House of Sand and Fog

Haus aus Sand und Nebel

Perelman, Vadim

USA 2003

Drama/Rassismus; Kulturkonflikt; Lebenskonflikt; Romanze; Migration;

Von ihrem Mann verlassen, auf Drogenentzug und wohl ohne Arbeit wird Kathy Nicolo (Jennifer Connelly) auch noch ihr Elternhaus weggenommen, weil sie die Steuern nicht bezahlte. Jenes erwirbt der emigrierte Iraner Massoud Behrani (Ben Kingsley) für Ehefrau Nadi (Shohreh Aghdashloo) und Sohn Esmail (Jonathan Ahdout). Kathy kann das nicht akzeptieren und kämpft um ihr Haus mit Hilfe von Connie Walsh (Frances Fisher). Hilfe gewährt ihr auch der Polizist und Familienvater Lester Burdon (Ron Eldard), und beide verlieben sich ineinander. Aber das kann nicht gut gehen, Tragik breitet sich wie Buschfeuer aus.
Als erste Einstellung sehen wir Kathy auf einem Mäuerchen sitzend deprimiert mit nassen Haaren auf Krankenwagen herabblickend, als ein Mann kommt und sie fragt „Is this your house?“ Da erhalten wir noch keine Antwort. Am Filmende wird diese Szene wiederholt und jetzt gibt sie die Antwort „This is not my house“. Es zeigt sich, wie Besitz unglücklich machen kann und wie Bürokratie dem privaten Glück entgegensteht. Alle machen nur das, was sie müssen, aber niemand achtet auf die Anderen. Es verfremdet, dass ihr wegen Nichtzahlung von 500$ das Haus weggenommen wird. Die Mühlen der Behörden beginnen zu mahlen und versperren die Auswege. Connie, in deren Büro das Plakat „Your oppression is our revolution“ hängt, sind ziemlich die Hände gebunden und Kathy zweifelt an deren Fähigkeiten „I don´t expect miracles, I expect you do your fucking job“. Behrani beruft sich auf sein Recht als amerikanischer Bürger und wenn er es zu einem billigen Preis erstehen kann, ist es ihm überlassen, es als Spekulationsobjekt zu gebrauchen. Es verwundert natürlich, dass er es als Spekulationsobjekt verwendet, obwohl das Haus Nadi an ihres in Isfahan erinnert:„It is like our garden in Isfahan“. Nadi wendet sich dagegen, bricht zusammen, will kein Nomadenleben führen, lernt es aber schätzen. Es kommt des Öfteren zu gewalttätigen Konflikten in der Behrani-Familie, da kaum partnerschaftliche Entscheidungen getroffen werden und Nadi sowieso vieles nicht geheuer ist. Sie hat Angst vor Deportation in den Iran und dem Tod ihrer Kinder, während Massoud sein Recht als Amerikaner einfordert.
Lester fühlt sich als glücklicher Familienvater und sieht das Problem nicht bei seiner Frau Carol. Dennoch zieht er Hals über Kopf mit Kathy zusammen in eine schäbige Waldhütte. Auch sonst gibt er sich impulsiv, denn er droht Massoud eigenmächtig und spricht dort Klartext. Von Anfang an agiert er sympathisch, ist der einzige bei der Filzung des Hauses, der ihr gegenüber positiv agiert. Dann will er der helfen, die niemanden hat, macht sich dem Kampf um ihr Haus zur Chefsache. Genau wie er hier Privates und Beruf vermischt, ist er gespalten hinsichtlich seiner Familie und Kathy. Nicht nur die klagenden Vaterrufe seiner Kinder, als Carol ihn vor der Polizeistation abfängt, zeigen sein Dilemma, sondern auch, als er mit Carol Klartext reden will und ihn ein Anruf von seinem Chef erwartet, er hätte sich unverzüglich ins Büro zu begeben. An beiden Orten erwarten ihn inkompatible Konflikte. Jenes trifft er gleichfalls an, als er Massoud und Esmail begleitet und Massoud Lester überwältigt, bevor es zum tödlichen Schusswechsel kommt, was wiederum eine Verkettung unglücklicher Umstände ist.  
