Silence de Lorna, LeLornas Schweigen Dardenne, Jean-Pierre & Dardenne, LucBelgien/Frankreich/Deutschland 2008Drama/Drogen; Migration; Sokol (Alban Ukaj) und Lorna (Arta Dobroshi) stammen aus Albanien. Sokol arbeitet in einem deutschen Kernkraftwerk, Lorna in einem Kleidergeschäft. Sie hat gerade die belgische Staatsangehörigkeit bekommen, weil sie den Junkie Claudy Moreau (Jérémie Renier) geheiratet hat. Der Schlepper Fabio (Fabrizio Rongione) möchte, dass sie bald den russischen Emigranten Andrei (Anton Yakovlev) heiratet, weswegen Claudy mittels einer Überdosis sterben muss. Obwohl Lorna Claudy verachtet, rührt sie dennoch dessen Hilflosigkeit und Verzweiflung und sie kommt ihm näher, dass es sogar Sex gibt. Als sie schwanger wird, sind alle erzürnt: Fabio, Andrei und Sokol. Fabio beauftragt seinen Assistenten Spirou (Morgan Marinne), Lorna zurück nach Albanien zu bringen. Aber sie will weder das noch abtreiben, zudem ist unklar, ob sie wirklich schwanger ist und ob Spirou sie nicht töten will. Die Dardenne-Brüder greifen ein wichtiges Thema auf, Menschenhandel mit Scheinehen. In einer Zeit, wo die Ehe als Institution zunehmend an Gewicht verliert, stellt dies für Andere eine Verheißung dar, die dazu dient, in ein gelobtes Land zu kommen. Um an den Schein zu gelangen, der eigentlich nichts beinhaltet als ein Bleiberecht - keine Arbeit, keine Liebe, keine Anerkennung -, werden wahnsinnige Summen bezahlt. Ist es das soziale Netz, welches in der EU besteht, was hier den Anreiz darstellt? Oder einfach nur die Hoffnung, aus der Misere daheim zu entfliehen. Lorna selbst ist gefangen zwischen Humanität und Geschäft. Geld gegen Papier gegen Körper lautet das Motto, eine scheinbare Gleichung, die aufgeht, wenn alles wie am Schnürchen läuft. Und ist es ein Zufall, dass sie schwanger wird: in einer solchen Welt haben Kinder keinen Platz, da diese etwas Langfristiges darstellen und dieses Geschäft nur durch Kurzfristigkeit sich rentiert. Die Institution der Scheinehe bleibt ziemlich unbeachtet von ihren gesellschaftlichen Auswirkungen und Nachstellungen. Lorna ist als Ausländerin außerhalb der Normen. Bevorzugt überschreitet sie diese selbst im Alltäglichen: die Apotheke ist bereits geschlossen, das Krankenhaus hat keine Besuchszeit, die Leichenhalle ist nicht zugänglich. Sie will auch, dass Claudy nach draußen geht, damit sie sich möglichst wenig um ihn kümmern muss. Beide haben ein getrenntes Schlafzimmer. Natürlich will Lorna nicht, dass Claudy stirbt, eine Scheidung ist besser, aber dauert Fabio und Andrei zu lange. Sie bringt sich selbst Verletzungen bei, schlägt ihren Unterarm gegen den Türrahmen, rennt mit dem Kopf gegen die Wand. Claudy selbst will keine Gewalt anwenden, für ihn ist das Schlagen einer Frau eine neue Dimension jenseits von Diebstahl und Drogen. Komisch ist, dass das Gesetz einen Zeugen verlangt (wie soll das bei ehelicher Gewalt vonstatten gehen?), jener dann jedoch gar nicht groß anwesend und kein Augenzeuge sein muss (Sobel behandelt sie und will es bezeugen - obwohl sie es dem sanftmütigen Claudy kaum abnimmt, aber der Schein trüge halt -, der Unterschied besteht freilich einzig darin, dass Lorna sich nun die Verletzungen im Spital und nicht daheim beibringt). Sie fordert das rührend von Claudy, einmal draußen und einmal nachdem sie zum ersten Mal mit ihm Karten spielt. Als er voller Freude von seiner Heilung spricht, für sie sogar kocht, aber Lorna was geschäftiges mit Fabio zu besprechen hat und sie dann zurückkommt, haben beide eine körperliche Auseinandersetzung, was aber sie für ihn einnimmt, denn als er zusammengekauert in der Ecke hockt, entkleidet sie sich, geht auf ihn zu, umarmt ihn und es kommt zum Sex. Der aufgebrachte Claudy ist ebenfalls aus sich herausgegangen, zeigte zum ersten Mal Aggressivität, Selbstbehauptung, Autonomie. Im Folgenden ist Claudy wie neugeboren, er kauft ein Fahrrad, sie teilen sich die Kosten. Er beginnt die Beziehung zu