Vinterland WinterlandZaman, HishamNorwegen 2007Drama/Romanze; Migration; Komödie; Renas (Raouf Saraj) ist ein in Norwegen lebender irakischer Kurde. Er spricht Norwegisch, hat Arbeit und viele Bekannte. Was ihm zu seinem Glück im hohen Norden fehlt, ist eine Frau. So hat er sich aufgrund eines Bildes in Fermesk (Shler Rahnoma) verliebt und wartet nun darauf, dass sie nach Norwegen kommt. Doch groß ist die Enttäuschung, als diese nach Norwegen kommt: fett (nach Sherko eine Prinzessin in XXL), eher hässlich und noch nicht einmal Jungfrau, das krasse Gegenteil eines Traumes. Es gilt, sich zusammen zu raufen oder sich zu trennen. V beschäftigt sich mit dem Bild, welches man sich von einem anderen Menschen macht. Renas sah Fermesk (was auf deutsch Tränen heißt) nie, hat sich in ihr Bild und ihre Stimme verliebt. Damit besteht ein Bezug zur Macht der Medien, die uns ständig Bilder vorsetzen, die mittlerweise subtil die Realität ersetzen. Für Renas ist das Wirklichkeit: auf einem Video, welches er dem Beamten zeigt, setzt Renas das Bild mit sich gleich, während der Beamte abwiegelt, dass es sich "nur" um ein Bild handelt und zudem eine Hochzeit ohne Bräutigam doch fragwürdig ist. Freilich weicht das Bild trotzdem nicht riesig von der Wirklichkeit ab (auch hier wird das Thema der Bildmanipulation angesprochen). Sie selbst sagt, dass sie nicht das Mädchen sei, für das er sie halte, meint damit aber ihre vermeintliche Jungfräulichkeit. Das Gesicht von Renas ist zuerst nur im Frontspiegel des Autos zu sehen, auch nur das Abbild einer Person. Dass sie nur auf dem Papier verheiratet sind, zeigt die Unterschiede zwischen einer amtlichen Handlung und dem realen Leben. Dazu passen die permanenten Lügen von Renas, selbst in belanglosen Situationen (im Hotel, wo der zuerst schnarchende Rezeptionist etwas anderes erzählt als Renas Fermesk), aber auch dass er ihr mehr Reichtum vorgaukelte. Fermsek glaubt nicht, dass auf Lügen aufgebautes Glück lange hält. Sie selbst beging einen ziemlichen Fauxpas, dass sie die fehlende Jungfräulichkeit nicht früher bemerkte. Selbst vor der Hochzeit lehnt sie Sex mit Renas ab, weil dieser erst in der Hochzeitsnacht stattfinden soll. Bereits ihre Ankunft ist wie das Wetter frostig bis konsterniert und bar jeder Begeisterung auf beiden Seiten (das repliziert sich bei der Hochzeitsfeier). Ihre Blicke in der wenig aufgeräumten Wohnung sind kritisch. Ebenso besteht ein Kommunikationsproblem: so verbringt Renas viel der freien Zeit demonstrativ vor der Glotze (vorher versuchten beide die Sattelitenschüssel zu richten, das Programm fällt aus, auch hier kein Kontakt mit der Heimat). Sie legen sich in die Betten wie Zombies, wenden sich voneinander ab. Die Bettdecke ist blau und der Raum dunkel ausgeleuchtet. Dann rückt er sogar die Betten auseinander, aber nach einem konfrontierenden Telefonat mit der Heimat revidiert Renas dies und rückt wieder zusammen. Dies bringt den Stein der Verständigung ins rollen und am Ende liegen sie zueinander gewandt mit hellen Bettdecken in einem hell ausgeleuchteten Raum. Im Wesentlichen geht es um den Ablösungsprozess von der Heimat und der Familie. Sherko (Kawa Gilli) machte Renas klar, dass sie nur sich beide haben. Das bewirkt ein Umdenken und zum Beweis zertrümmert er das Telefonhäuschen, wobei sie mit Hand anlegt. Damit brechen sie den Kontakt nach Kurdistan ab. Dies zeichnete sich bereits vorher ab, als Renas bereits Tritte gegen das Häuschen losließ, weil er des Schwiegervaters Geldforderungen überdrüssig ist. Fermesk wird von ihren Fähigkeiten her ziemlich positiv gezeichnet, sie findet sich schnell zurecht. Obwohl Renas sagt, er brauche die Sattelitenschüssel, weil Fermesk nie norwegisch lerne und diese so einen Zeitvertreib hätte, fängt sie sofort an, norwegisch zu lernen. Auch jene Farce, wo Renas