Gegen die Wand

Akin, Fatih

Deutschland 2004

Romanze/Migration; Familienkonflikt; Suizid; Drogen; Musik; Verfall; Verquere Hochzeit; Downbeat;

Hamburg: Die 1983 in Deutschland geborene Türkin Sibel Güner (Sibel Kekilli) will den strengen Regeln ihres Elternhauses entfliehen und begeht einen Suizidversuch. In einer Klinik lernt sie den verzweifelten, 1960 geborenen, verwitweten Türken Cahit Tomruk (Birol Ünel) kennen, der alles Türkische aus seinem Leben verbannt hat, praktisch nur seinen „Onkel“ Seref (Güven Kiraç) - der von der Ehe überhaupt nichts hält (niemandem was schuldig und Ruhe haben) - sowie Friseuse Maren (Catrin Striebeck) als Bezugspersonen hat und mit seinem Auto gegen die Wand gerannt ist. Sie macht ihm unvermittelt einen Heiratsantrag, welchen er, der gegen so ziemlich alles ist, natürlich von sich weist. Aber wie das Schicksal so spielt, bei jemand der eh weder eine Chance noch eine Wahl hat, Cahit willigt ein und lässt Sibel zu sich ziehen. Beide leben einander vorbei, obwohl Sibel sich einerseits wahrhaft um ihn bemüht, andererseits aber ähnlich wie er ein unbeschwertes und zügelloses Leben führt. Beide kommen sich jedoch näher und empfinden plötzlich Liebe füreinander. Als Sibels zurückgewiesener One-Night-Stand Nico (Stefan Gebelhoff) ausfällig wird und provoziert, tötet Cahit diesen im Affekt. Cahit wandert ins Gefängnis, Sibel wird von ihrer Familie Vater Yunus (Demir Gökgöl), Bruder Yilmaz (Cem Akin) und Mutter Birsen (Aysel Iscan) verstossen und geht nach Istanbul zur Cousine Selma (Meltem Cumbul), die in einem Hotel arbeitet und voll auf ihre Karriere abfährt. Das passt Sibel nicht, aber im Weiteren wird sie vergewaltigt und brutal zusammengeschlagen. Das ändert ihre Einstellungen. Als Cahit entlassen in die Türkei kommt, liegt kaum mehr als ein flüchtiges Rendezvous drin. Beide sind zu Anderen geworden.
  Über den Film hinweg zeigt sich das Phänomen, dass PartnerInnen unterschiedlich sind, die Komplementärthese bestätigend, und die eine Person versucht, die andere Person nach dem eigenen Bild und Wünschen zu manipulieren, bis die Andere ist wie sie, um sie dann fallen zu lassen. Sobald sie sich näher kommen, geht es auseinander, Anziehung bewirkt Abstoßung. Sibel versucht das zwar nicht explizit, aber doch geht er mehr auf sie zu als umgekehrt. Freilich bewegt sie sich weiter zu einem Leben, welches sie vorher noch ablehnte (hat der brutale Überfall auf sie ihr die Gefahren eines gegenüber Rollen nonkonformen und lotterhaften Leben aufgezeigt oder stammt das Kind sogar aus der Vergewaltigung?), obwohl sie zuerst das wurde, was Cahit war: sie sucht exzessiv Drogen, tanzt wie er wild herum, stürzt zu Boden. Dann wird sie zum Opfer: der Barkeeper vergewaltigt sie, als sie bewusstlos ist und drei Männer, die sie freilich provoziert, schlagen sie brutal zusammen, einschließlich eines Messerstiches. Jene, die des Aufbrechens nie müde wurde, wird sesshaft. Cahit ist jedoch ebenfalls da angekommen und die beiden würden sich wahrscheinlich bestens verstehen in einem bürgerlichen Habitus, aber das soll oder kann nicht sein. So wie alles montiert wird, sind der Rätsel einige: beide hocken auf dem Balkon und blicken mit dem Rücken zu uns auf den Bosporus hinaus, aber Sibel sagt, ob sie hingehen sollen, ein Blick und Schritt zurück, statt nach vorne. Wir sehen, dass nach der Verabredung für den nächsten Tag Sibel duscht und sich wäscht, zwar normal, aber auch symbolisch zu sehen. Danach zieht sie sich an, steht jedoch kurz darauf nackt dar. Dann kommt eine Strasse in den Blick, Sibel packt die Koffer, wo sie Kleider von oben des Kleiderschranks nimmt, sagittal gefilmt. Es gibt einen Schnitt und sie sitzt, seitwärts und dann mit dem Rücken zur Kamera, während wir das Kind und eine männliche Stimme hören. Es ist wohl der Vater, seine einzige Erwähnung übrigens, aber ganz sicher sind wir nicht. Darauf sitzt Cahit allein