Fate ignoranti, LeAhnungslosen, DieOzpetek, FerzanItalien/Frankreich 2001Drama/Romanze; Medizin; Entwicklungsgeschichte; Migration; Nachdem er sich von Arbeitskollegen verabschiedete, da er keine Zeit hat, mit diesen essen zu gehen, telefoniert Massimo (Andrea Renzi) herum, übersieht beim Betreten der Strasse ein Auto und stirbt. Seine Frau, die Ärztin Antonia (Margherita Buy) wird deprimiert, erfährt aber, als sie Massimos Sachen von seinem Arbeitsplatz erhält, dass auf einem Bild auf der Rückseite die verliebte Widmung einer „fate ignoranti“, unwissenden Fee, vorhanden ist. Sie spürt dem nach und gelangt in ein schäbiges Mietshaus in einer herunter gekommenen Gegend mit lauten Auseinandersetzungen im Treppenhaus und lauter kuriosen Typen wie der kleinen und dicken Hausverwalterin Serra (Serra Yilmaz) mit ihren blau gefärbtem Streifen im Haar, der transsexuellen Mara (Lucrezia Valia), dem schwerkranken, bettlägerigen Ernesto (Gabriel Garko), der quicklebendigen Luisella (Rosaria De Cicco), dem türkischen Stricher Emir (Koray Candemir) oder Michele (Stefano Accorsi), bei dem sich herausstellt, dass dieser die gesuchte Geliebte namens Mariani ihres Mannes war. Antonia ist völlig baff, als sie erfährt, dass die Geliebte keine Frau sondern ein Mann ist. Nach anfänglichen Berührungsängsten und Auseinandersetzungen merkt Antonia die Vorzüge dieses so ganz anderen Lebens und sie fängt an umzudenken. Ozpetek muss beweisen, dass er das Kino kennt, was er zum Ausdruck bringt, dass seine Figuren dies ständig zitieren. Ob sie Untertitel bräuchten, um zu verstehen und das richtige Leben sei nicht wie eine Seifenoper, während The Invisible Man und Grace Kelly erwähnt werden. Dazu bekommen die wichtigsten Stil. Antonia interessiert sich für Kunst, die ersten Szenen zeigen sie in einem Museum mit antiken Skulpturen, wo sie von einem Mann angesprochen wird, der gleich die allein gelassene küssen möchte, was ebenfalls Emir will, der sonst niemand an sich heranlässt. Massimo holt sie nur im Museum ab, das von ihm sehr gesuchte Buch, wo Massimo Michele kennenlernte, besorgt er für Antonia und das Bild schenkte ihm Michele, er ist ein Kunstbanause. Das begehrte Buch ist eines von Hikmet, der ein verfolgter Dichter in der Türkei war. Serra erzählt ebenso von einer Flucht, es ist von Vergewaltigung und Gefängnis die Rede, ihr Aufenthalt in Italien schien nicht freiwillig zu sein. Ozpetek erwähnt leider nur en passant politische Anliegen. Liegt der Grund dafür darin, dass in der Küche gesagt wird, die Wahrheit zu sagen sei gefährlich. Antonia wird als gebildet und wohlhabend geschildert, dazu gehört ihre luxuriös ausgestattete Villa direkt am Meer mit grossem Park ums Haus herum. Diese beiden Welten werden zu stark akzentuiert, neben Wohlstand noch sexuelle Orientierung, Probleme, Migration, etwas weniger Farbigkeit im Haus von Serra wäre gut gewesen. Massimo hat irgendeinen Bürojob, der zwar nicht edel sein dürfte, aber auch nicht gerade einfachste Aufgaben umfasst, sondern grosszügig angelegt ist. Von den Anderen arbeitet Michele in einem Grosshandel, Mara hat eine Boutique, ein glatzköpfiger trägt Anzug, Krawatte und Aktenkoffer, ein Anderer arbeitet in einem Blumenladen. Antonia setzt mit ihrer Arbeit aus, hat als Ärztin sicher Rücklagen. Die