die Freundlichkeit der Norweger beweisen will (sie kritisiert das Stillschweigen der Norweger im Bus) und von dem Angesprochenen nur kurzangebundene Einwortantworten erhält, während sie sich mit einem Kollegen des Sprachkurses gut unterhält (wir erleben das aus Perspektive von Renas und wissen nicht was sie sagen). Auch macht sie die Wohnung schön (was ihn nicht erfreut) und kocht für ihn (wo er ziemlich viel davon isst, dies aber später leugnet und ihr auf fiese Weise sagt, er hätte alles weggeworfen), während er selbst sich ziemlich aus allem heraushält, arbeiten gehen ist hinreichend. Seine Wohnung macht nicht den gepflegtesten Eindruck, aber sie tropft auch daneben. Sie ist es, die zwar herumkurvt und im Flughafengebäude sucht, aber jene ist, die auf Renas zugeht und ihn anspricht. Sie sagt Miras die Wahrheit über die Ablehnung (das erste in Norwegisch gelernte Wort) der Aufenthaltsbewilligung - während Renas ihm was vorlügt, mehr von dessen Suggestionen abhängig ist. Das Verhältnis der beiden drückt sich räumlich aus: Anfangs ist Renas noch oben: die Aussicht auf eine Superfrau, auf Nachkommen und die Vollendung seines Glücks, auch um der Einsamkeit zu entrinnen (verstärkt durch den Ort, der jenseitig wirkt und nie in der Totalen zu sehen ist). Die Kamera filmt von Haus hinab (Top shot). Als er und seine Hoffnungen am Boden zerstört sind, steht die Kamera unten und filmt zum Haus hinauf. Neben diesem Perspektivenwandel in der Horizontale gibt es einen solchen in der Vertikale. Anfangs steht das Haus auf dem Hügel ziemlich allein (wie jenes in Psycho, sowieso ein eher seltenes Motiv im Film), flankiert von dem Telefonhäuschen. Figurenkonstellationen werden eher von rechts her gefilmt. Am Ende, wo sich beide zusammenraufen, ist es umgekehrt, von links her gefilmt ist zu sehen, dass es andere Häuser in der Nähe gibt. Es gibt wenige Details, sondern vielmehr die Weite des norwegischen Landes samt der Härte des dortigen Winters. Dies hat seine Entsprechung in der Frostigkeit des beiderseitigen Empfangs, welches sich bei der Hochzeit repliziert. In der Grelle des Schnees wirken die Lichtkontraste manchmal zu gedämpft. Sonst scheinen die Kurden gut integriert zu sein, vor allem Renas, der zu den Norwegern bei der Arbeit und außerhalb ein gutes Verhältnis hat und dies ebenso mit Landsleuten pflegt. Das ist eher selten. Mirza (Alibag Salimi) will trotz seines Alters sogar lieber laufen als im Auto mitgenommen zu werden, weil es die Einheimischen auch so machen. Sherko zieht sogar einheimische Frauen vor wie er generell wenig mit den Ritualen seiner Heimat am Hut hat (selbst der Religion). Er zeigt damit eine ganz andere Art der Integration. Wo nicht gerade die bestehenden Migrantenprobleme gewälzt werden, kann vieles lustig sein: das Schaf im Kofferraum, welches eingefangen werden muss; die Fluchten von ihm, wo er sie über das Eis lockt oder von ihr, wo er sie suchen geht; die kaum zu beantwortende Frage, wo die Sonne aufgeht. Gut der Filmanfang, wo während des Vorspanns Telefon zu hören ist und Renas nach draußen zu dem Telefonhäuschen laufen muss. Es gibt lyrische Momente, als sie Faden um ihre Zehen wickelt oder des Nachts die Hunde heulen und jaulen. Es wird mehr in kurdisch (was manchmal wie arabisch klingt) als in Norwegisch geredet. In der Kürze von rund 52 Minuten bringt es Zaman fertig, in einer straffen Inszenierung, einen Blick in das Leben von hauptsächlich zwei Personen in der Migration zu werfen, deren Probleme in ihrer Kultur liegen, aber damit gleichsam epistemiologische Themen streifen, denn die freie Partnerwahl ist eine Erfindung des Westens und der Neuzeit. Dennoch lässt sich mühelos der Bogen zu unserer Gegenwart in der Macht und Manipulierbarkeit der Bilder schlagen.
Achim Hättich
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