Es gibt wenige Hintergrundinformationen über die Behranis. Wir wissen, dass sie bei der Hochzeit ihrer Tochter Bäume fällten, um „to reach infinity with our eyes, to see forever“, die Natur wird unterjocht, der Blick in die Zukunft gerichtet. Es gibt ein Bild von Behrani mit dem Schah zusammen, was bedeutet, dass sie unter dem Regime von Khomeini fliehen mussten. Behrani ist Kolonel, arbeitet in den USA aber in niederen Jobs, am Tage als Bauarbeiter, nachts in einem Laden, wo er Einnahmen und Ausgaben säuberlich in einem Buch aufführt. Er krampft sich ab, um seiner Familie eine Existenz zu sichern. Hierbei lebt er in zwei Welten und vielleicht zwei Persönlichkeiten, denn er wechselt seine Kleider, in einer Szene eindrücklich wiedergegeben. Als er Nadi die Nachricht vom Hauskauf mit Lilien überbringt, reagiert sie extrem abweisend, eine emotional extrem traumatische Szene: jemand will gutes tun, erfährt aber nur Ablehnung. Respekt ist ihm zentral, der aber mehr mit Achtung als mit Ehrerbietung zu tun hat. Dennoch führt er sich patriarchalisch auf, die Familie ist ihm wichtig und der Sohn am wichtigsten. Nach dessen Niederschießung intoniert er „ I want only my son“ und betet gegenüber Allah, alles in seinen Kräften zu tun, wenn nur sein Sohn leben könnte. Die Religion trügt diese Hoffnung, was für Massoud den Sinn des Lebens negiert und er tötet sich und Nadi, was er allein entscheidet. Dazu legt er seine Uniform an und stülpt sich eine Plastiktüte über den Kopf, die er zuschnürt. Jene Szene neigt in ihrer tragischen Verzweiflung zum Absurden.
Kathy erfährt bei ihrem zweiten Auftritt bereits, welche unüberbrückbaren Differenzen für sie zu einem normalen Leben bestehen. Ihre Mutter ruft an und Kathy ist noch völlig verschlafen: bei der Mutter ist es 9 Uhr, bei Kathy aber erst 6 Uhr, worauf die Mutter sagt, der (verstorbene) Vater sei immer um 4.30 aufgestanden. Dort prallen Welten aufeinander, die von der Entfremdung zwischen Eltern und Kindern handeln. Sie lügt über ihren Ehemann, von dem sie seit 6 Monaten getrennt ist – ruft die Mutter so selten an oder lügt Kathy ihr so oft vor? Ihre Post liegt ungeöffnet auf dem Boden, der Auslöser von jeder Menge Ärger. Ihr Haus ist nicht in bester Ordnung (Flecken, abblätternder Putz) - was aber auch Alterserscheinungen sein können -. Als sie ihren Bruder Frankie verloren und um Hilfe nachsuchend anruft, wendet sich jener von ihr ab. In Lester findet sie einen Freund und geht das offensiv mit Blicken und Fußspielen an. Warum sie so an dem Haus hängt, ist schwer ergründbar außer einer bodenständigen Verwurzelung. Als Lester dann zeitweilig zu seiner Familie zurückkehrt, unternimmt sie einen Selbstmordversuch, zuerst mit der Pistole, die nicht funktioniert - Massoud kommt zur Rettung -, nach der hilfreichen Aufnahme durch die Behranis mit einer Überdosis Tabletten. Hier zeigt sich die positive Seite der iranischen Familie, auch von ihm, der ohne zu zögern sie rettet, obwohl Kathy ihm vorher sehr feindlich gegenüber stand. Hier trifft sich grenzüberschreitende menschliche Wärme.  
