25 degrés en hiver 25 Grad im WinterVuillet, StéphaneBelgien/Frankreich/Russland/Spanien 2004Komödie/Migration; Kinder; Surrealismus; Road; Familienkonflikt; Ein aussergewöhnlich warmer Dezembertag hält nur Chaos für den für das Reisebüro seines Bruders Juan (Pedro Romero) arbeitenden Kurierfahrers Miguel (Jacques Gamblin) bereit: Erst muss er vor seinem Vermieter fliehen, dem er die Miete schuldet; dazu hat ihn seit langem seine Frau Miguel Richtung USA verlassen und er erzieht seine Tochter Laura (Raphaëlle Molinier) allein, die während eines Streites mit einer Klassenkameradin mit einer Platzwunde ins Krankenhaus muss, wo er zudem auf seine energische Mutter Abuelita (Carmen Maura) trifft, die dort ohnmächtig wird und meint, beinahe gestorben zu sein; dann bleibt er im Stau stecken, wo er ein Ticket vom Flughafen abholen soll. Plötzlich sitzt die illegale Ukrainerin Sonia (Ingeborga Dapkunaite) in seinem Laster, sie flieht vor der Polizei und will zu ihrem Mann Evgenij (Aleksandr Medvedev). Miguel lässt seine Verpflichtungen fahren und kümmert sich um Sonia, es wird eine Odyssee, die alle schließlich an das Meer bringt, wo es zu einigen wichtigen Entscheidungen kommt. Vuillet bringt uns ein Märchen herüber, kondensiert in Miguels Traum, wo er zu Beginn des Filmes 4:0 ruft – gemeint ist das Spiel Real Madrid gegen FC Barcelona -. Im Wettbüro machen sich die älteren Herren lustig über ihn, halten dagegen, aber Miguel koppelt das mit einem gewissen Rassismus gegen die Katalanen. Im Auto in der letzten Einstellung läuft die Radioreportage, es steht 3:0 und bevor die Endcredits fertig sind, fällt das vierte erlösende Tor, das allen ein Happyend beschert (ähnlich im Migrantenfilm Meine Mutter, mein Bruder und ich). Es mag eine hübsche Summe Geld geben, nachdem Miguel sich der Ehefrau, des Vermieters und des Jobs erledigt hat, Laura akzeptiert, dass ihre Mutter nicht wieder kommt; Sonia kann sich lösen von Evgenij und seiner neuen Freundin Estelle (Valérie Lemaître); und Abuelita, die schon vorher im Pflegeheim nicht nur entgeistert bis entsetzt der Parade der alten und gebrechlichen Personen entgegen starrte und dadurch merkte, dass sie doch nicht ganz zum alten Eisen gehört. Es ist eine kleine Gruppe, die ohne die Anderen auskommt. Zweimal wirft Miguel sein Handy weg, zuerst in den Sand und dann darf es Laura ins Meer werfen. Sie lassen alte Bindungen sausen und wenden sich mit glücklichen Gesichtern der Zukunft zu. Herzig ist, als Laura ihren Vater umarmt und erfreut ist, dass es nun ein Leben lang Rollmöpse gibt, immerhin eine Alternative zu den Fritten, von denen Abuelita nicht lassen kann. Währenddessen geistert Juan in der Kleidung eines Toreros mit dem Benzinkanister zwischen Kühen herum – eine subtile grandiose Verballhornung des spanischen Nationalereignisses -, nachdem sein roter Sportwagen schlapp machte und er inmitten der Wiesen Abhilfe suchen geht. Es zeigt sowohl die Hilflosigkeit eines mehr oder weniger erfolgreichen Geschäftsmannes wie auch das Versagen hochgezüchteter Technik. Vorher gab es eine Szene, wo Laura dringend pinkeln musste, Miguel zuerst nicht darauf eingeht, sie wandern über ein Feld, wo Laura plötzlich nicht mehr muss, aber Miguel das Versprechen abringt, Sonia zu sagen, dass ihr Mann sie gar nicht sehen will, eine richtige Prognose, wenn auch aus dem falschen Grund (nicht weil er noch nicht reich ist, sondern weil er eine andere Frau fand). Gleichzeitig muss Abuelita telefonierend ihre Notdurft verrichten, komische Szenen aus dem belgischen Alltagsleben. Verlassenheit prägt