Geschrieben von Achim Hättich   

Princesas

Prinzessinnen

León de Aranoa, Fernando

Spanien 2005

Drama/Rassismus; Sexualität; Sadismus; Immigration;


Ohne das Wissen ihrer Familie arbeitet Caye (Candela Peña) als Prostituierte, um Geld für eine Brustvergrößerung zu sparen. Als einmal die laute Musik sie beim Geldzählen stört, geht sie in die Nachbarswohnung und entdeckt die zusammengeschlagene Zulema (Micaela Nevárez) aus der Dominikanischen Republik. Fortan kümmert sie sich um Zulema und hilft der von einem Sadisten Verfolgten. Freilich lernt sie den Informatiker Manuel (Luis Callejo) kennen, zu dem so etwas wie eine zart besaitete Liebe entsteht.
Im Zentrum stehen die trotz allem oft aufgestellte Zulema und die trotz allem häufig deprimiert wirkende Caye. Zulema bekommt keine Aufenthaltsgenehmigung, befindet sich seit 10 Monaten in Spanien. Dieser fiese Typ, der aussieht wie ein Bürokrat von Kafka – älter, Geheimratsecken, Brille, graue, aber legere Kleider -, dem aus Minderwertigkeitsgefühlen die Perversion ins Gesicht geschrieben steht, verspricht ihr Papiere gegen kostenlosen Sex, nur kommen die Papiere nie. Er beutet sie brutal aus und ist sich dessen bewusst, dass sie keine Wahl hat. Spekuliert wird, ob er Polizist sei (er verlässt mit zwei besser gekleideten Männern ein Gebäude). In Zulema keimt jedes Mal die Hoffnung auf die Papiere, wenn er seine Mappe dabeihat. Für sie, die in einem fremden Land einer sozial geächteten Arbeit nachgeht, fern von ihrem Kind, dem einzigen, worüber sie stolz ist, sind die Papiere von übergeordneter Wichtigkeit – weil sie erst das Gewünschte möglich machen und sie für diesen Traum fast alles tun würde -, selbst körperliche Gewalt in Kauf nimmt. Tatsächlich scheinen deren Wunden schneller zu heilen als die seelischen Narben. Hier zeigt sich, wie auf verbrecherische und ausbeuterische Weise mit Grundbedürfnissen von Menschen umgegangen wird. Dass Papierlose keine Rechte haben oder hätten, ist ein Verbrechen gegen die Menschheit. Aber auch unter den Prostituierten gibt es eine Hackordnung: jene aus Spanien ziehen über jene aus Afrika und Südamerika her, die ihnen die Preise kaputtmachen und ihnen Arbeit wegnehmen. Diese werden sogar bei der Polizei verpfiffen. Zumindest wird diskutiert, ob das mehr mit Rassismus oder mit Markt zu tun hat. Und dann kommt Caye mit so einer, die sie anfangs selbst ablehnt, wo es dann keine Integrationsprobleme gibt, aber es macht hier die persönliche Bekanntschaft aus.
Das Nuttenleben wird als hart und menschenunwürdig beschrieben. Caye kommt 10 Minuten zu spät und wird sitzen gelassen vom Freier, obwohl dieser noch da hockt. Zulema hat die Wohnung nur für 12 Stunden, muss dann das Laken wechseln und der Sohn der Familie, die die anderen 12 Stunden haben, wird von ihr ferngehalten. Ein anderer Freier zwingt Caye, obwohl er diese mit Manuel sieht, zum Blow-Job in der Toilette, als wenn die Samenleiter platzen würde, wenn er nicht sofort abspritzt. Es werden dann verschiedene Arten der Prostitution gezeigt, bis hin zum Burlesken bei dem Straßenstrich. Allein schon die Erwähnung des Wortes Hure verursacht komische Situationen. Als Caye dies von sich beichtet, lacht Manuel darüber; als sie der Familie von Zulema erzählt, schauen die dumm aus der Wäsche. Die Polizei, der vorgeworfen wird, die Papiere nicht lesen zu können, kontrollieren den Spielplatz, auf dem angeschafft wird, zwar öfters, aber eingreifen scheinen sie nicht. Überhaupt dass so was auf einem Spielplatz erlaubt ist, verwundert.
