YesYesPotter, SallyGroßbritannien/USA 2004Drama/Romanze; Migration; Familienkonflikt; Sie (Joan Allen) ist eine erfolgreiche aus Irland stammende Zellbiologin, die lieb- und leblos mit dem Politiker Anthony (Sam Neill) verheiratet ist. Da trifft sie Er (Simon Abkarian), den während des Bürgerkrieges aus dem Libanon geflohenen Chirurgen, der nun in London im Exil lebt und sich als Koch in einer Küche verdingt. Es kommt zu einer leidenschaftlichen Liebesaffäre, aber die kulturellen und moralischen Differenzen scheinen letztlich unüberbrückbar für eine dauerhafte Beziehung. Doch als ihre Tante (Sheila Hancock), die letzte lebende Kommunistin in Belfast, ihr kurz vor ihrem Tod rät, nach Kuba zu gehen, befolgt Sie das und nach einiger Zeit kommt Er, das Liebesglück scheint vollkommen, mindestens bis zum Ende des Filmes. Er macht den ersten Schritt und geht auch offensiv erotisch vor, Sie fast berührend, aber als Sie ihn küssen will, wendet Er sich ab. Natürlich landen sie im Bett, gehen das aber poetisch verspielt an (der Rest wird uns vorenthalten), in dem sie etwa die Bedeutung der Zahlen bezogen auf die Zweisamkeit konjugieren. Sie, die Wissenschaftlerin, kontert das mit „Too mystical for me“, bezeichnet sich aber gleichzeitig als Träumerin und Underdog, während Er der Pragmatiker und die Kraft ist, demnach eine klassische Rollenverteilung, selbst wenn sie in ihren jeweiligen Jobs das genaue Gegenteil sind. Angriffsfläche ist ihre Arbeit (fühlen Zellen Schmerz?), für die sie sich nicht verteidigen will. Später liegen sie wiederum im Bett, er tanzt auf einem Stuhl, aber er erzählt von seinem unzufriedenen Status als Immigrant, wie er falsch behandelt wird. Sie fühlt sich missverstanden, weil das zwar für ihre Landsleute aber nicht auf sie zutrifft. Es kommt zu einem unzweckmäßigen Disput, wer am meisten leidet, zu unfruchtbaren Diskussionen über Politik und Gesellschaft und zu einem Aufeinanderprallen westlicher und östlicher Welten, aber bei diesen unpersönlichen Sachen reden sie häufig aneinander vorbei. Als Er dann die Trennung verlangt, nachdem Er bereits bei ihrem Ferienangebot, das Sie bezahlen will, einfach das Handy abschaltet, sind die Gründe wenig nachvollziehbar: ist es verletzter Stolz, wurmt ihn seine Entlassung oder wird ihm bewusst, dass Sie verheiratet ist? Sie versichert ihn „I don´t have lovers, only you“, um zumindest die Eifersucht in Schach zu halten. Bei dem konkreten Abschied spricht Er dann von religiösen Dingen, von dem Entsagen des Mannes gegenüber der Verführung durch die Frau (die Er als inferior betrachtet), nachdem Er vorher auf einem einsamen Spaziergang eine Weihnachtskrippe ausgiebig studierte. Zwar spürt Er keine Zurückweisung von ihr, aber Er verlangt mehr Respekt, fühlt sich in Stolz und Ehre verletzt und somit als unsichtbar, nicht als Mensch. Das ist kaum vom Film nachvollziehbar, weil Er nur bei der Arbeit gezeigt wird (wo Er nach einer Attacke entlassen wird, während sein Kontrahent unbehelligt bleibt) und es da zu Auseinandersetzungen kommt, die jedoch im üblichen Rahmen bleiben. So schlecht geht es ihm dazu nicht, seine Wohnung macht nicht den Eindruck von Armut. Seine Fertigkeiten als Chirurg setzt Er meisterhaft beim Schneiden von Basilikum und Sellerie ein. Er hat die westliche Kultur intus, akzeptiert diese, aber sieht auch die Diskrepanzen: "You buy me with a credit card in a restaurant." Sprache wird bedeutend: "Even to pronounce my name is an impossibility.", abgesehen davon, dass sie kein Wort arabisch kennt und auch sonst keine Ahnung von arabischer Kultur und Religion hat. Der Immigrant muss sich halt immer anpassen. Sie sieht allerdings die Parallelen darin, dass sie beide aus einem Land stammen, wo im Namen Gottes Menschen getötet werden. Aus diesem Grund floh er aus Beirut, denn nachdem er einem Menschen das Leben rettete, kamen Soldaten und erschossen jenen. Ferner zwangen sie ihn, nur solche Leute zu operieren, die auf der richtigen