Diskrepanz, die bei einer besser ausgebildeten und mehr verdienenden Ehefrau für den Ehemann besteht und sehr konfliktträchtig ist, wird hier nicht angesprochen. Eher ist es komisch, da sie keine Kinder haben wollten, dass sie dann wahrscheinlich schwanger ist. Auf das wird wie vieles nicht eingegangen- z.B. lebt Massimo im Kind weiter? -, aber man hätte es sich sparen können. Mit LFI werden zwar wichtige Fragen angesprochen, nein eher angetippt. Sind Eifersucht, die Liebe und die moralische Schuld anders, wenn es sich bei einem Seitensprung um einen gleichgeschlechtlichen Partner/In handelt? Natürlich jene Fragen, was an der anderen Person fasziniert, was an ihr besser ist. Die Liebe steht nicht unbedingt im Fokus, auch nicht die Initiierung in die Homosexualität. Gut eingefangen ist jene Gemeinschaft, die wie eine große Familie ist, die sich gegenseitig unterstützen und einander helfen, für die meisten Probleme eine Lösung bieten. Klar, dass sich Massimo dort gut aufgehoben fühlte, aber musste er sich in einen Mann verlieben? Hätte er nicht einfach da sein oder sich eine der Frauen schnappen können? Oder ist die Liebe zu einem Mann anders, was macht sie aus? Das was LFI zeigt – ein flüchtiges Küssen mit blankem Oberkörper, Eduardos Erzählung von Emanuele, der verschwunden ist, aber ihm eine räumliche Orientierung gab – ist ziemlich oberflächlich. Eine gewisse Andeutung entsteht, als Antonia einem Patienten mitteilt, dass er HIV-Positiv ist, dieser aber seiner Frau dies nicht gestehen will, vor allem, da es sich um deren Freundin handelte. Hier spielt das Schicksal schon mit gezinkten Karten wie es das auch tut, als Antonia das Bild nicht richtig aufhängen kann und dadurch auf dessen Rückseite die Widmung erblickt. Somit basiert das Drehbuch auf Zufällen. Antonia will verstehen und Verständnis für ihre Situation, gelangt aber darüber dazu, die Anderen nicht nur zu verstehen, sondern zudem zu akzeptieren und zu schätzen, und vielleicht darüber auch Massimo besser zu erkennen. Michele fühlt sich schuldig und glaubt sowieso, er hätte alles falsch gemacht im Leben. Falsch spricht er den Toast auf Massimo aus, wo sie den Tisch verlässt, vielleicht gut gemeint, aber unpassend für eine Trauernde. An Massimo kamen unerwartete Seiten zum Vorschein mit seinem Frikadellenrezept. Entsprechend ist dies bei Antonia der Fall, allmählich findet sie Gefallen an dieser Lebensweise und auch an Michele. Sie bringt ihm das Buch und stellt eine Flasche Champagner hin, geht aber jeweils wieder, weil die Anderen unpassend sind, entweder mit Orgien oder als sie über sie und ein mögliches Liebesverhältnis reden. LFI spielt sehr mit begierigen Blicken, die ausgetauscht werden mit Antonia im Mittelpunkt. Als Michele bei ihr daheim ist, muss er weinen, sie tröstet ihn und beide küssen sich, aber es bleibt dabei, ein befreiendes Lachen Antonias beschließt die Situation, nachdem sich beide vorher bei strömendem Regen streiten, es geht um das gegenseitige Verständnis von unterschiedlichen Lebensentwürfen. Antonias bleibender familiärer Bezug ist Mutter Veronica (Erika Blanc). Diese meint es vielleicht gut, ist aber darin zu passiv und manchmal zu bevormundend, ohne allzu autoritär zu sein. Den Seitensprung erzählt sie weit herum, was aber wie eine Farce