Ob es beruhigt, scheint zweifelhaft, aber alle haben ihre Leichen im Keller: Die Mutter akzeptiert nicht den Tod des Vaters, glaubt jener hätte sich auf und davon gemacht und würde alle drei Tage Blumensträuße schicken. Als Caye andeutet, dass die Mutter sich selbst Blumen schickt, hört dies auf, stattdessen kommen Bonbons. Dass die Mutter selbst dies arrangiert, ist wahrscheinlich, nur sie allein weiß davon. Ob die Eltern sich ständig stritten oder die Mutter permanent das Wort führte, zeigt auch hier, dass in der Familie nicht alles stimmt. Selbst Caye lässt das Handy ellenlang klingeln, als wenn es ihr egal wäre, ob die Mutter einen Freier entgegennimmt (die Mutter interessiert sich dafür). Überhaupt scheint sie mit dem Outing zu spielen. Dass sie sich größere Titten wünscht, ist ebenso absurd und zeigt, wozu Frauen heute bereit sind und wozu sie sich herablassen, um virtuellen Normen zu folgen. Die ältere Rosa (Flora Álvarez) erzählt, sie hätte es mit hohen Tieren getrieben, will aber natürlich nicht verraten, mit wem. Selbst Caye sagt, dass sie einen Geheimnamen hat, den sie je nach Tag annehmen würde und Manuel bastelt daraus eine Superman-Geschichte. Natürlich kann eine solche Identität nur im Verborgenen blühen und es verwundert, dass Caye den Decknamen nicht bei ihrem Job verwendet. Sonst gelten die üblichen falschen Versprechungen oder gefälschten Vorhaltungen. Weder die Mutter von Caye noch jene von Zulema wissen von den Jobs ihrer Töchter, die Variante mit unwissenden Ehemännern gab es in Belle de Jour und Ich bin die Andere.
Für Prostituierte ist es schwierig, einen Lebenspartner zu finden, weil Partnerschaft stets konfundiert ist mit der Sexualität, die in jeder Beziehung eine zentrale Rolle einnimmt. Ihre Arbeit ist speziell, denn für andere ist es Vergnügen und für den Gegenüber ein unstillbares Verlangen. Es braucht vom Partner eine unendliche Toleranz. Bezeichnend ist die Szene von Zulema mit dem jungen Mann, wo ihr die Sexualität sehr schwer fällt. Von Caye gibt es eine Szene im Bett, die zumindest von Zärtlichkeit handelt. Deren Beziehung wird als sehr platonisch gezeigt, Manuel ist eher introvertiert und oft verlegen, wahrscheinlich ein vor sich hin bröselnder Informatiker. Während eines Fußballspiels interessiert ihn mehr das als sie, während es für sie umgekehrt ist, obwohl sie wohl ihm zuliebe mitkam. Caye verwendet das Bild des Seiltänzers und das passt wunderbar (eine probiert, auf einem Mittelstreifen zu balancieren). Im Kontrast dazu sagt sie, dass sie die Freier zum fliegen bringt, was letztlich bedeutet, dass beide abstürzen können.
Selbst wenn P von Prostituierten handelt, stehen „echte“ Liebe, persönliche Zuneigung und Sehnsucht im Mittelpunkt. Die Mutter spricht einen existentiellen Satz. „Wir existieren nur weil jemand an uns denkt“, was fast als kartesianisch gesehen werden kann. Caye hat im Gegensatz zu Zulema keine Sehnsucht, weil sie meint, dass sie nie was Vermissenswertes erlebt hätte. Liebe für sie ist, wenn sie jemand vom Büro abholt oder sie möchte die Frau des Lebens für einen Tag sein.
León de Aranoa, der auch das Drehbuch beisteuerte, zeigt einen ungeschonten Blick auf das Leben und die Probleme der Huren, macht dies aber mit sehr viel Einfühlung für die Personen wett, pendelnd zwischen freudigem Humor und tiefer Traurigkeit. Dafür erhielten Caye, Zulema und Manu Chao, der eine superbe Filmmusik beisteuerte, einen Goya. Gestartet wird mit Ansichten von Hochhäusern und Autobahn und man kann dann froh sein, Menschen zu sehen. In der zweiten Filmhälfte kommt es häufiger zu Schwarzblenden, was mehr Einhalten bedeutet. Der Humor bleibt nicht ausgespart (sie testet selbstbewusst und umsonst Chanel 5), kippt manchmal um ins Naive (Zulema erzählt bei Caye daheim, sie kenne sich aus in sexuellen Dingen), überhaupt kommt alles leichtfüßig her, es wird auf die positiven Seiten fokussiert. Gewalt wird nicht gezeigt: Löffel auf dem Boden samt Wasser oder Blutflecken auf den Laken. Es wird auch sonst viel Explizites ausgeblendet, so welche Diagnose Zulema nach den Tests im Krankenhaus erfährt (sie ist sehr deprimiert und bricht zusammen). Es könnte Aids sein, unklar bleibt von wem, sie scheint dies an ihren Quäler weiterzugeben. Der Film lässt viel Raum für eigene Gedanken und Interpretationen. Entsprechend schauspielert Peña mit vielen Änderungen ihres Gesichtsausdruck und ihres Naturells. P zeigt soziale Randgruppen in ihrem Kampf um das Überleben. In der Figur von Caye, die sich vorbehaltlos für Zulema einsetzt, wird ein positives Zeichen gesetzt, dass bedingungslose Freundschaft wenigstens Hoffnung verschafft.

Achim Hättich
Letzte Aktualisierung ( 23.10.2009 )

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