Seite stehen, was er wegen dem ärztlichen Kodex ablehnt, der weder nach Hautfarbe noch Gier ihre Patienten auswählt. Als Er das berichtet, kann er ein Lächeln auf seinen Lippen nicht verbergen, als wenn die geschilderten Ereignisse nicht ernst wären. Immerhin bedeutet seine Flucht für ihn einen sozialen Abstieg. In diesem fühlt er sich fortgespült, spürt seinen Körper nicht mehr (Kamera und Bild schwanken dabei). Sie weiß, was Migrantin sein bedeutet: von Nordirland kommend fühlt sie sich als Irin, war aber auch eine zeitlang in den USA. Potter zeigt nach der vorläufigen Trennung Sie in Havanna, Er in Beirut, das alternative Lebensentwürfe möglich sind – Sie tanzt in einer Disko, Er ist an einer wohl Taufe, wo Er gebeten wird mit der Vortänzerin zu tanzen, aber nach kurzer Zeit davon Abstand nimmt. Er wird somit als treuer gezeigt. Insgesamt sind jene Szenen wegen ihrer Skizzenhaftigkeit zu beliebig geworden. Eine spezielle Rolle spielt Sauberkeit. Die erste Einstellung zeigt ein gelüftetes Plümo, alles ist in weiß, der Reinigungsfrau gehören die ersten Worte, in denen sie sich über die Sauberkeit der Leute auslässt und fragt, inwieweit alles Illusion ist. Das Bett herrichten, das Klo putzen und die Kondome entsorgen gehört zu ihren Tätigkeiten. Auch später rollen immer wieder Reinigungsfrauen durchs Bild, im Schwimmbad oder im Forschungsinstitut. Wo es um moralisch schlüpfriges geht, ist das Putzen der Oberflächen eine Ablenkung. Sonst herrschen sterile Bedingungen im Heim von Sie und im Labor, so farblos wie deren Beziehung. Er verlangt von ihr, dass Sie sich reinigen soll, selbst wenn sie beide eine vulgäre Sprache verwenden und am Ende nicht nur schmutzige Wäsche gewaschen wird, sondern auch der Schmutz verschoben wird. Manches gerät dann doch zu sauber in der Aussparung richtiger Konflikte. Potter lässt viel Raum für die eigene Interpretation, sei es das Kennen lernen der beiden wie auch die Inkompatibilität zwischen ihr und Anthony. Was Ersteres anbelangt, steht sie allein und abgewendet hadernd im Bankettsaal und Er kommt und fragt charmant, ob es ihr gut geht und was so eine schöne Frau alleine macht. Beim Essen hockt Sie betrübt und angespannt da (ihr Nachbar wirkt wenig attraktiv, ihm gegenüber ist sie kurz angebunden), während Anthony mit seinen attraktiven Nachbarinnen vergnügt turtelt. Bereits vorher berührte er eine andere Frau. Am Tisch sitzend senkt Sie den Kopf, ihre Belastung ist spürbar, blickt sich um, aber als Er herumläuft, verständigen sich beide mit nonverbalen Gesten, bei ihm offensichtlicher. Sie hellt auf und begibt sich in die mit vielen Spiegeln ausgestattete Toilette, wo sie sich über ihre Gefühle im Klaren wird. Dann zeigt die Kamera in Draufsicht mit Zeitraffer und fast in Schwarz-Weiß wie sich Sie und Er treffen, ohne dass wir hören, worüber die Unterhaltung geht. Dies besiegelt ihre Beziehung, die mit einem baldigen Anruf und der Verabredung konkretisiert wird. Anthony und Sie werden anfangs zwar räumlich in den Ecken getrennt, aber psychisch Millionen Kilometer entfernt im Auto sitzend gezeigt. Als sie das Restaurant betreten, kommen sie zwar zusammen rein, gehen aber bald getrennte Wege. Daheim gehen sie sich aus dem Weg. Nur einmal sind sie richtig zusammen und das ausgerechnet beim Weihnachtsessen. Sie fragt ihn wie es ihm geht (in Umkehrung des Erstkontaktes mit Er) und er antwortet kurz „fine“. Im weiteren Verlauf kommt es zu einer Auseinandersetzung, Sie verlangt sogar einen Wutausbruch, aber er ist stolz auf seine Selbstbeherrschung und weiß auch kaum worüber er sich aufregen soll, etwa über die verlorenen Träume oder die verlorene Liebe? Schließlich verlässt Anthony nach einigem völligen Aneinandervorbeireden die Wohnung und das am Fest der Liebe Weihnachten. Der Film präzisiert sich mit weiteren Personen. Anthony tritt ins Fettnäpfchen mit ihrem Patenkind Grace (Stephanie Leonidas), der er von seinen Eheproblemen erzählt (dass er von ihr