genießen, bevor diese so abrupt endet. Dass er einen Heroindealer kontaktiert haben soll, wie der Untersuchungsbeamte behauptet und was Lorna mit Betrübnis zur Kenntnis nimmt, erscheint daher obsolet. Claudy hat sich immer davon distanziert, wollte stets von den Drogen loskommen, wollte deswegen eingesperrt sein, was Lorna nicht zuließ. Andererseits ist er extrem hilfsbedürftig, verzweifelt, leidend, seine sabbelnden Krämpfe sind beeindruckend. Sie muss vieles für ihn erledigen, von der Apotheke bis zum Anruf beim Arzt. Einmal hockt er am Boden wie ein Hund und lässt sich Wasser geben. Claudy geht auf sie ganz anders zu: er zeigt ihr, dass er sie braucht, bringt ihr Wertschätzung entgegen, weiß es aber zu erwidern. Sokol hingegen spricht schnell vom Geld (Claudy weist dies eher zurück, will nur solches für Zigaretten; zudem startet der Film mit Geld und bringt so das Problem auf den Punkt), sie küssen sich, aber er geht wenig auf sie ein, während Claudy tiefere Schichten von ihr berührt. Während Lorna und Claudy entwicklungsfähig und positiv charakterisiert werden, nehmen die anderen Personen periphere und nicht sehr ausgestaltete Rollen ein. Mit Ausnahme von Fabio, der zudem guten Seiten hat: er kümmert sich um Lorna, übt kaum offensichtlichen Druck aus, bezahlt sie extra für ihr Kümmern um Claudy, besteht darauf Wort zu halten. Nur die Schwangerschaft entsetzt ihn, er wird ihr gegenüber gewalttätig. Andrei wirkt imperialistisch, wie er seine Zigarette hält und verlangt von ihr den Ausweis. Sie versucht ihm das mit der Schwangerschaft unterzuschieben, aber er lehnt direkt ab und distanziert sich von der Beziehung. Die Mutter und der Bruder von Claudy wollen ebenso nichts mit ihm zu tun haben, weisen das Geld von Lorna zurück. In der Inszenierung gibt es Mängel: dass Lorna einmal mit Claudy schläft und sie dann schwanger wird ist genauso komisch wie sie nach einem einmaligen Ausbleiben der Regel an Schwangerschaft denkt. Ferner ist augenfällig, dass sie schwanger ist, als sie kaum mehr die Treppe in der Snackbar hochkommt. Dass die Ärztin später bei Anwesenheit von Fabio sagt, sie wäre nicht schwanger, ist unterschiedlich interpretierbar: ist es ein Deal zwischen ihr und Lorna, um Fabio hinters Licht zu führen? Aber glaubt Lorna, auf die Dauer eine Schwangerschaft verbergen zu können? Eher kann es sich um eine Phantomschwangerschaft handeln, da ihr das das einzige ist, was ihr bleibt. Möglich ist ebenfalls, dass bei dem Angriff von Fabio auf Lorna, wo sie danach zusammensackt, ein Abort stattgefunden hat. Bei ihrer Flucht in den Wald spricht sie immer von wir, aber das ist kein Beweis, dass der Embryo tatsächlich existiert. Dass Claudy tot ist, wird erst im Nachhinein offenbart (bei der Beerdigung) und der Übergang zu ihrem körperlichen Streit ist zu abrupt. Dass Sokol 1000 km gefahren sein soll, um zu Lorna zu gelangen, ist ebenfalls nicht ersichtlich, wenn er bei Köln arbeitet. Wenig anheimelnd ist die Umgebung, die selten aus der Totalen gezeigt wird und sonst aus trostlosen Unterführungen, engen Snackbars und Geschäften oder zugekleisterten, aufgegebenen Restaurants besteht. Ihr Herumirren im Wald mit der Hütte, wo am Filmende Vogelzwitschern zu hören ist, ist ein idyllischer Schlusspunkt gegen jenes trostlose Stadtleben vorher. Genauso werden bei Lorna halbnahe Einstellungen bevorzugt. Gut ist, dass sich mit manchen Einstellungen sehr lange Zeit genommen wird, wo fast nichts geschieht, so als Lorna vor dem Bett steht. Ausnahmsweise ist der Fernseher aus, dafür ist die Musik zu laut. In diesem sehr offenen Ende bleibt das Schicksal von Lorna unklar, es ist eine vorläufige Rettung, aber nicht mehr. Es ist weniger ihr Schweigen - was sie eigentlich nie tut, aber nach Fabio und Konsorten tun sollte - als vielmehr das Brechen dessen, was dann alles durcheinander bringt, eine Heuchelei offenbart und die Anderen entlarvt.
Achim Hättich
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