Exils

Exil

Gatlif, Tony

Frankreich 2004

Drama/Abenteuer; Musik; Suchreise; Migration; Entwicklungsroman; Kulturkonflikt;


Der algerische Flüchtlingssohn Zano (Romain Duris) und seine Freundin Naïma (Lubna Azabal), die Tochter algerischer Emigranten, leben in Frankreich. Auf eine spontane Idee von Zano hin macht sich das Paar über Spanien und Marokko auf nach Algerien, um seine Heimat kennen zu lernen. Die Konfrontation mit ihren Wurzeln erleben beide auf sehr unterschiedliche Art.
Gatlif behandelt ein Phänomen, das in seiner Komplexität und Tragik gut die letzten 100 Jahre das Schicksal unzähliger Menschen prägte und ebenso von brennender Aktualität ist: Vertreibung, Flucht, Deplatziertheit, Verlust, Entwurzelung und Fremde. Naima spricht einen Kernsatz aus: "Überall bin ich eine Fremde." (im Gegensatz zu Finyé, wo Batrou sich nur in Frankreich als Fremde fühlen würde). In Frankreich als Ausländerin wahrgenommen, erlebt sie in Algerien, dass sie sich von ihren Wurzeln entfremdet hat. Sie wehrt sich dagegen, die traditionelle Kleidung mit Kopftuch zu tragen und hat auch sonst Mühe mit den Ritualen. Zano nimmt alles leichter, aber er wird als Mann weniger angefeindet und hat im Islam auch die dominantere Rolle.
Während Zano nach Erinnerungen sucht, gibt Naïma, die wie er Narben hat (und kein Zuhause), nichts über ihre Vergangenheit preis. Einzig, dass ihr Vater nicht wollte, dass sie arabisch lernt und sie kennt auch keines (bemüht sich aber, es zu lernen). In Algerien trifft sie auf Widerstand, wird als Hexe betrachtet und sie wird vor bösen Blicken geschützt. Von einer Art Schamanin wird eine Art Exorzismus an ihr vorgenommen, eine längere Szene hypnotischer Musik, eine Idee zu lange geraten, abrupt abbrechend, schwer die Richtung erkennbar. Die Schamanin sieht in Naïma und besonders ihren Augen und ihrem Körper den Fluch und das zerstörte Glück. Naïma muss ihrer Seele wieder bewusst werden, sich selbst finden und zu ihren Wurzeln zurückkehren, um mit sich eins zu werden. Sie steckt im Konflikt, für andere begehrlich zu sein und dies durch körperliches Verlangen zu erwidern. Während sie die Männer anzieht wie Motten das Licht, greift er auf Pornofilme zurück, um das Ficken zu lernen, also gleichfalls eine westliche Art, auf Grundlegendes zu reagieren.
Dem entsprechend redet Zano nur über sich, bringt seine Trauer zum Ausdruck, als er über den Fotos weint (Leïlas Mutter trauert ebenfalls über deren Weggehen). Er spürt, wo er seine Wurzeln hat. Er macht einen in sich gekehrten Eindruck, dringt etwas auf Einzelgänger. Sein Großvater war Antikolonialist, wurde deswegen gefoltert und ermordet, seine Eltern, nach Frankreich gebracht, danach bei einem Autounfall getötet. Dies erzählt er, während die Kamera in ein Wasserloch schaut, umgeben von Dunkelheit, ein drastisches ästhetisches Mittel, um Traumata zu visualisieren.  
Die Feinde werden nicht in eine Kiste geworfen. Dass die Repression ganz unterschiedlich reagieren kann, zeigt die Szene bei der Obstpflückersiedlung: die Polizei verhaftet einen Dunkelhäutigen, einer kommt unter einem Lastwagen versteckt durch und Zano und Naïma stehen ganz offensichtlich den Polizisten gegenüber, aber sie haben auch französische Pässe. Anderes geschieht pragmatisch, ist aber dennoch von einer Menschenwürde geprägt: In die Elternwohnung sind neue Leute einfach eingezogen, haben aber fast alles unverändert gelassen, die Bilder blieben an den Wänden, die Fotografien wurden aufgehoben. Sie leben mit den Erinnerungen einer anderen Familie.