als kalt empfunden wird) und dabei ihre Hand ergreift. Aber Grace hat andere Probleme, sie macht sich bereit für erste Dates, indem es sie wurmt und beschäftigt, zu dick zu sein (keineswegs), aber am liebsten moderne Kleider anprobiert. Er ist gegenüber Anthony aufgeweckter, aktiver, leidenschaftlicher (er tanzt arabisch mit voller Brust- und Achselbehaarung) aber es ist auch eine neue Beziehung. Immerhin wird Anthony gezeigt, wie er zum Blues ausflippt, was zeigt, dass er doch nicht so bieder ist. Sie scheint viel Zeit zu haben, wird nur wenige Momente bei der Arbeit und noch weniger mit ihrem Mann zusammen gezeigt. Am Ende spricht die mögliche Atheistin Gott an, will unter Bereuen seine Hilfe. Kaum fertig, als die ersten Zweifel kommen, erscheint dann Er, ein Triumph der Liebe über die Religion. Das I-Tüpfelchen ist im Krankenhaus, wo zuerst der Weihnachtsmann zur sterbenden Tante kommt und darauf der Pfarrer, eine interessante Gegenüberstellung christlicher Symbole, die zum Teil ihre Bedeutung verloren haben. Die Tante öffnet dann die Augen und lässt auch sonst essentielles vom Stapel: “Communism died, but what came in its place? A load of greed. A life spent longing for things you don't need!“ Wie recht sie damit hat, dass der Beelzebub mit dem Teufel ausgetrieben wurde. Jene Gruppe in der Küche ist so unterschiedlich wie sie nur sein kann. Vor allem die Frisuren: ein dunkelhäutiger hat in Reihen angelegtes Gruselhaar und predigt von Jesus, ein junger Punk hat so was wie ein Hahnenkamm und ist ein Rassist, der sich mit Er sogar körperlich anlegt (Kochpfanne gegen Messer) und der ältere hat eine Glatze und versucht zu vermitteln. Noch absurder wird es, als sie mit Weihnachtskollektion herumlaufen. Viel von diesem Film wird wie bei Shakespeare in jambischen Pentametern gesagt, obwohl sich mehr am HipHop orientiert wird und vieles sich auch gar nicht so anhört. Vor allem Er erweist sich als Poet. Die Reinmachefrau (Shirley Henderson) gibt im britischen Slang fast tuschelnd Beobachtungen und Ratschläge preis, stets mit dem Gesicht zu den ZuschauerInnen gerichtet, aus manchmal geduckten oder opaken Positionen heraus. Ihre den Filmtitel begründenden Schlußworte lauten: „And, in the end, it simply isn't worth / Your while to try and clean your life away. / You can't. For, everything you do or say / Is there, forever. It leaves evidence. / In fact it's really only common sense; / There's no such thing as nothing, not at all. / It may be really very, very small / But it's still there. In fact I think I'd guess / That "no" does not exist. There's only "yes". Dies ist affirmativ, den Weg des Herzens zu folgen, unabhängig von Moral und von Rassen- und Statusschranken. Am Ende werden beide verschwommen mit raschen Schnitten sowie Überblendungen sich im Sand wälzend gefilmt, als wenn sie nicht fassbar wären, eine Flüchtigkeit der Beziehung andeutend. Gleiches gilt für jene taumelnde Szene im Restaurant, wo beide vulgär-infantil sich gegenseitig anmachen und die Kamera um sie kreist, sie von unten filmt durch Gläser, mit angeschnittenen Perspektiven. Der ganze Film macht einen sehr manierierten Eindruck. Es gibt schiefe Perspektiven (bei ihrem Vortrag) und viele Voice Over-Kommentare oder Blicke der Kamera von oben oder von unten. Viele stilistische Mittel dienen der Distanzierung. Zweimal haben Bilder von Zellen Bedeutung: Zellen gehen in den Ausguss in ihrer Küche über und die finale Kussszene geht über in das Bild von Zellen. Potter entfremdet das Bild nahezu ständig und gibt dem ganzen Film dadurch etwas Unbeständiges. Sie hätte sich aber mehr auf die Beziehung zwischen Er und Sie konzentrieren sollen, deren grundsätzliche Schwierigkeiten und Kontraste diskutieren, ihnen mehr Raum für sich einräumen. Obwohl der Film in seiner Gefälligkeit auf den Mainstream schielt, fiel er zumindest in den USA beim Publikum total durch.
Achim Hättich |
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