in der Gaststätte und allein im Bus, der wendet und in die Landschaft fährt. Wo sich alles abspielt bleibt ebenso unklar wie eine Endgültigkeit nicht abgeleitet werden kann und wir nicht erfahren, ob die Heirat mit Cahit annulliert wurde. Trotz des pessimistischen Endes lässt Akin ein Hintertürchen offen, Cahit wird wohl nicht ewig in Mersin bleiben. Freilich sind in dem Moment die Mutterinstinkte stärker oder die Geborgenheit einer Familie, die Sibel dabehält, selbst wenn Cahit ihr anbot, die Tochter mitzunehmen. Eine Lösung, dass die Mutter ihre Tochter verlässt, wäre auch wohl zu heikel gewesen für die türkische Kultur.
  Dabei hätte es der alles scheißegal findende und wie ein Weltuntergang ausschauende Cahit einfach haben können, eine Frau mit einem Herz aus Gold: sie würde ihn in Ruhe lassen, aber den Haushalt führen - was dieser bitter notwendig hat - einkaufen, kochen. Einmal bereitet sie eine aufwendige Speise für ihn vor, was er sie lobend genießt, aber sie schüttet den Rest in die Toilette, was wie ein Wermutstropfen wirkt. Natürlich macht sie später einen Rückzieher mit der Hausfrau, sie glaubt, sie wäre zu jung dafür. Sie setzt ihr gesamtes Erspartes ein, um ihm die Wohnung auf Vordermann zu bringen. Sie opfert somit eigenes. Und natürlich macht er Kleinholz daraus, aus Ärger, dass sie einen Typen fickte. Bei der Hochzeit überwiegen betretene Gesichter, die nur das reflektieren, was beim Antrittsbesuch von Cahit stattfand. Dennoch sagt sie „Ich will leben, ich will tanzen, ich will ficken. Und nicht nur mit einem Typen.“ Beide haben nichts miteinander, was die anderen eher komisch finden. Da wird auch türkische Heuchelei gezeigt: Yilmaz redet locker über Besuche bei Prostituierten, aber die Rede über den Sex mit der Ehefrau ist tabuisiert und lässt ihn ausrasten. Die Frauen gehen ungenierter mit der Sexualität um. Nach der Entehrung bricht der Bruder den Kontakt mit seiner Schwester ab, aber nicht mit dem Schwager. Bei der Trennung wird Sibel die Schuld allein zugeschrieben, sie hätte Cahits Leben ruiniert. Dazu braucht Cahit niemand anders, was auch sein Umgang mit Sexualität belegt: Cahit gibt ihr zu erkennen, dass er schwul sei und nachdem Cahit Maren eine Abfuhr gegeben hat, bezeichnet ihn ein Kneipenbesucher als schwul, da er eine so tolle Frau gehen ließ. Trotzdem weiß er sich zu behaupten: Er raucht beim Psychiater, obwohl er nicht darf und will kein Wasser trinken, weil er kein Tier sei. Als Dr. Schiller sagt „wenn sie ihr Leben beenden wollen, müssen sie doch nicht sterben“, entgegnet Cahit ihm, er hätte einen Knall. Yilmaz, der die Ehre der Familie retten wollte, fragte Cahit kritisch, ob er sie gerettet habe? Trotzdem gibt es die andere Seite: Als er eine Halsmanschette trägt und wegen dem Unfall hinkt, ist er noch mehr Jammergestalt. Sibel glaubt, sich nur auf sich selbst verlassen zu können, fühlt sich allein und alleingelassen und kann nicht mehr an Gott glauben, der einzige Bezug zur Religion übrigens. Das jeweilige Land spielt kaum eine Rolle, von einer deutschen Identität ist wenig zu spüren und die türkische kommt kaum zum Ausdruck, zumindest nicht bei Sibel und Cahit. So sind die traditionellen Rollenvorstellungen mehr zu erahnen als dass sie explizit gemacht werden.  Was das Vergnügungsviertel betrifft, ist Hamburg nicht so viel anders als Istanbul. Cahit sieht dieses Lebens zwischen den Welten im Unbewußten als sehr instabil an: er warf seine türkische Muttersprache „weg“, weiß nicht, was sein Name bedeutet, ist an allem kaum interessiert und lässt sich auf Kontroversen über Mersin ein. Als er in Istanbul ankommt, wird er mit Überblendungen gezeigt, sowohl Unsicherheit als auch Hybridität andeutend. Mit Selma redet er englisch, eine weitere Verunsicherung. Aus dem Gefängnis kommt er dagegen gut gelaunt, mit Sonnenbrille, die Sonne spiegelt sich auf seinem Gesicht, von da an wird sein Leben besser.
