Fremde Haut

Maccarone, Angelina

Deutschland/Österreich 2005

Drama/Migration; Geschlechtsrollen; Rassismus; Persönlichkeitsaustausch; Suizid; Romanze;

Fariba Tabrizi (Jasmin Tabatabei) und Siamak (Navid Akhavan) flohen aus dem Iran, weil sie als „gefährliche Lesbe“ verfolgt wurde, weil er in einer illegalen Studentenbewegung aktiv war. Beide lernen sich am Frankfurter Flughafen auf der Toilette der Einwanderungsbehörde kennen, nach einem Austausch von Zigaretten. Beiden sitzt die Angst im Nacken, ins Heimatland abgeschoben zu werden. Als Siamak, dessen Bruder ermordet wurde und der einen Fluchtversuch aus Polizeigewahrsam wagte, aus Angst vor Bestrafung Selbstmord begeht, nimmt Fariba seine Identität an, um bessere Chancen auf eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Fleißig schreibt sie den Eltern von Siamak Briefe, in denen sie von allem schwärmt. Tatsächlich bekommt sie diese schließlich und muss in einem Heim in Süddeutschland ein Zimmer mit dem Weißrussen Maxim (Jevgenij Sitochin) teilen. Um sich Geld für einen Pass mit ihrer wahren Identität zu beschaffen, arbeitet Fariba in einer Sauerkrautfabrik. Dort lernt sie Anne (Anneke Kim Sarnau) kennen, die sich zuerst mehr auf Drängen einer Kollegin nach einer Männerbekanntschaft für den mysteriösen, stillen Fremden interessiert. Zwischen beiden entsteht eine Bindung, die von Annes Ex-Freund (und Vater ihres Kindes?) Uwe (Hinnerk Schönemann) und dessen Freund Andi (Jens Münchow), dem Mann der schwangeren Sabine (Nina Vorbrodt) missbilligt wird. Trotz der Anziehung zwischen ihr und Anne kann Fariba ihre wahre Identität nicht offenbaren; denn beim kleinsten Fehler sitzt ihr die Asylbehörde im Nacken und Abschiebung droht. Außerdem lauern Uwe und Andi nur auf eine Möglichkeit, dem verhassten Siamak übel mitzuspielen.
FH packt heikle politische Themen an, dazu Fragen zu Religion, Kultur und Geschlecht. Die durchaus vorhandene politische Schiene wird ziemlich heruntergespielt, auch die Probleme eines anderen Geschlechtes beschränken sich auf die Weigerung zu duschen, das Entfernen der Bandagen und das Suchen von Tampons. Sie ist ein Junge, spielt diese Rolle spröde, hält sich raus und es bleibt dabei. Mehr Pfeffer und Pep hätten nicht geschadet.
  Die sehr schweigsame und zurückhaltende Fariba muss um Akzeptanz kämpfen, vieles dürfte auch schlicht neu sein. Dazu die Anpassungsschwierigkeiten und die Angst: überhaupt bleiben zu dürfen, einen Pass und damit eine amtliche Identität zu bekommen, die Anerkennung als Flüchtling zu erlangen. Sie wandert herum und besucht auch eine christliche Kirche, während sie gleichzeitig ein Amulett trägt, welches ihr Schutz verliehen soll. Fariba erscheint oftmals wehrlos, und das besonders in ihrer Männerolle, während sie vorher selbstbewusst auftrat. Mit ihrer Vergangenheit schließt sie ab, die Geliebte im Iran will keinen Kontakt mehr, da zu gefährlich und Fariba zieht einen Schlussstrich, indem sie das Foto, auf dem beide zu sehen sind, verbrennt. Beim Kegelabend trifft sie natürlich keinen einzigen Kegel, singt aber, nachdem sie von den Anderen hoch genommen und lächerlich gemacht wird, auf anrührende Weise ein persisches Volkslied, welches Eindruck bei der Gruppe macht, worauf sie sich einen Schnaps genehmigt, was diesen noch verstärkt.
Immer wieder gibt es für Anne Anlass sich zu wundern. Bei der Nachhausefahrt nach dem Kegelabend stutzt Anne, wie zart die Haut und wie klein die Hände von Fariba sind. Als Anne zu ihr kommt und ihr von ihrer Schwangerschaft mit dem Kaiserschnitt mit Melvin (Leon Philipp Hofmann) erzählt (Anne zeigt ein Foto, von dem die Ecke fehlt), fragt Fariba, ob die Narbe noch weh tue. Anne sagt „Das hat mich noch niemand gefragt, jedenfalls kein Mann.