört sie das geringste Geräusch, ist sie auf und davon zu Nathan hin. Ihr, die Selbstmord begehen wollte, hat er das Leben gerettet und dafür ist sie ihm fürchterlich dankbar, selbst wenn beide am Ende einen Doppelselbstmord begehen und er ihr außer seiner Exzentrik wenig zu geben scheint, außer seinen häufigen Gewaltausbrüchen und Demütigungen. Nur einmal, als sie einen Schwächeanfall erleidet (zuerst nach der Lektion, dann in der Bibliothek, wo sie zusammenbricht) sorgt er sich um sie, macht ihr Mut und einen sehr schönen Abend. Sie ist bei Körperkontakten die aktivere, während er hinter ihr sitzend für sie Klavier spielt. Der Tod ist bei beiden ein ständiger Begleiter ihrer Worte, Sophie: „Don't you see? We are dying.” oder Nathan zu Stingo: “See you in another life“. Nathan ist sehr eifersüchtig, scheißt Stingo zusammen, als er ihn mit Sophie zusammen antrifft, lässt sich von Sophie besänftigen. Wie es ihn stresst, zeigen seine Schweißflecken. Später verlangt er „“The only single thing I demand of you is fidelity“. Stingo ist da viel aufrichtiger und wahrhafter, hört sie an und tröstet sie, nimmt sie in die Arme „Just trust me“. Auch er will Sophie heiraten, aber bekommt trotz einer gewissen Affinität eine Abfuhr. Sophie hat viele traumatische Erfahrungen durchgemacht, von denen die Narben an den Handgelenken und die Nummer auf dem Arm handelt: die Kinder verloren, Vater und Ehemann tot, einen Suizidversuch hinter sich, Deportation und Emigration. Dafür ist sie sehr lebendig und aufgestellt. Was nicht darüber hinweg täuscht, dass sie schon immer unter Einsamkeit und Angst litt: vom Vater verlassen zu werden, seinen nach Perfektion strebenden Anforderungen nicht genügen zu können; sie wurde nur wegen ihrer Angst von den Nazis aufgegriffen und fühlt sich verlassen von Gott: „Christ has turned his face from me“. Sie wird häufig von oben aufgenommen oder ist kleiner im Bild, ihre untergeordnete Position betonend. Sonst passt sich die Kamera von Néstor Almendros an, so bei Nathan Eloge über Stingo in die Luft. Nach ihrem Abschiedsbrief an Stingo zeigt sie ebenfalls den blauen Himmel und nach dem Suizid noch einmal die Brücke und das Morgenlicht, eher hoffnungsvolle Symbole, wenn auch höchstens für Stingo. Die Szenen in Auschwitz sind dafür fast in Schwarz-Weiß und fahl. Streep spricht mit polnischen Akzent, die Dialoge in Polen sind in polnisch und jene in Auschwitz deutsch, eine sorgfältige Behandlung der Tonebene. Worte wie Vernichtung werden sogar auf Deutsch gesagt. Es gibt eine lustige Verwechslung, denn Sophie versteht, dass es sich um einen amerikanischen Dichter namens Emily Dickens handelt, es ist aber nicht Charles Dickens sondern Emily Dickinson gemeint. Auch spricht sie Stingo am ersten Mal als Stinko aus. Stingo erzählt im Voice-Over und es werden Rückblenden verwendet. Viele Dialoge finden statt, wo es nur um die zwei Personen geht, auf deren Gesicht konzentriert wird, so dass auch die Tränen sichtbar sind. Wie die drei harmonisch über eine Brücke laufen, erinnert neben dem Verlauf der Beziehungen an Jules et Jim. Stingo bleibt kaum die Möglichkeit einer Menage á trois. Dass relativ viel gefeiert wird passt ebenso wenig wie die Exzentrik der Charaktere zu dem schweren Thema von Schuld und Sühne und der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen. Die zweite Hälfte des Filmes ist überdurchschnittlich, weil den Ernst und die Psychologie betonend, während die erste Hälfte eher beiläufig daherkommt. Dies ergibt ein Amalgam inszenatorischer Schwächen, der nach Erklärungen verlangt. Wie bei Sophie haben wir auch eine Entscheidung zu treffen, wenn diese auch nicht so schwerwiegend ist. Achim Hättich |
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