  Gewalt begleitet die Beziehung und beider Leben. Sebil wurde vom Bruder die Nase gebrochen und sie steht ständig an der Schwelle zum Suizid. Als sie ihn fragt, ob er sie heiratet, wird sie seiner Renitenz wegen wütend, zerschmettert eine Flasche und schneidet sich die Adern auf. Als sie ihn nach dem Namen seiner verstorbenen Frau fragt, wirft er ihr eine Flasche nach. Sibel macht anderen Männern schöne Augen, ob Cahit nun aktiv ist oder nicht (er hasst tanzen) und geht mit ihnen ins Bett. Cahit macht dasselbe mit Maren. Letzteres wird viel expliziter gezeigt als ersteres. Ein erster sexueller Kontakt zwischen Sibel und Cahit wird von ihr abgebrochen, weil sie dann Mann und Frau wären. Beim Haarschneiden gab es die erste erotische Annäherung. Cahit ist schnell jähzornig: in Zoes Bar schlug er bereits einen nieder, der ihn provozierte, was später bei Nico tödlich ist. Dann gibt es nächsten Suizidversuch Sibels und zwischendurch wird Cahit brutal zugerichtet, nachdem sie sich gegen einen anderen Mann durchsetzen musste, der sie anpöbelte. Beide nehmen Kokain und ihr Lebensstil bewegt sich immer am Rande des Abgrunds, obwohl er nach Leben schreit. Dieser Antagonismus spiegelt sich in Sibel und Cahit wider, zwischen gegen sich selbst gerichteter Gewalt und dem/der Anderen zugewendete Zärtlichkeit. Als sie ficken geht, zieht sie vorher den Ehering vom Finger; als sie von Kindern anfängt zu reden, verlässt Cahit wortlos den Raum.
  Cahit macht einen erstaunlichen Wandel durch und führt dies auf seine Beziehung mit Sibel zurück, durch die er richtig aufblüht: eine verwahrloste, dreckige Wohnung, in der Geschirr nicht von Bierdosen zu unterscheiden ist; ein ungepflegtes Äußeres, mit langen Haaren und ausstehender Rasur. Permanent trinkt er Bier (sogar das von Anderen nicht ausgetrunkene, - sein Verdienst ist das Einsammeln von Flaschen im Klub - die Bierdose wird zum Emblem) oder raucht, liegt daheim auf der Couch. Er hat eine gebückte Gestik und den Kopf gesenkt, der Verzweiflung nahe. Dann ändert er sich: geht zum Friseur (will allerdings nicht stillhalten), zieht saubere Kleider an, trinkt Wasser statt Bier, läuft in Unterwäsche statt nackt herum, Sittsamkeit auf der ganzen Linie. Sibel schneidet sich die Haare und trägt eine Brille, wird ernsthaft. In der Türkei fing sich ihre Stimmung an zu drehen, sie wird ähnlicher der von Cahit am Anfang, gekennzeichnet durch eine gewisse Verzweiflung. Es gibt eine zarte Annäherung, ein gegenseitiges Kennenlernen und die oft gestellte Frage, ob sie sich wirklich lieben, wird affirmativ beantwortet. Obwohl sie auf Cahit warten will, flieht sie vor ihm, aber mehr noch vor ihrer Vergangenheit.   
