Bonnes à tuerMord auf dem Dachgarten (aka Vier Frauen in der Nacht)Decoin, HenryFrankreich/Italien 1954Krimi/Ehekonflikt; Künstler; Frauen; - Schwarz-WeißMit glattem Größenwahn, unbändigem Ehrgeiz, rücksichtslosem Egoismus, absoluter Skrupellosigkeit und doch einem unwiderstehlichen Charme und wortgewandter, gediegener Rhetorik hat François Roques, genannt Larry (Michel Auclair), es geschafft, durch die Vermählung mit reichen Frauen aus ärmlichen, für ihn traumatischen Verhältnissen, wo er hungerte und Angst hatte, zum wohlhabenden Playboy aufzusteigen. Seinen Job als Reporter bei einem Magazin führt er eher schlecht als recht durch, Forestier (Gil Delamare) ist dort sein einziger Freund. Dafür hat er einen schlechten Ruf, der ihm voraus läuft und überall verfolgt. Durch die Verlobung mit der 18-Jährigen Cécile Germain-Dumas (Lila Rocco), Tochter seines schwerreichen Arbeitgebers, will er endgültig – oder besser gesagt vorerst - am Ziel seiner gierigen Träume ankommen. Dazu hat er sich das luxuriöse Appartement seines Freundes William Jordan (Gérard Buhr), einem amerikanischen Diplomaten, mit Ausblick über ganz Paris gekauft. Um die Wohnung einzuweihen, gibt Larry eine Dachgartenparty, zu der er jene vier Frauen einlädt, die in seinem Leben eine Rolle spielten oder spielen. Da ist seine erste Ehegattin Constance Andrieux (Danielle Darrieux), eine von ihm Pussy genannte sensible Töpferin, die Larrys brutalem Ehrgeiz und seine Machenschaften stets sehr kritisch gegenüberstand; dann die eiskalte, selbstbewusste Gespielin Maggy Lang (Miriam Di San Servolo), die ihren reichen Ehemann vergiftete und sich ein wenig vor Larry ekelt, obwohl sie ihn mit großen Augen leidenschaftlich küsst; außerdem Larrys aktuelle Noch-Ehefrau Véra Volpone (Corinne Calvet), eine mäßig erfolgreiche Filmschauspielerin, die sich gegen eine horrende "Abfindung" von ihm scheiden lassen will, da sie mit dem machohaften Spanier Mario Mirador (Roberto Risso) angebändelt hat; und natürlich seine schwangere, ihn in jugendlicher Schwärmerei anhimmelnde Cécile, die Larry gegen den Willen ihres Vaters heiraten will. Larry bat die Frauen nicht grundlos zu sich: Eine von ihnen, die er aus tiefstem Herzen hasst, soll an diese Abend einen tödlichen "Unfall" erleiden. Das Geländer der Terrasse ist gelockert, ein kurzer Stoß vor den Augen der Anderen genügt. Doch der Abend verläuft anders als von Larry geplant. Constance, Maggy und Véra erinnern sich an ihre Zeit mit Larry - eine Zeit, die sie im Nachhinein erschauern lässt. Auch Cécile spürt, dass Larry irgendetwas im Schilde führt. Die Anspannung wird immer unerträglicher, ein Gewitter liegt samt einer Tragödie in der Luft, das sich nicht entladen will, nach und nach schauen die Frauen in die Tiefe oder zu tief ins Glas. BAT zeigt anfangs eine Volksmenge, die über einen Toten, der auf dem Bürgersteig liegt, sich entsetzt, es wäre ein Egoismus, sich aus dem Fenster zu stürzen. Die Kamera schwenkt nach oben, wo Larry und Jordan über Frauen reden, Jordan sich abfällig über französische Frauen äußert und nach seiner Rückkehr in die USA dort heiraten will. In der teuren Wohnung ist das Geländer lose, man solle sich nicht daran lehnen, das wäre ein Sturz, ist Larry überzeugt. Hier werden beide Szenen verbunden, die Spannung ist gegeben. Im Voice-Over heißt es, dass er beschließt „sie“ zu töten, ein perfektes oder besser gesagt perfides Verbrechen. Leger und selbstsicher wandert er in der Wohnung herum, er ist der Größte, möchte die ganze Stadt beherrschen. Arrogant zerknüllt er Briefe, ohne sie gelesen zu haben oder lässt Anrufe unbeantwortet. Sogar die Polizei steckt er in die Tasche im Gegensatz zu Cécile, die im Parkverbot stehend von einem Polizisten, den sie trotzdem zum Trinken einlädt, rüde angepackt wird, ihr Einfluss scheint bescheiden. Larry informiert die Polizei, Mario sei im Drogengeschäft tätig und wird damit zum Spitzel, alles was ihm dient, ist ihm recht. Unter den Voraussetzungen können die übrigen Personen nur speziell sein. Mario hat einen Schnauz, ist muskulös, trägt Unterhemd oder eine karierte Jacke, seine Fluchtgründe sind unerfindlich und undurchsichtig. Cécile hingegen wuchs in der Schweiz in Lugano auf, wo sie alles besser findet und alles teurer ist. Für fehlendes Gewissen gäbe es Elektroschocks. Larry hat