daherkommt und als solche Boulevardisierung nicht so hätte Teil des Filmes sein sollen, gleiches gilt für den dicken Bub, der auf Diät ist. Solche Erfahrungen sind ihr nicht unbekannt, die sich fast im Haus einnistet. Sie will die trüb dasitzende nicht allein lassen, aber die sitzt lieber allein da. Antonia sagt ihrer Mutter auch nicht die Wahrheit, lässt sie im Glauben, es handele sich um eine Frau. Jene durch ihre Tante aufgenommene Hausangestellte Nora (Edilberta Caviteno Bahia) fällt nur durch zu spätes Heimkommen und ihre übertriebene Trauer um Massimo mit buddhistischem Altar auf. Spiegelungen und Fälschungen kommen groß zum Einsatz: Antonia sieht sich im Schaufenster gespiegelt. Oft hockt Antonia am See und blickt aufs Wasser, eigentlich eine Idylle, selbst wenn ohne Leben. Sie und Massimo werden zuerst eher räumlich getrennt gezeigt, was etwas ganz anderes ist der gedrängte Balkon bei Michele. Am Ende geht sie in die Ferien, auch ein Trick, den sie mit Emir abmachte, die Anderen glauben, sie ginge mit Emir nach Amsterdam, sie gewinnt Abstand, aber auch das ist nicht zwingend. Der Fortschritt zeigt sich bei Eduardo, nicht nur dass er dank der Pflege von Antonia körperlich rasch genest, sondern auch dass er beim Toast von Emir sein Glas wahrscheinlich absichtlich fallen lässt und zerschellt, während es später zwar fällt, aber ganz bleibt. Er, der von allen verlassen wurde, aber in dem Haushalt viel Zustimmung und sich um ihn kümmernde Personen findet, macht sich auf und davon, geht an den Ort, wo er Emanuele zuletzt gesehen hat, hockt dort, ein Ort, den nur Antonia, die an seinem Krankenbett hockte, zu kennen scheint. Ihm wurde nicht gesagt, dass Emanuele gestorben ist, um nicht sein Leben aus Trauer über den Verlust zu gefährden. Antonia, ohne grosses Charisma gespielt, zeigt nur kurz Zeichen der Trauer und tut dann als wenn nichts gewesen wäre, wo überhaupt diese Rolle nicht sehr überzeugend gespielt ist, relativ wenig engagiert, mehr ein alles über sich ergehen lassen. Dafür ist ihre Homophobie zu übertrieben oder aufgesetzt. Beim Unfall fliegt Massimo wie ein Ball durch die Luft, dass es fast lustig ist. Geredet wird schnell und viel. Der Film geht wenigstens schnell vorbei, obwohl er auch langweilige Passagen hat. Die eigentlich inhaltlich zu starke Akzentuierung beider Welten wird am Ende im Parallelschnitt gezeigt. Jene skurrile Welt ist authentisch eingefangen, aber Außenseiter zu zeigen macht noch keinen Film aus. So hat Mara Mühe, zur Hochzeit eines Geschwisters zu fahren, die von der Geschlechtsumwandlung nichts wissen (sie fühlt sich freilich wohl in ihrer neuen Haut). Eher schade ist, dass keine richtige Beziehung zustande kommt, alles offen gelassen wird, obwohl die sexuellen Sitten locker scheinen. Es ist wie bei der runden Stahlkonstruktion, wie die Umrandung eines grossen Gasometers oder ein Gerippe. LFI stellt unterschiedliche Lebensweisen gegeneinander und findet die Alternative besser, die Serra im Gegensatz zu Michele als normal bezeichnet. Es ist ein lebensbejahender Film, ein Entwicklungsroman im Alter, der dennoch fundamentale inszenatorische Schwächen aufweist, die das Sehvergnügen und das Engagement für die Personen einschränken.
Achim Hättich |
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