Maria, llena eres de gracia

Maria voll der Gnade

Marston, Joshua

Kolumbien/USA 2003

Drama/Drogen; Migration;

Die 17-Jährige Kolumbianerin María Álvarez Maria (Catalina Sandino Moreno) arbeitet in einer Fabrik, wo Rosen die Dornen entfernt werden. Als sie nach mehrfachem Unwohlsein von ihrem Boss einen Rüffel bekommt, entschließt sie sich zu kündigen. Aber die Mutter und ihre Schwester Diana (Johanna Andrea Mora), die einen Säugling hat, machen Druck. Als María merkt, dass sie schwanger ist, teilt sie dies ihrem "Freund" Juan (Wilson Guerrero) mit, der sich ziemlich aus der Verantwortung stiehlt. Da kommt es gerade recht, dass sie bei einem Tanzfest Franklin (John Alex Toro) trifft, der nach Anhörung ihrer Situation ihr den Rat gibt, sie könne viel Geld verdienen. Dazu soll sie Drogen in die USA schmuggeln und muss dafür 62 Päckchen Kokain schlucken. In dieser Sache ist sie nicht allein, aus ihrem Ort kommt Lucy Díaz (Guilied Lopez) und selbst ihre beste Freundin Blanca (Yenny Paola Vega) ist scharf auf das schnelle Geld. Doch bei der Zollbehörde droht Ungemach und die Dealer sind ebenfalls nicht zimperlich.
Jener viel beachtete Erstling (Publikumspreis in Sundance, Oscarnominierung und Auszeichnung in Berlin für Moreno) schafft dies, indem er einen sauberen Drogenfilm darstellt, der das Schicksal von Drogenkurieren in den Mittelpunkt stellt. Dennoch ist er zu gefällig, hätte eine dramatische Wendung oder zumindest Zuspitzung erfahren können. Es gibt zu wenig Emotionen und zu wenig Kanten. Dass die Drogendealer nicht zur Gewalt greifen, sondern sogar das Geld herausrücken - wenn auch nicht jenes von Lucy, was jedoch naiv ist, danach zu fragen -, ist blauäugig, selbst wenn wir aufatmen können, wenn es mal nicht in einem Film über Drogen der Gewalt bedarf (ein kurzer Blick ins blutbespritzte Badezimmer und die Erwähnung, dass Lucy der Bauch aufgeschlitzt wurde, bestätigen als Ausnahme die Regel, wobei es sich zudem wohl um einen Unfall und nicht um einen Mord handelt - eine Kapsel zerplatzte).
Einiges ist weniger sauber: jene ins Drogengeschäft Involvierte bleiben unbehelligt, die Polizei wird allenfalls erwähnt. Maria ist als Minderjährige schwanger und keiner will es gewesen sein. Wo ist ihr Vater und ihrer Schwester Mann? Die Aktion findet in einer Apotheke statt, wo professionell und sauber unter Beachtung medizinischer Erfordernisse die Päckchen gemacht und verabreicht werden, eingeschmiert und in der Suppe. Entweder zeigt dies die Affinität der Pharmazie zu Drogen (s. englisches Wort) oder die Sauberkeit des kolumbianischen Drogenhandels. Dass Maria in die Kirche geht und ein Drogendealer sich bekreuzigt schlägt in die gleiche Kerbe.
Manchmal wird die fehlende Erfahrung von Marston augenfällig: Franklin gibt wenig Informationen preis und Maria weiß schnell um die Illegalität der Aktionen; sie und Juan fährt die Kamera im Zickzack von oben bis unten ab; dass Carla beide mit wenigen Informationen aufnimmt, ist gleichfalls wenig selbstverständlich. Vieles ergibt sich zwangsläufig, ohne in Psychologie und Handlungen fundiert zu sein. Alles stürzt auf Maria ein - den Job los, der Freund weg, von der Familie nur Druck - und dann kommt schnell ein neuer Freund, der in illegale Aktivitäten verwickelt ist. Eins ergibt das andere, dazwischen ist gar nichts und andere Möglichkeiten existieren nicht. Das gleiche in New York: ohne zwingenden Grund wird sie herausgerufen, hat dann aber Glück, dass Schwangere nicht geröntgt werden. Immerhin gibt sie beim Kreuzverhör bei einer Fangfrage die richtige Antwort, während sie vorher auch zur Lüge greift (was sie bereits mit ihrem Alter praktizierte). Franklin ist mit Lederjacke und Motorrad ein ähnliches Stereotyp wie der ältere väterlich wirkende Mann, der in Bogota die Drogenkuriere managt. Dazu zählt ferner der Kontrast im Aussehen zwischen Maria (schön und schlau) und Blanca (dick und dumm).