einen chinesischen Diener, der nie redet, aber alles versteht, ihm einmal nur etwas zuflüstert. Die Kleider der Frauen sind freizügig, an und ab zeigt sich ein Bein (das von Vera in der Toilette), die blonden (Vera, Maggy) und schwarzen (Cécile, Constanze) Haare sind nie lang. Das macht ihre äußere Erscheinung aus, ihre innere ist ziemlich kompromittiert. Vera erzählt Teil ihrer Geschichte im Spiegel, auch Larry ist im Spiegel zu sehen. Larry tanzt mit Cécile im wechselnden Schatten. Im Rückblick gibt es einen Rückblick, Constance beginnt, eine Frau zieht an den Glockensträngen, die Hochzeit in der Kirche, hier hat alles seine Richtigkeit, im Zug nach Cannes, seine Vorgeschichte. Larry wirft mit Geld herum oder lässt es achtlos fallen, Constance hebt es auf, weswegen er sie als Priester beschimpft. Fragen lässt er nicht zu, aber er hat in kriminelle Geschäfte investiert, die ihr wie manches andere zuwider sind. Larry beschwichtigt, er könne ihr keine Angst einflößen, da er sie liebe (in einer späteren Unterhaltung meint Cécile über den Studenten, wenn man sich liebe, würde man den Namen kennen). Obwohl er immer mehr den Konflikt sucht und häufiger streitet, hofft sie immer noch, glücklich zu werden, denn sie erwartet ein Kind. Jene Hoffnungen sind trügerisch, bei einer Party bei Jordan wirft Vera einen verschämten Blick auf Larry, Maggy lädt ihn direkt ein, während Constance allein da hockt und nicht zur Einladung kann. Sie besteht darauf, heim zu fahren, wo er wie ein Verrückter fährt, und sie fällt aus dem Auto heraus, wird für immer unfruchtbar. Die hysterische Vera unternahm einen Suizidversuch, um ihren Verlobten Fürst Gregor wachzurütteln. Doch selbst dann meldet sich der Adel nicht, aber Larry mit einem Blumenstrauß und knöpft ihr ihre Geschichte ab. Auch hier geht es mit dem Zug nach Cannes, die Zugräder symbolisieren den unaufhaltsamen Takt des Schicksals. Larry schlägt sich mit Forrestier, als Cécile kommt, letzterer entschuldigt sich. Cécile, die während eines Gewitters in einer Berghütte von einem Züricher Student geschwängert wurde (was für ein absurdes Bild), ist gleich von Larry angetan und trotz seines schlechten Rufs macht sie sich an ihn ran, wohl ein Teil Rebellion gegen ihre Eltern. Sie besuchen ein Jazzkonzert in einer abstrakten Atmosphäre, wo sie müde ist und zum ersten Mal von ihrer Schwangerschaft die Rede ist, neben einer Leuchtreklame mit „Dames“ oder ein Glücksrad, was sie einem blinden Hausierer abkaufen. Mit der Mörderin Maggy ist es ein Nervenkitzel zu tanzen und Vera spürt, dass Larry ihr ans Leben will. Vera geht als erste, dann Maggy, Cécile wird gegangen und als das Constance will, sind die Türen verriegelt und das Telefon funktionsunfähig. Sie, die Geschiedene, ist es, die er hasst, die erste, die er anruft und die erste, die kommt und die bald gehen will, aber die er überreden kann zu bleiben. Larry fühlte sich eingeengt, dazu hätte er kein Recht, das dürfe er nicht tun, er will die absolute Freiheit und hat doch an nichts wirkliches Interesse. Larry wird von einer Zwangsvorstellung beherrscht, er hat Schuld, trägt aber nicht die Verantwortung. Es kommt nach der Großaufnahme beider Augen zum Kampf beider am Abgrund, Larry erreicht sein Ziel nicht, die Leiche wird ganz kurz gezeigt, die Überlebende ist am Boden zerstört, die Polizei stellt wenigstens den Plattenspieler ab, sonst taucht sie kaum auf. Dieses Ende kommt einem Horrorfilm nahe. Decoin nutzt ähnlich Rope die kammerspielartige Situation des Appartements um eine skurrile Geschichte preiszugeben, mit Larry als völligem Kotzbrocken und Frauen, die trotzdem von ihm nicht ablassen können und ihm verfallen sind, und einer perfiden Idee, die er allerdings nicht zu dramatischen Konflikten treibt, sondern durch die eher langatmigen Rückblenden verwässert. Nicht ganz gelingt es, eine beklemmende Atmosphäre aus Ungewissheit und schleichender Gefahr zu erzeugen, die den Frauen zunehmend bewusst wird. Zumindest stirbt dann nicht eine nach der anderen, sondern das Ende ist konventionell und dient der Gerechtigkeit. Vorher jedoch tappte er in jedes Fettnäpfchen bürgerlicher Moral und verspritzte Unmoralisches, wobei Beziehungen nur der unmittelbaren Befriedigung von Bedürfnissen dienen.
Achim Hättich |
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