Zano und Naïma gehen den umgekehrten Weg, den Emigranten normalerweise gehen und selbst in Algerien bewegen sie sich gegen den Strom. Dabei müssen sie das wiederum illegal tun, kein Grenzübertritt ist legal. Sie treffen Leïla (Leïla Makhlouf) und Habib (Habib Cheik), die sich auf den Weg nach Paris machen. Jene verabschieden sie, um ihnen in Spanien wieder zu begegnen. Auch ihre Reise nach Algerien ist eine Reise zurück. Niemand entflieht seinen Ursprüngen, selbst wenn jene dort verneint werden. Für die Anderen wird man schnell zu jemand anderem, zu Franzosen, zu Touristen. Aber letztlich wirkt Solidarität, so wird ihnen durch Saïd (Zouhir Gacem) geholfen, der sie durch Algier führt. Am Ende laufen sie fast vergnügt durch ein Blumenfeld, als hätten sie ihre Bestimmung gefunden, Probleme bleiben da vorerst ausgespart und werden auch nicht mehr gelöst.
Gatlif ist von der heilenden Wirkung der Musik überzeugt: "Sie ist die einzig wahre Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten, sie vermittelt Freude, Schmerz, Melancholie und Liebe auf den Gipfeln des Gefühls." Entsprechend kommt der Musik im Film eine tragende Funktion zu, die einen ganzen Fächer aufspannt, vom Pariser Techno über andalusische Flamenco- und Sevillana-Klänge bis zu mystischen Gesängen der nordafrikanischen Sufi-Bruderschaften oder die Musik der Berber. Andererseits repräsentiert sie, vor allem für Zano, Grenzen überwindendes, universal verständliches Territorium, auf dem er sich heimisch fühlen kann. "Musik ist meine Religion", bekennt er. Nach seinen traumatischen Erfahrungen mauerte er seine Geige ein, er verlor den Glauben. Energiebündel Naïma führt dagegen ekstatische Tänze durch, bringt ihren Körper in Wallung, sucht vielleicht auch sexuellen Ersatz, denn oftmals redet sie davon, seinen Schwanz zu wollen.
Entsprechend wird Zano inszeniert: E startet mit Zano, der nackt vor einem Fenster steht und die Stadt anschaut. Die Kamera entfernt sich von ihm. Sein Gesicht ist dann links zu sehen, während er ein Glas fallen lässt und Naïma ebenfalls nackt auf dem Bett sitzt und sich wild schüttelnd mit einer Creme herumspritzt. Damit sind sie als ungewöhnliches, unkonventionelles Paar hinreichend beschrieben. Später laufen sie endlos auf den Straßen, fliehen aus einem Zug, das Handy geht kaputt, sie kommen bei Zigeunern unter, die Zano einen Stiefel entwenden und Naïma geht später mit einem Mann fremd. Streits begleiten die beiden und nehmen zum Teil wüste Ausmaße an, er sei egoistisch, sie verrückt.
Bevorzugt wird durch Öffnungen gefilmt, Passagen wie das Abblockende unterstreichend. Gleichfalls reflektiert die Landschaft den Seelenzustand: eine Ruinenstadt, Geröllfelder, ein Platz, auf dem Flaschen aufgestellt sind. Dazwischen aber immer wieder Grünflächen, wie auch der Apfelhain, wo beide sinnlich in einen Apfel beißen oder jenes Wäldchen, in dem sie sich mit Champagner bespucken. Hier scheint der beiden Lebensfreude durch, die aus allem das Beste machen will. So ebenso Naïma: zwar lachte sie sich anfangs tot über den Vorschlag, nach Algerien zu gehen, es gibt Trotz auf der Reise, aber bereits auf dem (Freiheit versprechendem) Meer kommt Freude.  
Gatlif erhielt für das autobiografisch, expressionistisch-dokumentarisch geprägte E in Cannes 2004 den Preis für die beste Regie, welches kaum mehr Plot hat als die Reise, jene die in allen Mythologien eine so wichtige Rolle einnimmt. Selbst wenn es als absurd gelten mag, nach Algier zu Fuß zu gehen, schaffen sie es, selbst wenn nicht alles zu Fuß geschieht. Die Hoffnung liegt darin, sich von seinen Ursprüngen zu lösen, ohne diese gleichsam zu verneinen.

Achim Hättich

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