Gekontert werden die Stereotype mit Symbolen: der Film startet bei einer Bushaltestelle und endet auf dem Flughafen. Bei der ersten Kussszene mit Juan guckt sie weg in den Himmel empor, was sowohl als auch prophetisch ist. Sie wird gezeigt, wie sie eine Brücke überquert. Sie ist es auch, die hochklettert, während Juan kneift. Auf alle Fälle ist Maria sehr intelligent und sie schafft es nach einiger Überwindung und einem eisernen Willen auch, die Drogen zu schlucken. Ihr Konflikt mit ihrem Vorgesetzten ist kein Präjudiz, dass sie im Drogenhandel keine Befehle entgegennimmt. Anfangs spritzt jemand die Rosen und später wäscht sich Maria, auch kein sauberes Geschäft, welches zudem schwer kompetitive Arbeitsbedingungen hat. Als sie den Kurierdienst antritt, sind Kleidung und Frisur strenger, als wenn sie in eine andere Persönlichkeit schlüpfen möchte. Nach ziemlicher Unsicherheit gewinnt sie an Souveränität.
Beim Boss findet sie kaum Verständnis, kommt jedoch daheim sehr unter Druck, die verlangen, sie solle sich entschuldigen und zurückkehren, aber schmarotzerhaft sich an ihren Tropf hängen, ohne selbst dazu beizutragen. Mit Juan hat sie ein unfruchtbares Gespräch, wo beide sich gestehen, sie würden den/die andere nicht lieben, was Maria als perfekt ansieht (aber sie mit dem Baby allein lässt). Lucy spricht auch von einer perfekten Beziehung zu ihrer Schwester Carla in den USA, aber es stellt sich heraus, dass beide ganz unterschiedlich sind und Lucy schon lange nicht mehr bei ihr war. Von der übergewichtigen Blanca hätte es Maria nicht erwartet, auch als Maultier zu agieren. Diese Beziehung entzwei sich ebenfalls, da Blanca immer anders will, - weder will sie aus dem Hotel fliehen noch in die Wohnung von Carla -, aber Maria sich stärker Lucy zuwendet. Sie ist die Naive, zeigt das Kokain sogar und macht meist einen doofen Gesichtsausdruck. Am Ende entscheidet sich Maria im Gegensatz zu Blanca, umzukehren. Hier spielt eine Rolle, dass Carla ihr sagte, sie könne sich nicht mehr vorstellen, in Kolumbien ein Kind groß zu ziehen. Maria geht in New York zur Schwangerschaftsberatung und das muntert sie auf, woran sie sich erinnert bei ihrem Entscheid. Das stellt die Tagline "How far will she go before she's gone too far?" auf den Kopf.
Gut ist die Szene im Flugzeug, wo die Anspannung spürbar wird, nur das rauschen des Fluges zu hören ist, kein Soundtrack, was fast unheimlich wirkt. Vorher war die Szene mit den heraus gefallenen Kokons eher lustig bis ekelhaft (das Einreiben mit Zahnpasta vertreibt den Kotgeruch). Ebenfalls entsteht Spannung, als Maria Carla sagen will, dass Lucy tot ist, es jedoch nicht schafft und ständig das Telefon klingelt, was Maria zunehmend nervöser macht.
Beeindruckend ist Moreno in ihrer Natürlichkeit und dies macht die Anmut des Titels aus (nicht der irreführende deutsche Titel). Gut sind ebenso die einheimische Musik und die dominierenden hellen Farben. MLEDG zeigt eine spezielle Art des Drogenhandels und personifiziert das Problem, wobei selbst eine Schwangerschaft nur eine Randerscheinung darstellt. Ende offen, aber auch gut? 

Achim Hättich

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