“ In großer Zärtlichkeit nehmen sie sich in die Arme, aber Fariba zuckt zurück, fürchtet sich vor Annes Reaktion. Irritiert verlässt Anne das Zimmer. Fariba läuft hinter ihr her, sie küssen sich, initiiert von Fariba. Fariba versucht mehrfach, ein Geständnis zu machen, aber Anne lässt es wenig zu. Nach ihrer Flucht, als Anne sie entkleidet, die Bandagen löst, ist die Überraschung sehr gedämpft (die Kamera geht dabei anfangs auf Distanz), die wilden Küsse von Fariba lenken Anne womöglich ab, sexuelle Ekstase ist personenunabhängig. Anne ist sowieso jemand, die gerne andere kennenlernt, vor allem jene, die eine andere Art zu denken und zu fühlen haben. Von daher ist Fariba die Richtige. Allerdings wird dies nicht von Anfang an so inszeniert, da Katharina sie erst überreden muss und dann noch das Spiel macht, wer zuerst durch die Tür käme, mit dem solle Anne was abmachen. Anders als im Märchen ist es die Richtige. Als Fariba die Ausweisung droht, kommt sie zu Anne, um nach Hilfe zu suchen. Aber Anne wird misstrauisch, weil sie sich doch nicht in Migranten einfühlen kann und glaubt, Fariba habe sie belogen (dass sie Geld sparte auf ein Ereignis hin, welches höchst unwahrscheinlich war). Schneller merkte es die Prostituierte Lu, die Uwe der widerstrebenden Fariba spendierte. Im Séparee zögert Fariba, aber auf deren Drängen kommt es zu Zärtlichkeiten, wobei Lu ihr schnell zu verstehen gibt, dass sie "macht es nicht mit Frauen". Fariba kann bis zum Ende der bezahlten Zeit bleiben und Lu verrät sie nicht.
Die Polizei ist wenig hilfreich, sie drücken die Repression durch. Lediglich in dem Heim gibt ein Beamter einem Kind ein Plüschtier. Sie picken vor allem sie heraus, obwohl sie gar nicht fremdländisch aussieht, aber dass entspricht einer filmischen Dramaturgie (s. Maria, llena eres de gracia). Als Uwe wie verrückt Schlangenlinien fährt und von einer Streife angehalten wird und darauf die Papiere überprüft, sprechen Beamten eine Geldstrafe aus, weil Siamak als Asylbewerber trotz Residenzpflicht den Landkreis verlassen hat, während Uwe unbehelligt bleibt. Ein BGS-Beamter will eine amtlich beglaubigte Kopie des Todesurteils, nachdem sie versäumte mitzuteilen, dass sie Übersetzerin ist und die deutsche Sprache perfekt beherrscht. Als sie im Aufnahmeheim telefonieren will , - das öffentliche ist kaputt, was auch ein Kommentar über die Verhältnisse solcher Institutionen ist -, erlaubt ein Beamter ihr den Anruf in den Iran großzügigerweise, fragt sie aber während des Anrufs die ungelösten Fragen seines Kreuzworträtsels, wie z.B. einen Dichter aus der Romantik (s.a. Brief Encounter). Das Niemandsland Flughafen wird vor allem durch Stacheldraht charakterisiert, dort wo die Freiheit liegt, aber nur jene für Touristen.
  Es gibt einige Ungereimtheiten: wie schmuggelt Fariba die Leiche Siamaks so einfach im Koffer raus und transportiert diese herum? Welche Hygienevorschriften bestehen bei der Herstellung von Sauerkraut, wenn die Illegalen sich im Bottich mit dem geschnetzelten Kohl verstecken können? Wieso nimmt Anna es einfach hin, dass Siamak kein Mann ist? Wieso nehmen Andi und Uwe Siamak mit ins Bordell, alle sind keine Jugendlichen mehr? Wieso macht Uwe einen größeren Aufstand, als er erfährt, dass Siamak eine Frau ist? Ist es Eifersucht, Übermut oder Rassismus? Jene Verunsicherung überträgt sich formal: Als Anne und Fariba das Auto bei Avis entwenden, werden beide von der Seite her abwechselnd unscharf gezeigt, während jener, der ihr den Pass besorgt beim entscheidenden Gespräch mit ihr nur im Autospiegel zu sehen ist. Dies dokumentiert, wie fragmentiert die Persönlichkeiten sind. Wie multikulturell alles ist, zeigt die Passagen in Farsi, Russisch und ein wenig Englisch.
Maccarones Film leidet darunter, sich mehr dem Sauerkraut und den riesigen Kohlköpfen zu widmen als der Innenansicht von Fatiba. Zu wenige werden die essentiellen Fragen wiedergeben, zu plakativ ist die Handlung. Die fremde Haut trifft gleich zweimal zu. Zuerst in einem anderen Land samt Kultur und Religion und dann als Mann. Dennoch ist Maccarone ein wichtiger, zumindest ernster Film gelungen (anders als Männer in Frauenkleidern wie Tootsie oder Some like it hot oder Frauen in Männerkleidern wie The merchant of Venice oder It happened Tomorrow), der auf die Situation speziell der Frauen im Iran aufmerksam macht und prompt dort verboten wurde.

Achim Hättich
 

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