  Akim deutet das weitere Geschehen subtil an: als Nico Sibel anmacht, bedeutet sie ihm, dass er die Finger von ihr lassen sollte, sonst würde ihr Mann ihn umbringen, was dann tatsächlich der Fall ist. In der Gasse in Istanbul, wo sie zusammengeschlagen wird, läuft eine schwarze Katze über den Weg. Im Gefängnis streckt sie die Hand nach Cahit aus, der in der Mitte sitzende Beamte zeigt der beiden Trennung.
  Um der Authentizität genüge zu tun, traten die Akteure in ihren gewöhnlichen Kleidern auf und Ünel war besoffen, wenn er besoffen sein sollte. Der Überfall auf sie ist im braunen Farbton (und in der Halbtotalen), seine Wohnung in orange, sonst dominieren helle Farben wie beige. Die Klinik wird zuerst nur durch Details gezeigt wie Lichtschalter und Türschilder. An seiner Wohnungstür hängt ein Plakat von Siouxie and the Banshees, seine Einstellung zu Frauen andeutend; Sibels Vater verbrennt die Bilder von ihr, ein mehr als symbolischer Akt, während Cahit Bilder wohl von seiner Ex-Frau betrachtet. Der Soundtrack ist vielfältig und ein guter Kontrast, wird nondiegetisch zum Stresslindern eingesetzt. Besonders abgehoben vom Rest wirken jene Szenen mit dem Ensemble Selim Sesler vor der Haga Sophia, Lieder, welche die Emotionen widerspiegeln, vor einer Kulisse, die gestellt wirkt. Als sie ihn verarztet, zwitschern die Vögel. Die Amokfahrt wird inszenatorisch angedeutet, zuerst rammt er ein Fahrrad, beschleunigt in Verbissenheit und Bitterkeit. Es ist als wenn wir neben ihm sitzen würden, sein Gesicht durchläuft verschiedene emotionale Phasen inklusive Lachen und Trance, er touchiert fast eine Mauer, Kurve, Scheinwerfer, Close-Up frontal vom Gesicht, der Zusammenstoß von der Seite, blitzschnell ein Topshot von oben. Jener wird wiederholt, als Selma ankommt. Das Flugzeug, mit dem Selma kommt, wird zuerst durch einen Draht gefilmt, genau das Gegenteil von Freiheit. Als sie wieder geht, ist der Himmel frei, außerdem als Cahit in Istanbul landet. Paris, Texas kommt in den Sinn, wo die Familie gleichfalls getrennte Wege geht, nachdem sie mühsam zusammengefunden haben oder in der Ausschließlichkeit, mit der das Schicksal sein Rad in Beziehungen dreht, an Die Ehe der Maria Braun.
  Akim verfilmte das psychologisch tiefsinnige Drama zweier Deutschtürken auf der Suche nach einem Platz im Leben, der nicht in Deutschland zu sein scheint. Uns lässt GDW ebenfalls genügend Platz zwischen den Handlungen, um über die Protagonisten nachzudenken. Ausgezeichnet mit dem  Goldenen Bär der Berlinale, dem Preis des Internationalen Verbands der Filmkritik, 5 Lolas in Gold des Deutschen Filmpreises, dem Europäischen Filmpreis und dem Goya sowie kommerziell zumindest mittelmäßig erfolgreich werden Zwangsheiraten auf den Kopf gestellt, denn für den Mann Cahit stellt die Hochzeit auf alle Fälle einen Zwang dar, eine Rollenumkehrung im doppelten Sinn, denn auch für Sibel ist diese nicht freiwillig. Man rauft sich zusammen, um sich wieder zu trennen. Akim zeigt eine trübe Sicht der Welt, in der nur wenige Personen moralisch integer oder sozial mitdenkend sind. Die Umgebung versinkt in Dekadenz und kaschiert es mit Modernität und dies ist im Orient nicht anders als im Okzident.

Achim Hättich
 

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