die Personen: Miguel von Muriel und ein wenig von Juan, Sonia von Evgenij, ihre erste Begegnung findet an einem Stacheldrahtzaun statt; Laura von Muriel (sie telefonieren miteinander, aber Laura sagt beim Telefonat am Strand, dass ihre Mutter ein anderes Kind in Amerika hat und sie nicht mehr liebe, eine ziemlich schwere Beschuldigung, aber die Mutter hat keine 5 Minuten Zeit, wenn beide nach den USA kämen) und ein wenig vom Vater, dass er sie rechtzeitig von der Schule abholt; Abuelita von ihrem eigentlich wegen nichts verstorbenen Mann und von den Anderen, die nicht auf ihre hypochondrischen Gesundheitsbeschwerden eingehen; Juan von dem wenig zuverlässigen Miguel. Daneben kommt Verzweiflung zum Vorschein, oftmals gepaart mit Gewalt. Miguel wühlt im Sand und schreit, Laura läuft nicht nur einmal weg, versteckt sich im Kohlenkeller, buddelt ein Loch für ihre Puppe, der sie den Kopf abgerissen hat, als sie Sonia im Kleid der Mutter für ihre Mutter hielt. Evgenij tötete die Katze des Direktors (die möglicherweise ausgestopft auf dem Tisch des Pflegeheimes steht), Sonia gibt eine Mordphantasie von sich (bei Miguel brach sie eine Duscharmatur ab). Sonia hält ihn zwar, bleibt aber steif. Die rabiate Abuelita schlägt Laura und ihren Sohn. Miguel ist sonst ein Minimalist, der die Lüge zum Prinzip erhoben hat. Obwohl er die Flugtickets persönlich übergeben soll, steckt er sie in den Briefkasten (wo sie umständlich wieder herausgefischt werden müssen, wobei der Briefkasten arg in Mitleidenschaft gezogen wird) oder gibt sie einfach einer Person, ohne sich deren Identität zu versichern. Miguel erfindet Geschichten, um die für ihn nicht bewältigbare Realität zu kaschieren und um Kritik aus dem Weg zu gehen, denn er wird von allen Seiten gefordert (einmal ertönen Sirenen beim lügen). Dies greift sogar um sich, da die eigentlich skeptische Mutter später seine Geschichte übernimmt mangels eigener Nachprüfung von deren Richtigkeit. Sonst ist er clever (er fährt an den wartenden Autos vorbei über das Feld und konfrontiert die rügende Polizei damit, dass jene selbst über das Feld fuhren), weiß sich zu helfen und nimmt kein Blatt vor den Mund. Anderen geht es ähnlich mit dem Lügen: im Restaurant heißt es, Evgenij sei nach Brüssel gefahren, aber er ist daheim. Evjenij sagt Sonia, dass er nie mehr lügen will und kaum ist er bei Estelle, erzählt er dieser, Sonia sei seine Kusine, was diese fürchterlich wütend macht, dass sie einen Teil der Wohnungseinrichtung zertrümmert. Nicht immer ist es Unwissen, sondern manchmal die Furcht, sich entscheiden zu müssen oder vor den Folgen, die die Wahrheit hat. Evgenij sagt Sonia, dass er nur sie liebe und das für immer. Im Gegensatz dazu habe Estelle ihm einfach geholfen, aus dem mit der Migration verbundenen Schlamassel zu kommen und er müsse ihr dafür dankbar sein. Wir erfahren zu wenig, aber Evgenij scheint der problematischere, weniger vertrauenswürdige zu sein. Der gnadenlose und alle ignorierende Optimist Miguel weiß sich zu behaupten, obwohl er sein Leben nicht in den Griff bekommt, sowie Versprechen macht, die er nicht halten kann. In ihm zeigt sich, dass das Handy animiert zu lügen. Genauso lässt er sich aufhalten und abhalten, obwohl er es eilig hat, er versäumt Pflichten. Er wirft die Frage auf, warum Sonia ausgerechnet in sein Auto gestiegen sei (eine ähnliche Situation gibt es in Lluvia), wo doch 850 weitere zur Verfügung standen. In diesem und allgemein beharrt der Film ziemlich auf dem Prinzip Zufall, um nicht zu sagen auf einer Anomalität, dem Titel entsprechend. Was