Inhaltlich und formal fokussiert der Film auf Parallelen zwischen Massoud und Kathy: seien es Parallelmontagen, wie beim Sex, Massoud auf Nadi, Kathy auf Lester; seien es Lebenseinstellungen: Lester sagt Kathy, sie hätte keine Wahl, Massoud sagt Connie, dass er keine Wahl hätte; sei es der Unterschied zwischen Zwang und Freiheit: sie muss eine Nomadin sein, er will einer sein; sei es eine Assoziation mit Blut: Esmail kommt vom Sport mit blutigen Knie (er soll den Boden nicht schmutzig machen); Kathy tritt mit dem Fuß in einen Nagel, der von Nadi verarztet wird, Massoud ist voller Blut, als Esmail erschossen wird. Durch Gemeinsamkeiten und gleichzeitige Unterschiede wird ein Schicksalsband zwischen beiden etabliert.  
Perelman unterbricht seinen Film permanent durch Aufnahmen der Natur, wie Wald, Möwen, Mond, Sonnenauf- und –untergänge, Nebel, Wolken, alles von einer romantisierenden Natur. Vögel haben eine überragende Bedeutung als Symbol. Die Rede ist von Vögeln mit gebrochenen Flügeln (ein auf Kathy bezogenes Bild) oder solchen in Käfigen. Nadi träumt von einem gefangenen Vogel, Massoud schwört, den Vogel zu heilen. Kathy sieht eine tote Möwe im Wasser, aber gleichzeitig sitzen welche auf dem Geländer. Vögel symbolisieren Freiheit, die niemand der verschiedenen Parteien tatsächlich hat. Auch sonst wird auf die Geräusche geachtet, wie z.B. Hundebellen. Jump Cuts werden eingesetzt, wie die Bilder von der Hochzeit Sorayas und dann die schweißtreibende Straßenarbeit Massouds. Daheim herrschen helle Farben vor und zeigen das Heim als Ort des Wohlfühlens. Die Musik stammt von James Horner, die gegen Ende hin etwas sulzig wird und nicht mehr ganz dem Inhalt entspricht.
Perelman ist selber Emigrant und hat in verschiedenen Ländern zum Teil entbehrungsreich gelebt. Als sein erstes Werk verfilmt er die Romanvorlage von Andre Debus III als quasi eigene Geschichte, was dem Film 3 Oscarnominierungen einbrachte. Ein so depressiver Mainstreamfilm, in dem es nur Verlierer gibt, ist sehr selten (River´s Edge ist ähnlich, aber kein Mainstream). In den USA spielte der Film nicht ganz sein Budget an den Kinokassen ein. Er zeigt die Schwierigkeiten, denen Immigranten ausgesetzt sind und stellt jene denen von Einheimischen gegenüber. Während Lester rassistisch agiert, endet HOSAF mit dem Tod dreier Iraner und dem Überleben der beiden Amerikaner. Aufschlussreich ist die Besetzung des iranischen Vaters mit Kingsley, der mit Akzent spricht, während Nadi zum Teil persisch spricht. Eine weitere Tragik besteht darin, dass Massoud ein Leben rettet, aber ein anderes, ihm noch wertvolleres verliert. Der Schuss der Polizisten war sehr gezielt und Esmail reagierte provoziert, als Lester seinen Namen zum wiederholten Male falsch aussprach. Vorher bestand da schon Mühe, aber Massoud fällt schockbedingt der Name seines Sohnes erst verspätet ein im Krankenhaus.
HOSAF ist ein eindrücklicher Film aus düsteren Gefilden, der mehr als Sand und Nebel bietet und offenkundig macht, dass menschliche Schicksale, wenn sie zusammenkommen, eher sich ins Negative kehren als synergetisch sich zum Positiven wenden (s. hierzu auch Stay). Glück ist oft auf Sand gebaut und so flüchtig wie Nebel. Dieses Drama geht wie Sand und Nebel unter die Haut.  

Achim Hättich

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