Unverfrorenheit anbelangt ist Sonia Miguel ebenbürtig: sie setzt sich in das abgestellte Auto, fährt einfach los, steigt dann so ungeniert wieder aus (so dass der Polizist Mitleid mit Miguel hat, der vorher anregte, auf allen Maisfeldern Belgiens Schilder aufzustellen). Sie streiten sich hier handgreiflich, aber Miguel hält für sie die Türe auf. Im Weiteren ist er ihr näher als er wahrhaben will, allein dass er sich nur noch um sie kümmert und die Arbeit vernachlässigt. Sie fällt ihm in der Dachwohnung, wo einst ihr Mann gewohnt hat, nachdem sie schwer atmet, um den Hals und küsst ihn mit wilden Berührungen, Laura schaut zu und flüchtet danach verstört in den Kohlenkeller (dort betend), während Sonia sehnsüchtig blickt. Migration wird auf verschiedene Arten gezeigt, wie neben französisch russisch, spanisch und flämisch geredet wird, Belgier spielen eine untergeordnete Rolle. An der Bushaltestelle erkennt ein arbeitsloser Belgier Sonia direkt als Ausländerin am anderen Blick, ist aber verärgert, dass er im Gegensatz zu den Ausländern keine Arbeit hat. Sonia war Lehrerin, wurde aber neun Monate nicht bezahlt und wurde in Belgien drei Monate in einem Gefängnis festgehalten, wo sie ihre Zeit totschlagen musste, beides Aspekte von Sozialkritik. Zum Filmbeginn kommt Sonia zu Wort, in einem vergitterten Laster sitzend, spricht von einer Rückkehr nach Odessa, die Kamera fährt die Gesichter der Anderen ab. Sie werden gestoppt, Farbe fliegt gegen den Laster, Polizei kommt, eine Kundgebung findet statt, alles ziemlich verwirrend, wer hier welche Rolle spielt, vielleicht das Chaos mit der Migration aufgreifend. Es kommt ein Flugzeug, Sternbilder, die die Namen der im Film mitwirkenden anzeigen, eine blinkende Digitalzahl, die bei 25 stehenbleibt, eine gewisse Innovation ist hier spürbar. Miguel schlafend, Laura wartet bereits, mit ihr gibt es Streit, die Furcht vor dem Vermieter, dem er später mit einer Flucht durch das Fenster entkommt. Dann fällt der Inhalt von Lauras Schulranzen auf die Strasse. Sonia verliert sowohl Buskarte als auch Adresse und wie Abuelita erzählt, verpasste die Familie einmal einen Zug. Mit kleinen Missgeschicken wird die Familie humaner gemacht. Miguel fährt einige Male im Kreis herum, genauso wie die Autofahrt ans Meer mit Überblendungen bewerkstelligt wird. Anfangs steht er mit seinem Auto vor einem großen Schild, dass die Weiterfahrt verhinderte, wie ein anderer ihm hinten auffährt, die Schuld auf sich nimmt, aber der Finger wird ihm eingeklemmt. In solchen Szenen zeigt sich eine gewisse Absurdität. Anderweitig wird Sonia in vielen fragmentierenden Detailaufnahmen gezeigt, ihrem Migrationsstatus entsprechend und besonders, wenn sie neuen belastenden Situationen gegenübersteht (der Eintritt in die Wohnungen von Miguel und Evgenij). Alle Frauen tragen rote Kleider und der Film spielt an einem einzigen Tag, kontrastiert die Stadt mit dem Land. Am Ende sind alle erfreut, die aufscheinende Tragik verflüchtigt sich, wenn auch der Ernst die Komik verdrängt. Alles wirkt bemüht, zu sehr erzwungen und manchmal tapsig inszeniert. Was anfänglich noch mysteriös war, findet eine Auflösung, die drei Generationen und zwei Kulturen finden zusammen und allen fehlt etwas. Vuillet zeigt unterschiedliche Zustände und Motivationen der Migration, obwohl Miguel, auf den der Film fokussiert, kaum ein spezifisches Verhalten an den Tag legt. All das verpackt er in eine turbulente Komödie, deren warme Temperaturen mehr ermüden als die Leidenschaft anregen.
Achim Hättich |
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